"Bierchen?"

Datum: Dienstag, 29. Mai 2018 14:41


Vor knapp einem Jahr sind wir in einen sogenannten ländlich geprägten Ortsteil gezogen. Man kann das auch getrost als Dorf bezeichnen. Seitdem hat sich mein Bierkonsum vervielfacht. Früher habe ich schwer abstinent gelebt und alle halbe Jahre mal an einem Bier genippt. In unserer neuen Heimat habe ich den männlichen Dorfreflex kennengelernt. Gehst du mal kurz zu einem Nachbar, greift der wie von Aliens ferngesteuert in den immer zufällig in seiner Nähe platzierten Kasten und stellt die immerselbe Frage: „Bierchen?“. Die Frage ist genauso wenig eine Frage, wie wenn die bessere Hälfte sich erkundigt, ob sie heute nicht irgendwie dick aussieht. Nein, och, du doch nicht, niemals. Beim Bier heißt das: Ja, klar doch, immer her damit. Unter Nachbarn im Dorf sagt man nie nein, denn das ausgeschlagene Bier führt unweigerlich zum ausgegrabenen Kriegsbeil. So haben wir uns an der ein oder anderen Dorftradition versucht. Feuerwehrfest hier, Umzug mit Blasmusik dort, Erntefest muss auch sein. Unsere Kleine entdeckte dieses neue Reich voller Faszination, während unser pubertierender Junior die fremde Welt skeptisch beäugte und lieber nach Hause wollte, um zu chillen. Das sei doch alles langweilig und uncool. Seine Dorfallergie fand dann aber am 1. Mai an abruptes Ende. An diesem Tag wurden alle Männer aus dem Dorf zusammengetrommelt, um bei der Feuerwehr den Maibaum aufzustellen. Einzig Mannsein geht in der Pubertät offensichtlich über Chillen, jedenfalls trommelte Junior auf seiner Hühnerbrust herum und machte klar, dass der Maibaum ohne ihn nie die Senkrechte erreichen würde. So packten wir zwischen Feuerwehrmännern mit Goldkrone-Atem und hinter den zwei Dorfältesten, die jede Anstrengung mit einer satten Flatulenz in die Cordhosen quittierten, den Maibaum an. Als wir heimkehrten, waren wir richtige Männer. Während wir uns sonst eher gekonnt anschwiegen, machte uns der Maibaum plötzlich zum familiären Kollektiv, das von Schwärmereien über seine Heldentat nicht genug bekam. Ich hielt diese Nähe für pädagogisch absolut wertvoll. Andere Väter machen mit ihren Söhnen ein Survival und hechten ein Wochenende durch Schlamm und Wälder – da stelle ich doch lieber einen Maibaum auf. Schon stand die Idee: auch auf unserem Grundstück sollte ein Maibaum stehen. Junior war ganz aus dem Häuschen. Meine bessere Hälfte war eher außer sich und stellte die berühmte Frage nach den Tassen im Schrank. Wir Männer waren uns aber längst einig. Ich besorgte einen satte sieben Meter langen Bamstamm, den wir häuteten und mit unseren „Stammessymbolen“ versahen. Ans Ende banden wir ein Bäumchen und befestigten darunter einen Hula Hoop-Reifen mit bunten Bändchen. Dann buddelte ich ein tiefes Loch und mit Hilfe großer Holzböcke, Seile und Juniors unvergleichlicher Muskelmasse richtete sich unser Maibaum immer mehr in die Höhe. Am Boden sah das Ding echt klein aus, nun wirkte es immer bedrohlicher. Wir Männer mussten tatsächlich alle Kraft aufbringen, bis unser Maibaum in mein Loch hineinrutschte. In diesem Moment traf unsere tatsächliche Unkenntnis von Dorf-traditionen auf handwerkliche Tiefflieger und meine Physik-Allergie. Der Stamm rutschte mit Schwung ins viel zu kleine Loch, stand kurz in der Waage, und sauste dann mit Karacho in die andere Richtung aufs Nachbargrundstück. Der Zaun war platt, die Wäschespinne erschlagen. Unser 2 Meter Hühne von einem Nachbarn stürmte an den Zaun, ich erinnerte mich adhoc an frühere Schulhof-Raufereien. Resigniert sah ich auf meine Hände, die nur zum Schreiben taugen, während Herkules von nebenan alle drei Wochen aus reinem Spaß die Findlinge in seinem Garten neu anordnet. Ich machte mich auf eine schallende Ohrfeige gefasst. Er langte am Zaun an und stellte die unvermeidliche Frage: „Bierchen?“ Die Geschichte war ihm die Versöhnung wert, zwei Wochen war er der begehrteste Gesprächspartner im Dorf – und wir sind hier jetzt allen als Familie Maibaum bekannt. Für den Sommer wurden wir schon zum Hahnenrupfen eingeladen. Ich ahne nichts Gutes ... Euer lausitzDADDY