Das kleine Corona-Update (Stand: 23. April 2020)

Datum: Donnerstag, 30. April 2020 10:30


Zur Abstandsregel kam ab Ende April seitens aller Bundesländer eine nun deutschlandweite Pflicht hinzu, zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln einen Mund-Nasen-Schutz zu verwenden. 

Zum Schutz
Zum Selbstschutz haben wir bereits in der vergangenen Ausgabe unserer lausebande auf die Einhaltung wichtiger Hygieneregeln hingewiesen. Diese sollten im Alltag von Familien auch zum Schutz vor anderen Viren, Bakterien oder Keimen wieder mehr Beachtung finden. Viel wichtiger ist aber die Abstandsregel und soziale Distanz allgemein. Auch der Aufenthalt mit vielen Menschen über einen längeren Zeitraum in geschlossenen und schlecht belüfteten Räumen oder Gespräche ohne ausreichend Anstand – hier kann wohl auch ein Schwätzchen selbst ohne Husten über einen Zeitraum von 15 bis 20 Minuten zur Ansteckung führen – sollten vermieden werden. Das Tragen einer Mund-Nasenmaske dient hingegen eher dem Fremdschutz – nach allgemeiner Überzeugung hat es aber dann einen immensen Effekt, wenn alle Menschen diesen Schutz tragen, wo soziale Distanz nicht immer umsetzbar ist.

Zu den Maßnahmen
Knapp 18 Mio. Menschen sind in Deutschland älter als 65 Jahre, ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland ist stark übergewichtig, allein 2017 gab es aufgrund von Herzerkrankungen 1,7 Mio. Einweisungen in deutsche Krankenhäuser. Diese statistischen Daten geben Hinweise auf die immense Größe der Risikozielgruppe in unserem Land – verbunden mit den Besonderheiten des Virus bezüglich Ansteckung vor oder ohne Symptomatik und hoher Rate an Intensivbehandlungen in den Risikogruppen. Bei ungebremster viraler Verbreitung kann man Rechenmodelle zu den Auswirkungen anwenden – wissenschaftliche Modelle treffen dabei inzwischen sehr genaue Aussagen. Insofern ist es sinnvoll, die Ausbreitung des Virus mit den erwartbaren schweren Verläufen an den Kapazitäten des Gesundheitssystems auszurichten – es wäre logisch, dass wir zumindest im kommenden Jahr hier ein Aus- und Anschalten von Maßnahmen je nach Ausbreitung des Virus und Kapazitäten des Gesundheitssystems erleben. Dabei hat sich ein Mix aus drei Maßnahmen herauskristallisiert, der in der Wissenschaft für wirkungsvoll gehalten wird:

1. Erkennen durch Testen: Durch flächendeckendes Testen können schnell neue Infektionsherde erkannt werden. Dann ist auch vorstellbar, Einschränkungen nicht bundesweit, sondern nur regional oder lokal anzuwenden. Hier wird auch darüber nachgedacht, über Datenlösungen eine automatisierte Beobachtung zu ermöglichen. Das Robert-Koch-Institut stellt dazu eine Corona-Datenspende-App zur Verfügung, die mit Smartwatch oder Fitnessarmband verbunden, flächendeckend Daten liefern und z.B. lokale Ereignisse mit signifikant vermehrter Fiebrigkeit und ähnliches ermitteln kann. 300.000 Personen beteiligen sich aktuell schon am Projekt, bei rund 2 Mio. Beteiligten erwartet man bereits gute Aussagen über diese Lösung, sozusagen als Frühwarnsystem. Interessierte googeln nach „Corona-Datenspende-App“ und können sich die App für beide gängigen Technologien auf der Webseite des RKI herunterladen. Im Ergebnis sollen eine Ausweitung der Tests und eine Datenlösung zum schnellen Erkennen von Infektionsherden führen.

