„Uns fehlt vor allem das Miteinander“

Datum: Donnerstag, 01. April 2021 11:25


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 Interview zum Leben einer Lausitzer Familie mit zwei Grundschulkindern – zwischen Homeoffice, Care-Arbeit und Homeschooling im anhaltenden zweiten Lockdown.

Verschiedene Lausitzer Familien haben sich auf unsere Aufforderung in der März-lausebande gemeldet. Wir wollten wissen, wie es gerade in bildungsstarken Familien in der andauernden Pandemie aussieht. Was sie uns erzählten, wirkt bedrückend. Bei allen irritiert insbesondere der Blick auf unsere Leistungsgesellschaft, in der eine Überforderung und Überlastung der Eltern eher als Makel und Schwäche gilt. Es scheint so, als sehen sich gerade bildungsstarke Familien in Corona-Zeiten einem gesellschaftlichen Stigma ausgesetzt, das offene Gespräche zur physischen wie psychischen Belastung lediglich im vertraulichen Freundeskreis, nicht aber gegenüber Arbeitgebern oder gar der allgemeinen Öffentlichkeit zulässt. Sämtliche Eltern sprachen von einem Zustand, der auch in befreundeten, meist ebenso sozial stärkeren Familien immer mehr zu blanken Nerven führt – aber auch dort unter dem privaten Schleier gehalten wird. Wir haben uns zu einem anonymisierten Interview mit einem Elternpaar entschlossen, das stellvertretend für die Rückmeldungen der Lausitzer Familien steht und anderen Familien verdeutlichen soll, dass Probleme in Familienstrukturen in der aktuellen Pandemie kein Makel sind. Gern setzen wir diese Serie fort und engagieren uns dafür, dass bildungsstarke Eltern und ihre Kinder in der Politik endlich Beachtung finden. Interessierte Eltern beachten dazu bitte den Aufruf am Ende des Interviews.

TOM und TINA (Namen geändert) sind beide studiert, sozial kompetent und kommunikationsstark – sie hätten sich nie vorstellen können, einmal mit ihren zwei Kindern an physische und psychische Grenzen zu geraten. Die beiden Mädchen (6 und 10 Jahre) besuchen aktuell die erste und vierte Klasse einer Lausitzer Grundschule. Er (38 Jahre) hat im Energiebereich studiert und arbeitet in der Privatwirtschaft, sie (36 Jahre) ist im mittleren Management einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft in Führungsverantwortung für ein Team mit fünf weiteren Mitarbeitern zuständig. Das Interview wollten sie nur anonym führen, um vor allem beim Arbeitgeber unnötigen Diskussionen aus dem Weg zu geben, aber auch, weil die Gesellschaft in ihren Augen für einen offenen Umgang mit der pandemiebedingten Überlastung in Familienstrukturen noch nicht bereit ist. Ein Versagen wird in ihren Augen hier noch immer mit schwachen Ressourcen und fehlender sozialer Kompetenz gleichgesetzt. Ein Zustand, zu dessen Änderung dieses Gespräch hoffentlich einen Anstoß gibt:

Wie erlebt ihr den Unterschied zwischen erstem und zweitem Lockdown?

TOM: Im ersten Lockdown war alles noch chaotisch und weniger fest geregelt. Es war für alle neu. Das betraf sowohl die Arbeit als auch die Familie. Es gab auf allen Seiten mehr Verständnis. Im zweiten Lockdown wird unser Familienleben eher zum täglichen Kampf. Wir machen jetzt die Erfahrung, dass vor allem die Schule durchzieht und einen immensen Druck ausübt. Der Arbeitgeber besteht ebenso darauf, dass wir unsere Aufgaben ohne Abstriche erfüllen.
TINA: Mit dem zweiten Lockdown ging es von Anbeginn und seitdem durchweg an die Nerven. Es machte sich schnell ein Gefühl von Frust breit. Anfangs hat man noch motiviert mitgemacht und hatte das Gefühl, es wäre Licht am Ende des Tunnels. Jetzt ist dieses Gefühl völlig verloren, es dringen nur noch schlechte Nachrichten durch und wir haben längst Orientierung und Halt verloren. Es ist ein Gefühl der Hilflosigkeit entstanden.

Welche Veränderungen beobachtet ihr an euren Kindern?

