Das kleine Corona-Update (Stand: 23. April 2020)

Datum: Donnerstag, 30. April 2020 10:30


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Antworten auf häufig gestellte Fragen und ein Update zu neuen Erkenntnissen (entsprechend dem Wissensstand zum Redaktionsschluss am 23.04.2020)

Auf das große Corona-Spezial in unserer Aprilausgabe haben wir wirklich viel Resonanz erhalten. Das Thema dieser Tage beschäftigt Familien ganz besonders. Wir wollen dabei nicht auf den Zug vieler Medien aufspringen, und nur der Schlagzeilen und Aufmerksamkeit wegen berichten, sondern übersichtlich aufklären und sachliche Informationen liefern. Die meistgestellten Fragen, die scheinbar gerade im Familienkontext wichtig scheinen, wollen wir in diesem Update kurz beantworten. Wichtig ist dabei der Hinweis, dass wir uns umsichtig informieren und vorsichtig formulieren – die folgenden Hinweise entsprechen dem Wissensstand zum Redaktionsschluss am 23. April und sind von möglichen Missverständnissen sicher nicht frei, sie können ebenso von neuen Erkenntnissen und Entwicklungen überholt werden. Wir orientieren uns ausschließlich an offiziellen Informationen aus seriösen Quellen und werden hier nicht auf Debatten in sozialen Medien und Verschwörungstheorien eingehen.

Der Podcast
Allen, die beim Geschehen rund um CoVid-19 den aktuellen Stand der Forschung auf verständliche Weise verfolgen möchten, sei der Podcast mit Virologe Prof. Christian Drosten auf NDR-Info empfohlen. Zum Redaktionsschluss ging gerade die 34. Folge online – viele der hier dargestellten Informationen sind aus diesen äußerst interessanten Beiträgen gefiltert. Eine Folge hat immer eine Länge zwischen 30 und 40 Minuten. Es empfiehlt sich, diese rückwärts von der aktuellen bis zur ersten Folge zu hören, so erhält man auch einen Eindruck von der Entwicklung der Pandemie und der Forschung. Der Podcast wird online zum Nachhören zur Verfügung gestellt, die entsprechende Webseite findet man bei der Suche nach „NDR Corona Update“ sofort.

Zum Virus
In sozialen Medien tummeln sich diverse Verschwörungstheorien, wie das SARS-CoV-2 in die Welt kam. Grundsätzlich kann niemand ausschließen, dass es aus einem Labor stammt, das ändert aber nichts an der aktuellen Situation. Wahrscheinlicher ist, dass es wie die meisten Viren von Fledermäusen über einen tierischen Zwischenwirt auf den Menschen überging. Fledermäuse gibt es seit über 50 Mio. Jahren, sie bilden mit knapp 1.000 Arten die zweitgrößte Säugetierpopulation und sind durch die Besonderheit, in Kolonien dicht gedrängt und kopfüber auch den Stoffwechsel zu absolvieren, in der Wissenschaft als Träger vieler Viren seit jeder ein Forschungsgegenstand. Die Verdichtung der Bevölkerung in Asien einhergehend mit der Vernichtung von Lebensräumen der Tiere macht die Nähe zwischen Tier und Mensch und damit eine Übertragung der Viren wahrscheinlicher. Bereits 2003 sprang das gelegentlich auch als SARS-CoV-1 bezeichnete Coronavirus von Fledermäusen auf den Menschen über, verursachte eine Pandemie, verlor zum Glück aber seine Stabilität und verschwand fast von allein. SARS-CoV-2 ist wie das damalige Virus ein Coronavirus, das die Atemwege befällt. Es gibt weltweit verschiedene Coronaviren, in unseren Breiten wird jährlich ein Großteil der Erkältungen durch eines der vier schon seit geraumer Zeit bei uns „ansässigen“ Corona-Erkältungsviren ausgelöst. SARS-CoV-2 nimmt allerdings eine Sonderrolle unter den bekannten Coronaviren ein – die für uns spürbaren Besonderheiten beziehen sich vor allem auf die Ansteckung und die Auswirkungen.

