„Wir irren uns empor, schon immer“

Datum: Dienstag, 23. Februar 2021 13:17

Interview mit Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologe und Virenaufklärer für Anfänger

Mark Benecke gehört zu den wenigen Experten, mit denen man sich auch als Laie samt Whiskey gern an einen Kamin setzen und verständlich über Raketenwissenschaft plaudern möchte. Seit 20 Jahren zählt er international zur Exzellenz in der wissenschaftlichen Forensik und ist heute Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren. Er war schon beim FBI auf Spurensuche, untersuchte Hitlers Schädel, ist nebenher Vorsitzender der Transsylvanischen Dracula-Gesellschaft und Mitglied im Kommitee des Nobelpreises für kuriose wissenschaftliche Forschungen. Kurzum: ein cooler Typ, der echt was auf dem Kasten hat.

Als Deutschland im März 2020 mit dem ersten Lockdown überfordert war und quasi erstarrte, begab er sich auf eine neue Mission. Seitdem klärt er in seinem Videoblog unter www.virusonline.de garantiert fremdwortfrei rund um Viren und die Pandemie auf. Zusammen mit seiner Frau und Soziale-Medien-Nerdin Ines nimmt er Nutzer mit in die Welt der Wissenschaft und beantwortet Fragen rund um das Kronzacken-Virus, Hygiene, das Immun-System und soziale Handlungen. Im Sommer folgte sein Buch „Viren für Anfänger“, das inzwischen in vier Auflagen erschienen ist. Gründe genug, mit Dr. Mark Benecke über die anhaltende Pandemie zu sprechen.

Ihr Buch „Viren für Anfänger“ beantwortet 180 Fragen rund um Viren und SARS-CoV-2 und erschien im Sommer 2020. Wie viele Fragen bekommen Sie jetzt noch – und wäre es nicht Zeit für ein zweites Buch?

Wir sind jetzt wegen der schnellen Änderungen — etwa der neuen Viren-Sorten — komplett auf Video umgestiegen. In den kommenden Monaten wird es noch ein paar Überraschungen geben... Das Buch war wirklich für Anfängerinnen und Anfänger gedacht. Es war der Startschuss, und was drin steht, stimmt auch noch. Wer es gelesen hat, stellt uns künftig Fragen, die wir beantworten können: Solche, zu denen es Studien gibt.

Mit virusonline.de zählte Ihr Kanal zu den ersten verständlichen Informationsquellen rund um Viren und Pandemie – was hat ein Kriminalbiologe eigentlich mit Viren zu tun?

Ich habe im Beruf viel mit Panik, Wahnsinn, Einbildung und Tod zu tun. Da ich Viren als Biologe nebenbei ganz verrückt finde — sie leben ja nicht richtig, sind aber auch nicht ganz tot, eher wie wild gewordene Informations-Stückchen —, kam da zusammen, was zusammengehören konnte. Oder wollte. Oder sollte.

Was sollte jeder Mensch über Viren wissen?

Es gibt ein ewiges Ringen der Lebensformen. Ist halt so.

Wissenschaftler warnen seit Jahren vor einer nahenden Pandemie, hat Sie dieser weltweite Ausbruch überrascht?

Nö, meine Frau und ich haben schon seit Jahren gewettet, was schneller passiert. Ich hatte auf klimabedingte Wirtschaft- und Kultur-Zusammenbrüche getippt oder einen fetten Vulkan-Ausbruch, sie auf einen Meteoriten-Einschlag. Das mit dem Klima ist schon passiert, es interessiert aber kaum jemanden so, dass er oder sie auch sein oder ihr Leben ändert.

Es gibt unzählige Fake News über die aktuelle Pandemie, woran erkennt man auch ohne kriminalistische Expertise seriöse Informationsquellen? Haben Sie dafür eine Anleitung?

Ja, einfach nach Studien schauen. Ich helfe dann dabei, ihre Güte zu prüfen. Meine Frau, die viel mehr Unsinn liest, da sie die Schreiben in den sozialen Medien beantwortet (ich nur E-Mails) und ich haben aber dasselbe bemerkt: Alleine die Frage nach einer wissenschaftlichen Studie führt in (wirklich) 95% der Frage-Fälle dazu, dass die Frage auf einmal „nicht so gemeint“, „nicht so wichtig“ oder „eigentlich ja eh klar als verdrehte Angabe erkennbar“ war. Klappt echt, kein Scherz.

Aktuell wird unentwegt über Mutationen gesprochen, sollten wir nicht froh sein, dass das Virus mutiert und sich damit zunehmend an den Menschen anpasst und schneller harmlos werden dürfte?

Schön wäre es... es gibt wie bei Masern oder Pocken auch Krankheiten, die sich nicht so gut „angepasst“ haben und uns ohne Impfstoffe in kürzester Zeit als moderne Menschheit umbrächten.

Für Forschung an Viren gab es die wohl meisten Nobelpreise, welches Problem würden Sie da gern lösen?

Oh, ich weiß nicht, wofür es die meisten Nobelpreise gab. Mir reicht es, dass ich als kleinstes Fischlein im Teich mitschwimmen und das Wasser für alle im selben Gewässer ein bisschen klarer machen darf.

Die Weltbevölkerung wächst weiter rasant, Menschen durchdringen Lebensräume virentragender Tiere mit zunehmender Beschleunigung. Allein Coronaviren führten 2003 und 2012 zu Ausbrüchen mit internationaler Verbreitung, ist da die nächste Pandemie im kommenden Jahrzehnt nicht bereits vorprogrammiert?

Ist sie, jau. Auch, dass wir im größten Artensterben leben, seit es Menschen auf der Erde gibt, stimmt. Und dass im Jahr 2050 Hamburg, Bremen, größere Teile der Niederlande und Bangladeschs unter dem Meeresspiegel liegen werden.

Was können wir selbst beitragen, um Pandemien zu verhindern?

Was sofort, heute, buchstäblich im selbem Augenblick wirkt: Nie wieder ein Tierprodukt verwenden. Das gibt mindestens drei Viertel des Landes und Wassers wieder frei und „die Natur“ kann wieder in Ruhe ihr Ding machen. Es ist sehr, sehr einfach. Danach können wir bis 2035 oder 2050 auf Kreislaufwirtschaft umstellen und der Rest klappt dann schon.
Da aber schon Schritt eins offenbar zu viel verlangt ist, obwohl das Auto mit dreihundert Stundenkilometern gegen die Wand rast: Maske tragen und Hände waschen.