TINA: Wir beobachten sehr starke Veränderungen. Das betrifft vor allem unsere große Tochter. Bei beiden hat sich eine absolute Lustlosigkeit und Antriebslosigkeit eingeschlichen. Sie wollen nicht mehr raus und empfinden kaum noch Freude. Man muss sie immer mehr antreiben. Selbst das tägliche Spazierengehen ist mit einer Diskussion verbunden. Man soll sie ja auch von anderen Kindern fernhalten. Im ersten Lockdown war all das nicht spürbar, da überwog manchmal auch die Freude, mit Mama zu Hause bleiben zu können, während Papa auch im Homeoffice war. Das war etwas Besonderes und schön für die Kinder.
TOM: Der Alltag ist für die Kinder öde geworden. Sei es die Schule, das Spielen oder Spazierengehen. Unsere kleine Tochter wurde zudem inmitten der Pandemie eingeschult. Sie hatte sich kaum an den Wechsel von der Kita in die Schule gewöhnt, da wurde sie schon nach Hause geschickt und seitdem bleibt uns alles überlassen. Das wird auch an ihr nicht spurlos vorübergehen.

Welche Veränderungen beobachtet ihr an euch?

TINA: Wir haben uns das Zwischenmenschliche erhalten. Die Familie ist intakt. Aber die sozialen Kontakte fehlen. TOM ist seit einem Jahr im Homeoffice, auch da fehlt der Austausch mit Kolleg*innen. Dafür muss man beständig eine Aufgabe erfüllen: Haushalt, Schule oder Job. Man muss Eltern spielen, Lehrer spielen und den Haushalt schmeißen. Es gibt keinen Freizeitausgleich mehr.
TOM: Man arbeitet einfach nur noch ab. Die Zeit für sich selbst und für die Beziehung bleibt auf der Strecke. Wir kommen damit noch ganz gut klar, bei befreundeten Paaren sieht das durchaus schlechter aus. Aber auch wir sind inzwischen schneller reizbar. Der Rucksack, den man mit sich schleppt, wird von Woche zu Woche schwerer.

Was wirkt auf euch motivierend, was demotivierend?

TINA: Es kommen ständig schlechte Nachrichten, alles wird auf Schlagzeilen und die nächste Katastrophe verkürzt. Es wird nur noch negativ berichtet. Das erschwert, auf andere und auch die Kinder positiv und motivierend zu wirken.

Hat sich in der Schule aus den Erfahrungen des ersten Lockdowns etwas verändert, erhaltet ihr als Eltern jetzt mehr Unterstützung?

TOM: Hilfsangebote erhalten wir überhaupt nicht. Es wurde zeitweise eine Cloud ins Leben gerufen, die dann einfach mit Aufgaben gefüllt wurde. Weil es diesen Kanal gibt, denkt man auf Seiten der Schule, eine Lösung zu haben. Für Vorschläge von uns Eltern ist man nicht offen. Es ist wie ein Diktat. Hilfe gibt es nicht, eher im Gegenteil. Schaffen die Kinder eine Aufgabe nicht, gibt es unangenehme Nachfragen und eher einschüchternde Konfrontationen. Der Druck wächst. Oft fehlen dabei Informationen zu den Aufgaben oder Aufgaben werden nach kurzer Zeit aus der Cloud entfernt, sodass man keine Chance zum Nacharbeiten erhält. Der Altersdurchschnitt der Lehrer an der Schule ist auch einfach zu hoch – schon daher ist zu verstehen, dass für die notwendige flexible Beschulung mit modernen Angeboten einfach die Kompetenzen fehlen. Man kann vielen Lehrern nicht einmal einen Vorwurf machen. Es fehlt aber insgesamt das Miteinander, wir stehen schließlich alle vor dieser Herausforderung.
TINA: Unsere Schulcloud besteht aus einer Sammlung hochgeladener PDF-Dateien für die gesamte Schule, aus denen wir uns die zutreffenden Informationen und Aufgaben zusammensuchen müssen. Die Kinder sind allein gar nicht dazu in der Lage. Sie sind abhängig von der Hilfe der Eltern. Das Schulmaterial besteht oft aus eingescannten Links, die wir Eltern abschreiben und für die Kinder aufbereiten müssen. Mit Digitalisierung hat das nichts zu tun. Die 100 Prozent, die unsere Schule von den Kindern einfordert, müssen wir als Hilfslehrer zu Hause neben unseren Vollzeitjobs abliefern. Meist müssen wir neben dem Durchsuchen der Schulcloud die Materialien ausdrucken und auch noch sämtliche Erklärungen übernehmen. Lehrer verweisen bei unseren beiden Kindern fast ausschließlich auf Lehrbuchseiten. Das funktioniert bei Grundschülern in den ersten Schuljahren so aber nicht. Eine einzige Lehrerin hat sich kurzfristig an Videounterricht versucht, der mit dem Beginn des Wechselunterrichts aber wieder eingestellt wurde. Allerdings müssen wir auch das als Eltern technisch begleiten und wechseln dann vom Firmenmeeting in den Videounterricht, was bei Überschneidungen für zusätzlichen Stress sorgt.