Zur Selbstdiagnose
Da die Influenza-Saison vorbei ist, wird eine Selbstdiagnose in den künftigen Wochen und Monaten erleichtert. Zu den ersten Anzeichen einer Infektion mit SARS-Cov-2 in der ersten Krankheitswoche gehören Fieber, Unwohlsein, Kopfschmerz sowie Schüttelfrost. Obwohl Fieber das am häufigsten beobachtete Symptom ist, kann es zu Beginn fehlen. Ein (anfangs trockener) Husten, Atemnot und Durchfall können bereits während der ersten Krankheitswoche auftreten, werden aber häufiger in der zweiten Woche berichtet. Aber auch, wer ein Halskratzen gefolgt von einem trockenen Husten, evtl. eine verstopfte Nase, den vorübergehenden Verlust von Geschmack und Geruch bemerkt, der kann von einer Infektion mit SARS-CoV-2 ausgehen. Die Infektion ist meldepflichtig beim Gesundheitsamt. Knapp die Hälfte der Infizierten gilt allerdings als asymptomatisch – bemerkt also keine oder nur sehr milde Symptome. Es empfiehlt sich, auch bei einem vorübergehenden Kratzen im Hals aufmerksam zu sein.

Zur Ansteckung
Die größte Hürde für die Eindämmung von SARS-Cov-2 ist seine Verbreitung. Das Virus verbreitet sich zuerst im Rachen und wandert dann in die Lunge. Die Inkubationszeit liegt durchschnittlich bei etwa 5 Tagen. Das Problem: Bereits einen Tag VOR Symptombeginn erreichen Infizierte im Durchschnitt den Höhepunkt ihrer Infektiosität. Nach Ausbruch der Symptome bleiben sie etwa vier Tage, maximal eine Woche ansteckend. Durch die Ansteckungsgefahr vor Bemerkung der Symptome und viele Infizierte, die keine Symptome bemerken und dennoch andere infizieren können, kann das Virus sich in Bevölkerungsgruppen mit engem Kontakt sehr schnell verbreiten. Das ist bei anderen Viren vergleichsweise anders, bei denen die Ansteckungsgefahr mit einer Symptomatik einhergeht. Die Ansteckung erfolgt nach aktuellen Erkenntnissen über eine Tröpfcheninfektion. Das muss kein Husten sein, es kann auch die reine Atemluft infolge eines längeren Gesprächs sein. Beim Husten und Sprechen werden Tröpfchen als sogenanntes feinteiliges Aerosol oder als größeres Sekret in die Umgebung abgegeben. Werden diese von anderen Menschen eingeatmet, gerät das Virus in den Rachen und nimmt seinen Weg. Eine Kontaktinfektion (landläufig auch Schmierinfektion genannt) scheint nach aktuellen Erkenntnissen eher unwahrscheinlich. Aktuelle Studien geben Hinweise darauf, dass die Ansteckungsrate selbst in Familienhaushalten mit einem Infizierten nur bei rund 15 % liegt. Hier ist unklar, ob es eine gewisse Resistenz gibt, die auch durch die „normalen“ Corona-Erkältungsviren aufgebaut sein könnte. Übrigens werden Begriffe hier nach wie vor oft falsch angewendet: SARS-CoV-2 ist der Name für das Virus. Covid-19 bezeichnet hingegen die Krankheit, die das Virus auslöst.

Zu Auswirkungen
In den Medien begegnen uns fortwährend Zahlen, die meist recht wenig aussagen. Die Anzahl Infizierter ist ebenso wie die Todesrate abhängig davon, wie gut man überhaupt misst und über die tatsächliche Ausbreitung des Virus in der Gesamtbevölkerung Bescheid weiß. Man geht aber auch nach aktuellen Studien davon aus, dass von allen Infizierten rund ein Fünftel schwere Krankheitsverläufe aufweist. In schweren Fällen entwickelt sich eine sich rasch verschlechternde Atemnot mit Sauerstoffbedarf, wobei rund 20 % der Betroffenen mit schweren Verläufen einer Intensivbehandlung bedürfen. Nach aktuellen Erkenntnissen unterbindet das Virus durch Schädigung der Lungen direkt die Sauerstoffzirkulation, was auch erklärt, warum die Beatmung oft nicht zum Erfolg führt. Der Sauerstoff kann gar nicht mehr aufgenommen werden – hier wird die Heimtücke des Virus deutlich, das dann auch Herz und weitere Organe angreift. Selbst erfahrene deutsche Intensivmediziner verlieren bei der Beatmung überdurchschnittlich viele Patienten – sonstige Erfolgsquoten jenseits der 80 % bei einer Beatmung sinken durch die besondere Wirkung des Virus auf teils unter 50 %. Von schweren Verläufen sind vor allem Risikogruppen betroffen – hier haben sich vor allem Herz-Kreislauferkrankungen und starkes Übergewicht als die Faktoren erweisen, die am stärksten wirken. Auch wenn jüngere, gesunde Menschen erkranken und schwere Verläufe aufweisen können, beschränkt sich ein tödlicher Verlauf fast ausschließlich auf alte und durch Vorerkrankungen geschwächte Menschen. Es wird in Zahlen leider auch nicht unterschieden, ob Menschen mit oder an dem Virus sterben.

