„Kinder brauchen Kinder“

Datum: Mittwoch, 27. Mai 2020 07:27

Veränderungen der gemeinsam verbrachten Zeit nach Personengruppen und alleine im Kindergartenalter (in Prozent). Fragewortlaut: Und wie hat sich insgesamt die Zeit verändert, die Ihr Kind mit folgenden Personen verbringt?


Quelle: Studie Kindsein in Zeiten von Corona, Stand 04.05.2020, kompletter Bericht und weitere Grafiken unter www.dji.de

Wie wirken sich fehlende Sozialkontakte der Kinder zu ihren Freunden auf die Familie aus, können Eltern das Freunde-Vakuum kompensieren?

Diese Frage wollen wir mit unserer Studie unbedingt noch beantworten. Meine Hypothese wäre, dass Eltern dies bei kleineren Kindern bis zu einem gewissen Grad kompensieren können, es mit zunehmendem Kindesalter aber deutlich schwieriger für die Eltern wird. Andererseits können Kinder mit zunehmendem Alter leichter auf digitalem Weg Kontakt zum Freundesumfeld pflegen. Bei kleinen Kindern können Eltern eine digitale Freunde-Kommunikation beispielsweise per Videotelefonie zwar unterstützen, hier ist aber die Aufmerksamkeit und das Interesse meist noch nicht ausgeprägt und es entsteht eher kein intensiver Austausch. Wir starten jetzt aufbauend auf der Onlinebefragung individuelle Interviews mit Kindern und sehen bereits, dass größere Kinder ihre Kommunikation ideenreich mit Skype oder Videospielen gestalten können.

Je mehr Kinder im Haushalt, desto mehr Reibereien und desto genervter die Mütter – kann man so ein Ergebnis der Studie auf den Punkt bringen?

Je mehr Kinder, desto turbulenter geht es im Haushalt zu – das ist richtig. Andererseits führen Geschwister auch zu weniger Einsamkeit. Jetzt könnte man fragen, was besser ist – Chaos oder Einsamkeit. Da komme ich zu dem Schluss, dass Chaos sicher das kleinere Übel ist. Es ist normal, dass in Familien mit mehreren Kindern Strukturen durcheinandergeraten, wenn sie plötzlich wochenlang ganztägig gemeinsam daheim sein müssen. Aber Einsamkeitsgefühle sind aus Sicht des Kindes deutlich schlimmer als der Trubel.

Einschätzung des Familienklimas nach Geschlecht der Auskunftsperson, und Kinder im Haushalt (in Prozent) – konkrekt wurde nach der Häufigkeit von Reibereien und Streitigkeiten gefragt.


Quelle: Studie Kindsein in Zeiten von Corona, Stand 04.05.2020, kompletter Bericht und weitere Grafiken unter www.dji.de

Sie haben ermittelt, dass der Kontakt der Kinder zu ihren Bezugspersonen in Kita und Schule teils vollständig, meist weitgehend wegbricht – hatten Sie hier andere Erwartungen?

Es wäre sicher wünschenswert, dass dieser Abbruch weniger abrupt und stark ausfällt. Je länger die Zeit andauert, desto wichtiger wird es meines Erachtens, dass Bezugspersonen aus Kita und Schule den Kontakt aufnehmen und pflegen. Gerade für Kitakinder ist dieser Kontakt wichtig. Ein Schulkind, das lesen und schreiben kann, kann auch eine E-Mail lesen. Das können Kindergartenkinder nicht, hier zählt der persönliche Kontakt. Wenn man da monatelang nichts voneinander hört, werden Bindungsbeziehungen unterbrochen und es braucht viel Zeit, diese wieder neu aufzubauen. Die Überforderung des Schulsystems hat mich weniger verwundert. Digitale Kommunikation funktioniert hier allenfalls an vereinzelten Standorten. Insgesamt wird auf herkömmlichen Unterricht gesetzt und die Umstellung fällt nun entsprechend schwer. Wir sehen an unseren Daten, dass die Schüler überwiegend E-Mails mit Aufgaben erhalten, ein Austausch mit den Lehrkräften findet kaum statt.

Gemessen wurde nur die Kontakthäufigkeit zu externen Bezugspersonen, nicht die Bedeutung der Bezugspersonen für das jeweilige Kind – wird die Studie in diesem und weiteren Aspekten eine Vertiefung erfahren?

Wir wollen in den noch folgenden Interviews mit Kindern auch die positiven Aspekte der Situation herausfiltern. Ich könnte mir vorstellen, dass einige Kinder über die unfreiwilligen Schulferien froh sind, weil sie den ein oder anderen Lehrer nicht mögen und zu Hause gut klarkommen. Das wird sich also noch zeigen.

Wie hat sich das Freizeitverhalten der Kinder in zwei Wochen „gefangen daheim“ verändert?

Da gab es deutliche Veränderungen hin zum Spielen drinnen statt draußen und hin zu digitalen Medien. Fernsehen hat in allen Altersgruppen mehr Zeit eingenommen als zuvor, bei älteren Kindern hat die Nutzung von Internet und Computerspielen deutlich zugenommen. Bei den kleineren Mädchen wird auch mehr gebastelt. Die Verlagerung ins Innere war zu erwarten, den deutlichen Anstieg im Medienkonsum wieder zu vermindern, dürfte eine Herausforderung für die Zukunft sein.

Konnten Sie geografisch, beispielsweise zwischen Ost und West, Unterschiede feststellen?

Diese Analyse steht noch an. Unterschieden haben wir bereits nach städtischer und ländlicher Umgebung. Hier haben wir festgestellt, dass sich Kinder in ländlicher Umgebung in der Krisenzeit etwas wohler fühlen als Kinder in der Stadt, das ist aber auch nur ein minimaler Effekt.