"Auf die Schule, fertig, los!"

Datum: Montag, 12. September 2011 07:26

Vom richtigen Start ins lebenslange Lernen

Im vergangenen Monat haben sich viele kleine Lausitzer das erste Mal samt Schulranzen auf den Weg in die Schule gemacht, während andere inzwischen schon zu den Profis in der Grundschule zählen. Für Kinder, die im kommenden Jahr eingeschult werden, beginnt jetzt die heiße Phase der Vorschulzeit. Es gibt neben der Gesundheit der eigenen Kinder kaum ein Thema, das Eltern so intensiv berührt wie das Lernen, die Vorschule und schließlich der Schulalltag. Dieser Beitrag gibt einen Überblick, wie Eltern ihren Kindern gute Chancen in unserer Bildungsgesellschaft eröffnen können. Brandenburgs Schulen zählen auch nach aktuellen Studien zu den Schlusslichtern im bundesweiten Bildungsvergleich. Eine Vielzahl an Stundenausfällen, eine überalterte Lehrerschaft, fehlende Pädagogen bzw. Sonderpädagogen – diese Probleme werden von engagierten Eltern viel diskutiert. Viel entscheidender als der Einfluss der Schule ist für den Bildungserfolg der Kinder jedoch der Einfluss der Eltern – das belegen immer mehr aktuelle Studien. Es war in den vergangenen Jahren ein großes Medienthema, das in keinem anderen Industrieland die soziale Herkunft so entscheidend für den Schulerfolg ist wie in Deutschland. Je höher der Bildungsgrad der Eltern, desto größer die Abiturchance der Kinder – selbst wenn Eltern mit geringer Bildung über vergleichbaren Reichtum verfügen, haben deren Kinder statistisch gesehen schlechtere Bildungschancen als Kinder geringverdienender Akademiker. Die genetische Grundausstattung spielt dabei nur eine Nebenrolle. Inzwischen wurden hunderte Studien veröffentlicht, in denen ganz unterschiedliche Merkmale von Familien und Schulen in Bezug zur Schulleistung von Kindern erforscht wurden. In der Regel war die Effektstärke der Lernbedingungen in der Familie immer deutlicher ausgeprägt als die der Schule oder der natürlichen Veranlagung. Eltern und der elterliche Umgang mit dem Thema Lernen bilden also den entscheidenden Einfluss auf die Schulperspektiven der Kinder. Aus diesem Grund beschäftigt sich dieser Beitrag ausschließlich mit Förderungsmöglichkeiten der Eltern in verschiedenen Entwicklungsstadien bzw. Lernaltern der Kinder.

Hausgemachte Datenautobahnen
Das Gehirn setzt sich aus rund 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) zusammen, die miteinander wiederum über tausende von Synapsen verbunden sind. Man schätzt deren Summe auf 100 Billionen. Über biochemische bzw. elektrische Ströme bilden sich so weitverzweigte Kanäle, auf denen Informationen weitergegeben werden – sozusagen Datenautobahnen im Gehirn. Bereits ein Neugeborenes hat fast die gleiche Anzahl von Neuronen wie der Erwachsene, diese sind aber noch wenig miteinander vernetzt und klein. Gerade in den ersten Lebensjahren nimmt die Zahl der Synapsen rasant zu, im Alter von 3 Jahren hat ein Kind sogar doppelt so viele Synapsen wie ein Erwachsener. Hieran sieht man, welche Plastizität und Entwicklungsmöglichkeiten das junge Gehirn bietet. Kinder lernen oftmals mit erstaunlicher Leichtigkeit Sprachen oder Instrumente, sind anpassungsfähig und variabel. Dies hängt sicherlich auch mit eben jener weitverzweigten und variablen Struktur des Gehirns zusammen. So entscheidet die Förderung der Kinder in bestimmten Altersabschnitten darüber, welche Verbindungen für welche Kompetenzen aktiviert werden – und ob aus diesen tatsächlich eine Autobahn oder eine Sackgasse wird. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Entwicklungsfenstern oder sensiblen Phasen. Dies bedeutet nichts anderes, als das in bestimmten Lebensabschnitten das Erlernen besonderer Fähigkeiten im Vordergrund steht, eine besonders intensive Aktivierung und Vernetzung bestimmter Gehirnregionen erfolgt. In diesen Zeitfenstern reagieren die Nervenzellen besonders intensiv mit dem Aufbau von Vernetzungen auf bestimmte Außenreize wie Sprache, Musik oder räumliche Anregungen. Umgekehrt kann der Aufbau dieser Areale durch mangelnde Stimulation (Vernachlässigung, Traumata, ungünstiges soziales Umfeld, Krankenhausaufenthalt etc.) auch gehemmt werden. Außerhalb der Fenster können diese Fähigkeiten natürlich auch noch erlernt werden, aber mit größerem Aufwand. So schließt sich das Zeitfenster für den Spracherwerb etwa zwischen dem 5 bis 8ten Lebensjahr, das Fenster für die Lesefähigkeit reicht als weiteres Beispiel etwa bis zum 13 - 15ten Lebensjahr. Der für visuelle Wahrnehmung zuständige Hinterhauptslappen erreicht die höchste Anzahl an Synapsen schon in den ersten Lebensmonaten. Das Wachstum in den Stirnlappen (Aufmerksamkeit, Urteilsvermögen, Planung) ist zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr am intensivsten. Das Neugeborene kommt sozusagen mit einem Computerchip auf die Welt, der genetisch bedingt durchaus unterschiedlich leistungsfähig sein kann. Doch ist dieser Chip enorm entwicklungsfähig und anpassungsfähig. Vor allem in jungen Jahren entscheidet sich nun, ob er zu einem Hochleistungschip ausgebaut wird oder eher mittelmäßig bleibt. Der Mensch kommt also mit einem möglichen Potential auf die Welt und die Umwelt, das kulturelle, das soziale und vor allem familiäre Umfeld entscheidet dann darüber, inwieweit dieses Potential ausgeschöpft wird. Was in den Jahren der frühen Kindheit versäumt wird, kann später – wenn überhaupt – nur noch unter größten Anstrengungen nachgeholt werden.

Aufwärmen in der Vorschule
Eltern wirken in erster Linie indirekt auf den späteren Schulerfolg ihrer Kinder. Dazu zählen die häusliche Atmosphäre, die Lernkultur und das Vorbild der Eltern schon im Kleinkindalter. So zeichnen folgende Charakteristika „bildungsstarke“ Familien (auch nach dem Kleinkindalter) aus:

  • qualitativ gute Kommunikation zwischen Eltern und Kindern (Wortschatz, Komplexität, offene Diskussion)
  • Befriedigung kindlicher Bedürfnisse nach Geborgenheit, Wertschätzung, Liebe bei gleichzeitiger Unterstützung der Orientierung nach außen (Umwelt, soziale Kontakte)
  • Ausstattung des Haushaltes mit Büchern, Zeitschriften, Computern, Lernmaterialien
  • das Vorbild der Eltern: Bedeutung von Bildung, Medienkompetenz, kulturelle Aktivitäten etc.
  • familiäre Lernkultur mit vielen kognitiven Anregungen wie z.B. Vorlesen, Lernspiele, Experimente, Museumsbesuche
  • positive Einstellung zu Lernen und Leistung, zu Kita, Schule und Bildung insgesamt
  • motivierende Interaktion mit Kita und Schule, Unterstützung bei Hausaufgaben, hohes Anspruchsniveau, enger Kontakt zu Erzieherinnen und Lehrkräften