Zu Kindern und Jugendlichen
Lange war nicht einmal klar, ob Kinder sich überhaupt infizieren. Eine aktuelle Studie aus China legt das nun aber nahe. Sicher ist dennoch, dass Kinder und Jugendliche sich weniger stark infizieren, sie erkranken kaum. In einer Untersuchung von knapp 7.000 Todesopfern in den USA waren lediglich drei im Alter von 0 bis 17 Jahren, und alle drei hatten andere ernsthafte und tödliche Erkrankungen.
Es ist nach wie vor unklar, ob Kinder tatsächlich ansteckend sein und das Virus entsprechend vermehren können. Schreckensmeldungen wie vor Kurzem bei RTL, wonach ein Baby mit einem Tag an Corona verstorben sei, sind reine Panik- und Quotenmache. Ein Baby mag beim Versterben das Virus in sich haben, aber von der Ansteckung über die Vermehrung bis zum Tod braucht es mehr Zeit, um ursächlich zu sein. Hier können auch Schwangere aufatmen, denn alle seriösen Studien zeigen ebenso bei Schwangeren eine signifikant fehlende Betroffenheit. Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen im Bereich Herz-Kreislauf, Adipositas, Krebs und starker Beeinträchtigung der Atemwege zählen allerdings ebenso zur Risikogruppe.

Zur Therapie
Zur Therapie lässt sich aktuell recht wenig sagen. Es gibt noch kein Medikament, das als wirksames Mittel einer wissenschaftlichen Studie standgehalten hat. Die Beatmung weist Erfolgsquoten zwischen 50 und knapp 80 % auf. Junge Menschen ohne Vorerkrankungen haben hier in der Regel eine sehr gute Prognose, die mit den Faktoren Alter und Neben- bzw. Vorerkrankungen abnimmt. Kommen schwerkranke Risikopatienten auf die Intensivstation und zur Beatmung, ist die Prognose bei Covid-19 ungewöhnlich schlecht. An einem Impfstoff arbeiten derzeit über 70 teils international organisierte Projekte. Vier Projekte bzw. Stoffe in den USA und China befinden sich bereits in ersten klinischen Studien, Ende April wurde auch in Deutschland der erste Impfstoff zur klinischen Erprobung zugelassen. Dennoch gehen selbst optimistische Schätzungen davon aus, dass ein offizieller Impfstoff in ausreichender Menge erst im Frühsommer bis Sommer 2021 zur Verfügung stehen kann – ein Impfstoff bereits im Frühjahr 2021 scheint bei den derzeitigen Bemühungen und Ausnahmeregelungen aber nicht unmöglich. Kurzum: Eine Therapieform für das Virus gibt es nicht, hier wird derzeit sehr individuell gearbeitet und geforscht.

Zur Immunität
Wer eine Infektion überstanden hat, ist wie bei jedem anderen Virus auch immun. Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Immunität für wenige Jahre vorhält, eine zeitnahe Wiederansteckung also ausgeschlossen sein sollte. Oft wird von einer Herdenimmunität gesprochen, zu der rund 60 bis 70 % der Bevölkerung nach einer Infektion Antikörper gebildet haben müssten. Bei 83 Mio. Einwohnern und zum Redaktionsschluss rund 150.000 offiziellen infizierten ist dies noch ein weiter Weg, selbst wenn man in der Dunkelziffer von einer möglichen Verdrei- oder Vervierfachung der Infizierten ausgeht. Die Herdenimmunität wird sich aber in den kommenden Jahren einstellen – entweder durch die natürliche Verbreitung des Virus, oder auch mithilfe eines Impfstoffs.