2. Schützen durch soziale Distanz und Mund-Nasen-Schutz: Um Infektionen zu vermeiden, bleibt soziale Distanz das beste Mittel. Beim Ausatmen fällt das Virus nach kurzer Zeit auf den Boden und ist nicht mehr ansteckend. Der Mund-Nasen-Schutz hält vor allem Tröpfchen zurück, auch aus der Atemluft. Hier müssen wir dringend kulturelle Probleme überwinden und den Mundschutz – wie das in Asien ein Selbstverständnis ist – als freundliche Geste den Mitmenschen gegenüber verstehen. Wer in geschlossenen Räumen oder Bereichen mit Nähe zu anderen Menschen keinen Mundschutz trägt, muss in Zeiten wie diesen als asozial und Egoist wahrgenommen werden. Leider haben die Regierungen hier lange gezögert – im Interview mit Prof. Mölling in der vergangenen lausebande hatten wir bereits auf den Schal als möglichen Ersatz für nicht verfügbaren Mundschutz hingewiesen. Aktuell wird durch Gesundheitsvertreter eine Debatte über Notwendigkeit und Wirkung des Mund-Nasen-Schutzes geführt. Die Motivation scheint hier vor allem die Befürchtung zu sein, das bei zunehmender Pflicht zum Tragen durch die Bevölkerung ein Engpass im Gesundheitswesen entstehen kann. Die Wirksamkeit dieser Maßnahme wird tatsächlich durch immer mehr Studien untermauert.

3. Eindämmen durch Tracking-App: Während die ersten beiden Maßnahmen dem allgemeinen Unterbinden und Erkennen von Infektionen dienen, soll eine dritte Maßnahme die gezielte Eindämmung möglich machen. Derzeit gibt es eine riesige Diskussion um die Entwicklung und Anwendung einer Tracking-App. Hier geht es vor allem um Datenschutzbedenken. Via App soll rückverfolgbar sein, mit wem Infizierte in der relevanten Zeit der Ansteckung in Kontakt waren. Betroffene sollen automatisch eine Nachricht erhalten. Werden sie wiederum positiv getestet, erhalten wiederum ihre rückblickenden Kontakte eine Nachricht usw. – dadurch werden Infektionsereignisse rückwärts automatisiert erkennbar und vollständig erfassbar. Derzeit wird debattiert, ob anonymisierte Nutzerdaten zentral abrufbar oder dezentral auf den Handys gespeichert sein sollen. Diese Technologie ermöglicht auf jeden Fall, Infektionsereignisse sehr schnell und gezielt durch Isolierung (Quarantäne) der Betroffenen einzudämmen.

Zu unserem Vorsprung
Mit Blick auf den Stand der Entwicklung, den Bevölkerungsreichtum und die Transparenz stand Deutschland zum Beginn der Lockerungen im April weltweit als absolutes Vorbild an der Spitze der Corona-Statistiken. Keines der aktuell betroffenen Länder in Europa, Amerika etc. hat so schnell und früh eine Diagnostik aufgebaut und dadurch Infektionsausbrüche bemerkt und eindämmen können. Auch deshalb fehlen hierzulande die Bilder überfüllter Intensivstationen, was dem Vergleich der Corona-Pandemie mit einer stärkeren Influenza-Saison immer wieder Auftrieb gibt. Inzwischen existieren Statistiken für England, aber auch weitere Länder, die eine Übersterblichkeit durch das Coronavirus deutlich sichtbar machen. Diese Analysen werden jetzt vermehrt ausgewertet und konnten auch nicht früher vorliegen, da zwischen Infektion und Tod eines Betroffenen etwa ein Monat Zeit vergeht. Nun zeigen erste Daten, dass sich die Zahl der Todesfälle in betroffenen Ländern im Vergleich zu Vorjahren teils verdoppelt hat – und zwar mit einer steil ansteigenden Kurve. Dann haben weltweit Distanzierungsmaßnahmen eingesetzt, deren Wirkung wir ebenso erst nach einigen Wochen sehen können. Hier besteht bei einigen Wissenschaftlern aktuell die Skepsis, dass das beobachtbar oft recht sorglose Verhalten der deutschen Bevölkerung nach Lockerung der Maßnahmen den Vorsprung Deutschlands doch noch verspielen könnte. Es ist derzeit nicht absehbar, wie sich das Virus unter den veränderten Rahmenbedingungen von Wärme und Sonne verbreiten kann. Wer sich hier über internationale Daten informieren möchte, dem sei die Berichterstattung der New York Times empfohlen, die als seltenes Vorbild in der Welt der Medien ihre Berichterstattung rund um Corona kostenfrei im Web zur Verfügung stellt. Wer nach „New York Times Corona“ googelt, landet direkt auf der Seite.

