„Kinder brauchen Kinder“

Datum: Mittwoch, 27. Mai 2020 07:27

Interview mit Dr. Alexandra Langmeyer, Leiterin der Fachgruppe „Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern“ beim Deutschen Jugendinstitut (DJI)

Unter dem Titel „Kindsein in Zeiten von Corona“ hat das Deutsche Jugendinstitut Mitte Mai erste Ergebnisse einer Studie zum veränderten Alltag und zum Wohlbefinden von Kindern in Zeiten der Kontaktbeschränkung veröffentlicht. In ersten Medienberichten wurden die Ergebnisse schnell auf Schlagzeilen wie „Eltern und Kinder in der Krise“ verengt. Wir wollten hinter die Schlagzeile blicken und sprachen mit der Leiterin der Studie, Dr. Alexandra Langmeyer:

Sie haben eine Studie zu Kindern und Familien in Corona-Zeiten durchgeführt, welche Fragen haben Sie bewegt?

Wir haben gesehen, dass in der Corona-Pandemie eine Reihe an Studien vor allem zur Situation von Eltern oder Familien allgemein gestartet wurden. Aber niemand hat auf die Kinder geschaut. Genau darauf wollten wir mit unserer Arbeitsgruppe den Fokus legen. Obwohl wir zeitlich stark eingespannt sind und aktuell unter erschwerten Bedingungen arbeiten, war das Engagement seitens der Kollegen und Kolleginnen sehr groß. Wir mussten diese Studie schnell ins Leben rufen, um die Nähe zur Kontaktbeschränkung zu gewährleisten und haben an der Resonanz schnell gemerkt, wie groß der Bedarf bei den Eltern ist. Viele Eltern haben innerhalb kurzer Zeit an der Befragung zur Studie teilgenommen; wir haben offensichtlich den Zahn der Zeit getroffen.

Wie haben Sie die Wochen des Lockdowns in Ihrer Familie erlebt?

Als Mutter von zwei kleinen Kindern und mit zwei Elternteilen im Homeoffice beschäftigt mich das Thema auch im privaten Familienbereich.

Als die Studie noch lief, häuften sich bereits Medienberichte – wie sind Sie mit dem Erwartungsdruck der Medien umgegangen?

Aufgrund meines Arbeitsbereiches habe ich im Vorfeld bereits Interviews zu anderen Themen der Corona-Pandemie gegeben, beispielsweise welche Kinder zuerst in der Notbetreuung aufgenommen werden sollten. Der Druck entsteht eigentlich jetzt erst, nachdem wir erste Daten veröffentlicht haben, die gesamte Auswertung aber noch nicht abgeschlossen ist. Heute ist übrigens genau der Tag, an dem wir die Onlinebefragung der Eltern abschließen.

Nach Erscheinen der ersten Ergebnisse wurde in großen Onlinezeitungen über Ihre Studie frei berichtet, binnen Tagesfrist wurde daraus Bezahlinhalt – stört Sie, dass bei Corona-Themen in Deutschland oft Quote und Gewinn die Tonalität und Nutzung vorgeben?

Das stört mich weniger, die Medien müssen sich auch refinanzieren können. Guter Inhalt muss auch etwas kosten dürfen. Es freut mich aber, dass Sie der Studie diese Bedeutung beimessen und meinen, sie sollte den Eltern frei zugänglich sein. Das ist ein Lohn für unsere Arbeit und ehrt mich als Wissenschaftlerin. Wir haben die Ergebnisse der Studie auch öffentlich auf der Webseite unseres Instituts unter www.dji.de zur Verfügung gestellt.

Die Onlinebefragung, die der Studie zugrunde liegt, erfordert Geduld und einen gewissen Bildungsstand – werden Ergebnisse dadurch nicht in die Perspektive des Bildungsbürgertums verzerrt?

Ja, wir haben mit der Befragung eher die Hochgebildeten erreicht. Eltern mit mittlerem und niedrigem Bildungsniveau sind auch dabei, Eltern ohne Abschlüsse haben sich eher nicht beteiligt. Das ist kein neuer Befund bei solchen Befragungen, an denen eher engagierte Menschen mit höherem Bildungsniveau teilnehmen. Es gibt andere Möglichkeiten, breitere Schichten der Bevölkerung zu erreichen. Dazu suchen wir für Studien über Einwohnermeldeämter Kinder bzw. Familien mit einer breiteren Streuung, das braucht aber Zeit. Uns war hier die Geschwindigkeit wichtig, um die Befragung noch im Lockdown zu starten und durch die Aktualität auch mehr Qualität in den Ergebnissen zu erreichen.

Ihre Studie zeigt, dass bildungsstarke Familienhaushalte besser mit der Situation klarkamen – gibt es auch einen Zusammenhang zwischen Bildungsstärke der Eltern und Vereinsamungsgefühl der Kinder?

Beim Einsamkeitserleben fällt der Effekt der Bildung relativ gering aus. Eltern mit höherer Bildung geben dennoch an, dass ihre Kinder sich etwas weniger einsam fühlen. Beim generellen Wohlempfinden ist der positive Zusammenhang zum Bildungsniveau der Eltern stärker ausgeprägt. Wir führen das vor allem darauf zurück, dass Eltern mit höherer Bildung mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Viele von ihnen arbeiten derzeit auch im Homeoffice.

Wer leidet Ihres Erachtens mehr, Eltern oder Kinder?

Jeder leidet auf seine Art und Weise und hat mit eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen. Bei den Eltern sind es teils finanzielle oder berufliche Sorgen, aber auch Herausforderungen in der Kinderbetreuung wie beim Homeschooling. Für Kinder ändert sich das tägliche Umfeld komplett, sie können nicht mehr in Kita oder Schule gehen und ihre Freunde nicht mehr sehen. Sie müssen öfter allein sein und da kann sich schnell Langeweile einstellen. Wer da mehr leidet, ist sicher ein ganz individuelles Empfinden.