„Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown“

Datum: Donnerstag, 01. April 2021 11:29

Interview mit Kati Bott, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sowie Verhaltenstherapeutin in Cottbus

Wie sah ihr Arbeitsalltag im ersten, wie sieht er nun im anhaltenden zweiten Lockdown aus?

Bei Kindern und Jugendlichen kann es in Anpassungsphasen vermehrt zu psychischen Auffälligkeiten kommen. Das betrifft meist Familien, in denen Eltern wenig eigene Ressourcen zur Verfügung haben, um ihre Kinder zu unterstützen. Da im ersten Lockdown gerade für diese Familien viele Hilfen wie ambulante Familienhelfer oder Tagesgruppen plötzlich weggefallen sind, haben sich die psychischen Probleme insbesondere von Patienten aus benachteiligten Familien zugespitzt. Mit dem zweiten Lockdown sehen wir immer mehr Patienten, die aus gut aufgestellten Familienhäusern kommen. Viele Gymnasiasten sind darunter. Wir haben solche Patienten früher auch gesehen, aber sie kommen jetzt zusätzlich mit Störungen, die direkt durch die Pandemie bedingt sind. Die Schließung der Schulen, der Entzug von Freunden und Freizeitmöglichkeiten – all das manifestiert Ängste bis hin zu Panikattacken. Jugendliche fragen nach dem Sinn, das Thema Tod und Gedanken um Suizid werden geäußert. Depressionen haben stark zugenommen. Viele Kinder konnten Verluste im ersten Lockdown noch kompensieren, nun geht aber die Kraft bei Kindern und Jugendlichen, vor allem auch bei den Eltern zu Ende. Viele Patienten empfinden in der Unvorhersehbarkeit den größten Stress. Sie sehen keine Planungsmöglichkeit, wie es weitergehen soll. Sie werden allein gelassen, vor allem an den Gymnasien mit Aufgaben überhäuft. Unterstützung bleibt teils völlig aus. Es gibt wenige oder teils keine Anrufe von Seiten der Schule, der Kontakt per E-Mail ist schwierig, der äußere Rahmen und die Struktur fehlen. Je größer die Patienten sind, desto klarer benennen sie das. Sie fühlen sich sozial isoliert, haben zunehmend Zukunftsängste, Schlafstörungen nehmen zu, Tages- und Nachtrhythmus sind verschoben. Im Vergleich zum ersten Lockdown sehe ich eine starke Veränderung. Gut 80 % meiner Patienten behandle ich inzwischen nicht direkt auf eine psychische Störung, sondern bringe sie von Woche zu Woche über die Coronazeit.

Sind Kinder im Kita- und Grundschulalter besonders betroffen?

Bei Grundschulkindern nehmen Versagensängste zu. Es kommen immer mehr Eltern, die ihr Kind diagnostizieren lassen, weil es nicht schreiben oder rechnen kann. Die Problematik rankt sich meist um die Schule. Kinder, die im ersten Lockdown eingeschult wurden, hatten sich gerade in eine neue Situation eingewöhnt – und mussten dann wieder nach Hause. Sie wurden mit vielen Dingen allein gelassen, die Ausprägung wechselt von Schule zu Schule. Es gibt auch sehr bemühte Grundschullehrer, die den Kontakt gehalten haben. Das ist eine enorm wichtige Ressource. Halten Lehrer Kontakt, mindert sich das Gefühl der Isolation für Kinder, die schulische Motivation steigt. Meist sehen wir bei Kindern aber eine massive Zunahme des Medienkonsums. Viele Kinder haben im Pandemiejahr stark zugenommen. Der Weg in die Schule, Sport und der Kontakt zu Gleichaltrigen entfallen. Daraus resultiert anfangs eine Verstimmtheit, die zu massiven Interaktionsstörungen zwischen Kindern und Eltern führen kann. Die Ursache ist dabei die zunehmende Überforderung der Eltern. Sie sind genervt im Homeoffice oder ohne Arbeit zu Hause, haben persönliche Schwierigkeiten mit einer neuen Struktur, es kommt vermehrt zu Gewalt in den Familien. Es kommen immer mehr Eltern in die Praxis, bei denen physisch wie psychisch Erschöpfung vorliegt. Bei den Kindern sind akute Belastungsreaktionen zu sehen, teilweise traumatisieren sie. Manchmal kommen Patienten nicht mehr. Kürzlich antwortete ein kleiner Patient, er könne nicht mehr kommen, weil die Mama seit drei Tagen quasi regungslos auf dem Sofa in den Tag hineinlebt. Wo sonst auch andere Hilfen gegriffen haben, bleiben Kinder sich immer mehr selbst überlassen.