Zur Glaskugel
Mit den zuvor dargestellten drei Maßnahmen kann eine Virus-Pandemie nachvollziehbar gebremst und gesteuert werden, nicht nur landesweit, sondern auch regional und lokal. Wünschenswert für viele Menschen wäre dabei aber sicher ein Plan für Deutschland, der deutlich macht, welche Maßnahmen wann genau notwendig sind. Taiwan hat die Corona-Pandemie binnen weniger Tage mit einem Bruchteil der 124 Maßnahmen in den Griff bekommen, die dort aufgrund von Vorerfahrungen für solche Situationen entwickelt und für andere Länder auch veröffentlicht wurden. Eine solche nachvollziehbare Strategie wünschen sich auch hier immer mehr Menschen.
Derzeit wird eher der Vorrang der Gesundheit betont. In der Gesellschaft scheinen aber Gesundheit und Wirtschaft einander zu bedingen – insofern wäre eine Strategie an der Zeit, die beides wieder in Einklang bringt. Zeiten der Kontaktbeschränkung sind mit einer Zunahme existenzieller Sorgen, der Suizid- und Scheidungsraten, häuslicher Gewalt, aber auch Vereinsamung und Depression verbunden. Psychosoziale Probleme können langfristig ähnliche gesundheitliche Folgen aufwerfen wie die Pandemie an sich. Insofern braucht es Rahmenbedingungen, wie die Gesellschaft in solchen besonderen Situationen gesundheitliche und wirtschaftliche Aspekte in Einklang bringt und diese je nach Entwicklung aufeinander abstimmt.

Eine solche klare Orientierung könnte nicht nur künftige Maßnahmen besser erklären, sondern die Menschen auch jetzt positiv in ihrem Verhalten beeinflussen. Das ist nämlich nachhaltig notwendig – und scheint bei vielen noch nicht verstanden. Nach Verkündung der ersten Lockerungen herrschte in manchen Märkten und Geschäften im April nahezu unbeschwerter Trubel, als wäre alles überstanden. Dem ist nicht so. Mit der weiteren Lockerung der Einschränkungen erwarten Experten über den Sommer hinweg eine Verbreitung von SARS-Cov-2 im gesamten Land. Das könnte im Sommer weitgehend unbemerkt und ohne sichtbare Infektionsherde geschehen – der Sommer gilt mit vielen Aufenthalten an frischer Luft und quasi natürlich verstärkter sozialer Distanz sowie reichlich UV-Licht, das Viren schadet, allgemein nicht als die Zeit großartiger Infektionsereignisse. Hatten wir es bislang vorwiegend mit lokalen Infektionsherden etwa in Bayern oder Nordrhein-Westfalen zu tun, wird sich das Bild im kommenden Herbst und Winter ändern. Dann könnten Infektionsketten landesweit starten – was bei der zu erwartenden Durchseuchung der Gesellschaft auch völlig normal sein muss. Genau dafür braucht es aber nachvollziehbare und gut eingeübte Verhaltensregeln für die Menschen und eine Strategie von Experten und Politik, wie darauf lokal und gezielt reagiert wird, ohne wiederum das gesamte öffentliche Leben herunterzufahren. Je besser die zuvor dargestellten Maßnahmen dann greifen, desto genauer können Entwicklungen bis auf die lokale Ebene erkannt und vorhergesehen werden. Wissenschaftliche Modelle sind inzwischen mit den vielen weltweiten Erkenntnissen aus der Pandemie schon sehr fein justiert und können, sofern ausreichend Daten zur Verfügung stehen, Veränderungen selbst in lokalen und regionalen Umgebungen recht sicher vorhersagen.

Im Ergebnis ist also bereits jetzt klar, dass uns das Virus auch weiterhin begleiten wird und wir hier viel von erfolgreichen Ländern wie Taiwan, Hongkong oder China lernen können. Wir widmen uns auf den folgenden Seiten einem Phänomen, das vor allem den Risikogruppen nachhaltig helfen kann: einem neuen Miteinander in einem nachbarschaftlichen Engagement für Ältere und Schwächere in unserer Mitte.