„Eine Kasernierung der Bevölkerung halte ich nicht für angemessen“

Datum: Dienstag, 24. März 2020 13:36

Interview mit Lungenarzt und Schlafmediziner Dr. Frank Käßner

Dr. Frank Käßner startete seine Laufbahn als Facharzt für Lungen- und Bronchialheilkunde mit einer Tätigkeit als Oberarzt in der Lungenklinik Kolkwitz. Als Pionier widmete er sich dann der Schlafmedizin und zählt heute zu den renommiertesten Schlafmedizinern unseres Landes. In seinem Ambulanten Zentrum für Lungenkrankheiten und Schlafmedizin betreut er heute insbesondere Risikogruppen der aktuellen SARS-COV-2-Pandemie. Viele gut Gründe für ein Gespräch zum Thema:

Sie sind von Haus aus Facharzt für Lungen- und Bronchialheilkunde, wie gut kennen Sie sich mit dem Coronoavirus aus?

Da schwere Verlaufsformen der SARS-COV2-assoziierten Erkrankung COVID 19 primär die Lunge betreffen, habe ich mich in den letzten Monaten mit dem Thema beschäftigen müssen, viel gelernt und lerne täglich dazu.

Viele Ihrer Patienten zählen zu den Risikogruppen, wie schätzen Sie deren Situation ein?

Meine Patienten haben nicht nur mindestens eine chronische Krankheit, sondern sind meistens noch älter und haben Immundefizite. Damit sind sie besonders für die schweren Verlaufsformen gefährdet. Ich schätze die Situation als sehr ernst ein.

Empfinden Sie die Maßnahmen, die aktuell von der Politik in Deutschland und anderen europäischen Staaten ergriffen werden, als richtig und sinnvoll?

Im Prinzip ja, obwohl wir in Deutschland bei aktuell gesicherten 24 COVID 19- Todesfällen, denen 250 Todesfälle aufgrund der Influenza gegenüberstehen, noch eine vergleichsweise komfortable Situation haben. Dies kann sich jedoch bei der erwartbaren exponentiellen Ausbreitung sehr schnell rapide verschlechtern, wenn nicht konsequente Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Diese müssen aber mit Augenmaß durchgeführt werden. Eine Kasernierung der Bevölkerung halte ich nicht für angemessen, sogar kontraproduktiv. Menschen zu Hause einzusperren macht krank, depressiv und fördert sowohl die Pandemie als auch die Suizidrate. Ausgehverbote haben übrigens auch in Italien keinen Erfolg gebracht. Bewegung an frischer Luft hingegen, moderate sportliche Betätigung im Freien, natürlich mit dem entsprechenden Abstand von mindesten 1,5 Metern zu anderen Personen, stärkt das Immunsystem.

Was sagen Berufskollegen in der Lungenheilkunde dazu?

Da gibt es sehr unterschiedliche Meinungen, das lässt sich nicht verallgemeinern. Ein gutes Bild vom Meinungsspektrum erhält man auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin unter pneumologie.de.

Haben Sie eine Erklärung, warum wir uns mit dem Virus so schwertun, während es in Singapur, Taiwan und Hongkong sehr schnell in den Griff bekommen wurde?

Singapur, Taiwan und Hongkong sind geografisch kleine Areale mit logistisch hoch organisierten Strukturen, inklusive des Gesundheitswesens. Zudem traf es diese Gebiete nicht unvorbereitet und es gab da schon Erfahrungen mit ähnlichen Epidemien aus der Vergangenheit sowie im Kampf gegen Erdbeben und Tsunami.

Eine Studie besagt, dass das SARS-COV-2-Virus bis zu drei Tage auf Kunststoffen oder auch auf Edelstahl haftet – sind Türklinken & Co. in Coronazeiten gefährlicher als direkte Kontakte?

Nein, das sind experimentelle Daten mit unrealistischen Bedingungen, die in der Praxis wenig relevant sind. Tröpfcheninfektionen über Husten und Niesen sowie direkte Kontakte sind ansteckender als Schmierinfektionen. Gleichwohl sollte man auch letztere mit geeigneten hygienischen Maßnahmen wie beispielsweise der Vermeidung unnötiger Berührungen, der Verwendung von Handschuhen und regelmäßiger Desinfektion vorbeugen.

Sie zählten im Vorjahr zu den Unterzeichnern des Ärzte-Appells unter dem Motto „Rettet die Medizin“ – was läuft falsch in unserem Gesundheitssystem?

Unser Gesundheitswesen ist zwar „auf Kante genäht“, aber auf die Situation anders als in anderen Ländern relativ gut vorbereitet.

Man liest aktuell, dass an Beatmungsgeräten und Fachpersonal Mangel herrscht – hat man hier versäumt, richtig zu investieren und vorzusorgen?

Es stehen derzeit 28.000 Intensivbetten in Deutschland zur Verfügung. Weitere Kapazitäten und Vorkehrungen werden geschaffen, auch personell. Ich bin da zuversichtlich, wenn die Verbreitung verlangsamt werden kann.

Was halten Sie von der Berichterstattung in unserem Land, werden wir gut informiert?

Die Berichterstattung ist sehr heterogen, neben seriösen Quellen wie dem Robert Koch Institut gibt es häufig eine Überflutung an Informationen, teilweise auch mit Neigung zur Panikmache und zu Fake News. Halbwahrheiten, Gerüchte und Hysterie verbreiten sich dann leider schneller als das Virus selbst.

Zu welchem Verhalten raten Sie insbesondere Familien mit Kindern im Kita- und Grundschulalter in den kommenden Wochen, worauf sollten sie achten, welche Angebote können Sie nutzen, wo und wann ist Vorsicht geboten?

Zwei einfache Grundsätze helfen: Kinder sollten sich an die Regeln der Standardhygiene halten und den direkten körperlichen Kontakt mit älteren Menschen konsequent meiden.

Anfang der 1980er-Jahre kam Aids, 2002 SARS, nun 2019 Corona – werden Viren uns in dieser Regelmäßigkeit auch weiter begleiten und kann man sich als Gesellschaft besser darauf einstellen?

Ich fürchte, es werden weitere Seuchen mit problematischen Keimen auf uns zukommen. Uns darauf einzustellen, wird eine der großen Herausforderungen der Medizin und der Gesellschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein. Bisher hat es die Menschheit in ihrer Geschichte bei Seuchen wie der Pest, Pocken, Diphterie, Tuberkulose oder AIDS aber auch immer geschafft, Lösungen zu entwickeln.

Glauben Sie, dass die aktuelle Situation unser Verhältnis zur Hygiene nachhaltig ändern wird? Und welche Veränderungen würden Sie sich hier wünschen?

Auf jeden Fall werden wir aus der COVID-19-Pandemie lernen. Wenn die Hygiene-Standards, die momentan proklamiert werden, mehr oder weniger auch nach der Krise weiter Bestand hätten, wäre ich sehr zufrieden.

Redaktion: Jens Taschenberger, das Interview führten wir am 19. März 2020