Funktionierte das Miteinander mit der Schule im Frühjahr 2020 besser?

TINA: Im Frühjahr 2020 ist die Schule schlichtweg erstarrt, da gab es gar nichts. Wir hatten keine Cloud, da mussten wir deutlich weniger Schule machen und es wurde nicht dieser absurde Druck ausgeübt. Jetzt konzentrieren wir uns auf Deutsch, Mathe, Englisch – also die wichtigen Fächer. Wenn dann ein Osternest gebastelt oder ein Kreuzworträtsel für den Musikunterricht ausgefüllt werden muss, lassen wir das ausfallen. Die Kinder bekommen dafür beständig etwas auf den Deckel, wenn sie selbst in den weniger relevanten Fächern die umfangreichen Aufgabenpakete nicht vollständig abarbeiten. Die Kinder können aber nichts dafür, dass wir Eltern einfach nicht mehr Zeit in die Schule investieren können.
TOM: Ja, im ersten Lockdown war Schule entspannter, ein Miteinander war aber auch damals nicht spürbar. Jetzt sind es deutlich mehr Aufgaben und Leistungsdruck geworden. Es werden zu 100 Prozent Lehrpläne durchgezogen, als gäbe es keine Pandemie. Wir spüren kein Verständnis für die Situation der Eltern und der Kinder. Hätte man das, könnte man sich auf wesentliche Lehrinhalte konzentrieren und Vieles flexibler handhaben.

Welche Veränderungen gab es bei euch in der Erwerbsarbeit vom ersten zum zweiten Lockdown?

TOM: Mein Arbeitgeber ist gut aufgestellt und wir sind auch weit in der Digitalisierung. Da lief es mit Beginn des ersten Lockdowns erstaunlich reibungslos. Virtuelle Meetings waren für uns kein Neuland. Ich habe im Homeoffice zwar nicht die Ruhe wie im Büro, aber nach einem Jahr Arbeit daheim hat sich doch vieles eingespielt.
TINA: Bei mir ist das trotz öffentlich-rechtlichem Arbeitsverhältnis eine riesige Katastrophe. Homeoffice war von Anbeginn unerwünscht, es gab keine klaren Regelungen, sondern Individuallösungen für jeden Einzelnen. Erst zum Jahresbeginn 2021 setzte ein Umdenken ein – und auch nur auf die Homeoffice-Verordnung hin. Die Arbeit an entsprechenden Lösungen begann deshalb viel zu spät und zog sich dann über Wochen hin. Mangelndes Vertrauen und die Sperre im Kopf haben auf Arbeitgeberseite ein Problem verschleppt, das vor allem den Mitarbeitern auf die Füße fällt. Und uns Müttern ganz besonders.

Wie sieht euer Alltag im zweiten Lockdown aus?

TINA: Im Grunde arbeiten wir den ganzen Tag, die Grenzen der Erwerbsarbeit haben sich aufgelöst. Ich habe jeden Tag 16 Stunden zwischen Homeoffice, Schulbetreuung, Essen machen und Haushalt verbracht.
TOM: Die Arbeit füllt die Zeit, die der Tag lässt. Es geht insgesamt auf Kosten der Freizeit, die im Grunde in der Arbeitswoche völlig entfällt.

Gibt es von euren Arbeitgebern Angebote, weil ihr zwei Kinder im Grundschulalter betreuen müsst?

TINA: Wir hatten das Angebot, Minusstunden aufzubauen und Urlaub zu nehmen. Das sehe ich nicht als Angebot. Eine Kollegin ist unbezahlt zu Hause geblieben, weil sie keinen Urlaub nehmen konnte. Das ist nicht familiengerecht, aber nach der Auskunft vieler Freunde und Bekannter wohl allgemein üblich.
TOM: Wir konnten mit Gleitzeitsalden spielen und mehr Minusstunden aufbauen. Auch das würde uns später dringend benötigte Familienzeit nehmen, ohne jetzt großartig zu helfen. Wir haben uns deshalb den Tag zu Hause eher in Früh- und Spätschicht eingeteilt, sodass man am Ende des Tages auch jeder auf seine acht Arbeitsstunden kommt.
TINA: Ein Angebot mit Minusstunden, Krankentagen oder Sonderurlaub behandelt letztendlich immer ein begrenztes Kontingent. Wir glauben aber nicht mehr daran, dass die Pandemie rund um Ostern vorbei ist. Inzidenzen steigen wieder, das wird sich noch hinziehen. Mit Blick auf die kommenden Monate sind diese begrenzten Kontingente bei uns fürsorgenden Eltern keine Lösung mehr.