Romeo im Duftrausch

Datum: Donnerstag, 28. Juni 2018 13:14


Haben Sie eine Ahnung, was ein richtiger Mann, ein Kinderduschbad und eine vierbeinige, im wahrsten Sinne des Wortes schwanzwedelnde Bühnenattraktion miteinander zu tun haben könnten? Normalerweise sicher nichts, aber dank Hektik und einer neuen Sammelleidenschaft meiner Tochter ist für mich aus diesen Zutaten eine nachhaltige Erfahrung geworden.
Meine bessere Hälfte würde sicher sagen, dass ich selbst Schuld bin. Wie immer auf den letzten Pfiiff! Und ich solle doch endlich mal etwas vorausschauender planen und nicht nur von der Tapete bis zur Wand denken. Mit vorausschauender planen meint sie, alle Eventualitäten eines internen Checklisten-Kataloges mit Prüf-Querverweisen und Alternativplänen abzuwägen, dabei alle noch so unwahrscheinlichen Störfaktoren zu berücksichtigen und dann erst zu handeln. Oh Mann, wie machen Frauen das eigentlich. Mir wird ja schon schwindlig, wenn ich von außen zuschaue, wie der Prozessor meiner besseren Hälfte bei wichtigen Entscheidungen heiß läuft. Dagegen ist selbst Supercomputer Deep Blue allenfalls Deep Blöd.
Naja, zurück zur eigentlichen Geschichte. Ausgerechnet vor dem Abend eines Kundenevents bei einem wichtigen Geschäftspartner hatte ich mich mal wieder völlig verplant. Nach entsprechender Terminhetzerei kam ich zu Hause durchschwitzt an, zehn Minuten „hinter der Zeit“, und musste nochmal unter die Dusche. Und da stand sie, eine Armee quietschbunter Pflegeprodukte meiner Kleinen. Ja, meine Tochter sammelt seit Jüngstem Duschschaum & Co. – „bilou“ heißt die Trendmarke einer YouTuberin, die „wirklich alle Mädchen aus der Klasse“ zum Überleben brauchen. Verstehe das wer will. Jedenfalls hat sie in ihrer Ordnungsbliebe die gesamte Duschablage mit ihrer Beautygalerie ausgeschmückt und alles andere weggeräumt. Mein Duschzeug wurde einfach verbannt und ich konnte es auch beim Blick aus der Dusche nirgends im Bad entdecken. Die Zeit lief – und in meiner Hektik griff ich einfach zu. Ich kann gar nicht mehr sagen, ob ich „Daisy Hands“, „Bloomy Passion“ oder „Cotton Candy“ erwischte. Gründlich eingerieben nahm ich mir wahrscheinlich zu wenig Zeit zum Abduschen, hechtete ruckzuck in meinen Anzug und düste ab zum abendlichen Event. Auf der Fahrt dorthin breitete sich im Auto ein Duft in einer Mixtur aus Süßwarenhandlung und Blumengeschäft aus. Ich hatte ganz vergessen, zur Neutralisation mein Parfüm aufzulegen. Ich roch wie ein manngewordenes Mamba-Kaubonbon. Das würde aber sicher schnell verfliegen, war ich mir sicher.
Wussten Sie, dass der Mensch über 20 bis 30 Millionen Riechzellen verfügt? Und dass Frauen einen viel sensibleren Geruchssinn haben? Glauben Sie mir, es ist so, ich bekam es an diesem Abend zu spüren. Ich wurde von den Frauen angeschaut wie ein Hundewelpe. Keine Sinneswahrnehmung beeinflusst unsere Emotionen so sehr wie das Riechen. In den Augen der Frauen im Bereich meiner Mamba-Wolke wurde ich wahrscheinlich zum rosa Plüscheinhorn. Wie ich später erfuhr, wurde unter jenen, die mich weniger gut kannten, heiß diskutiert, ob ich schwul sei und zu Hause in Plüschpantoffeln umherlaufe. Kicher. Das Highlight kam aber erst noch. In einem Programmpunkt des recht lockeren Events führte ein Artist eine unterhaltsame Nummer mit Hunden vor, sein Pudel-Duo hieß Romeo und Julia. Wir erfuhren, dass so ein Hund 100 Millionen Riechzellen hat und dass Romeo besonders gut riechen kann. Zum Beweis habe der Dompteur bei einigen Gästen zuvor heimlich etwas in die Jackettasche gesteckt. Romeo machte sich auf die Suche. Bei mir angekommen, dreht er völlig durch, hechelte und begann, meine Schuhe zu begatten. Meine Jackettasche war leer und der Dompteur rief, aber Romeo war im Duftrausch. Dank meiner Kleinen wurde ich das große Gesprächsthema des Abends.
Am nächsten Tag bekam ich dafür sogar noch eine Standpauke. Wieso ich ihr bilou benutzt habe, das sei doch nichts für Männer. Tja, so schlau bin ich da auch schon gewesen. Euer lausitzDADDY