Ist die Pandemie in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Ja. Im ersten Lockdown war das Problem eher bei den bildungsfernen Schichten sichtbar. Jetzt haben wir Patienten aus allen Bildungsschichten, die durch das Alleingelassensein erkranken.

Gibt es einfache Hinweise, an denen Eltern merken, dass Sie handeln sollten – und was genau sollten Sie dann tun?

Eltern sollten wachsam mit sich selbst sein – insbesondere dann, wenn es ihnen zunehmend schwerfällt, mit Kindern Aufgaben im Homeschooling zu erledigen. Wenn Eltern insbesondere bei kleineren Kindern unruhig werden oder wütend reagieren, helfen Strategien. Man kann mit dem Kind aushandeln, was man am Tag erledigt und wo man aufhört. Es gibt in jedem Alter eine Grenze der Belastbarkeit. Selbst wenn die Schule mehr aufgibt, ist das nicht in jedem Alter und durch jedes Kind zu leisten. Es muss auch nicht sein, es geht hier nicht um den Schulstoff, sondern darum, Kinder emotional und psychosozial gut zu begleiten. Wenn sich Eltern und Kinder beim Lernen streiten, ist das für beide schlecht. Klare Pläne mit gemeinsamen Pausen können helfen: Eine Runde um den Block gehen oder ein Ballspiel machen, das ist gut für die Nerven. Die Kleinen brauchen eine positive Interaktion, aktive Pausen sind wichtig.

Was müsste sich Ihres Erachtens tun, damit sich die Situation für Kinder und Jugendliche verbessert?

Es wäre sehr wohl möglich und wichtig, dass die Schule mehr Kontakt zu den Schülern aufbaut, gerade beim Distanzlernen. Dabei geht es um positive Beziehungserfahrungen. Fehlt der Kontakt, sinken Motivation und Selbstvertrauen. Im Wechselunterricht sollten Kinder in der Präsenzwoche nicht mit Arbeiten und Tests bombardiert werden. Es geht jetzt nicht um Noten, sondern darum, die Kinder aufzufangen und überhaupt erst wieder eine Basis fürs Lernen zu schaffen. Leistungsdruck wird von vielen Kindern aktuell als sehr belastend empfunden. Auch für Lehrer und Schule ist es eine Ausnahmesituation, auf die man sich schwer einstellen kann. Aber gerade für Kinder aus schwierigen Verhältnissen sollte es verpflichtend werden, sich mit weiteren Kindern mehrmals je Woche in kleinen Gruppen zu treffen. So behält man die Kinder im Blick. Aktuell rutschen sehr viele Kinder durchs System. Missbrauch, Vernachlässigung, suchtkranke Eltern – für diese Kinder braucht es dringend Angebote.

Viele bildungsstarke Elternhaushalte kennen solche Problemsituationen nicht und haben Hemmnisse, externe Hilfe zu suchen – welchen Rat haben Sie für diese?

Eltern sollten vor allem Verständnis aufbauen, was die Situation für ihre Kinder bedeutet. Viele Entwicklungsaufgaben für Kinder sind derzeit blockiert. Ob Kita, Grundschule oder Oberstufe – in jedem Abschnitt haben Kinder bestimmte Entwicklungsaufgaben und dazu müssen Dinge auch außerhalb der Familie stattfinden. Das ist aktuell nicht möglich, es ist ein großer Mangel bei den Kindern da. Eltern merken selbst die Belastung auf der Arbeit, den Verlust an Freizeit und Vergnügen. Sie müssen sehen, was ihnen selbst fehlt – und daraus Verständnis für die Perspektive des Kindes entwickeln. Es ist wichtig, regelmäßig mit den Kindern zu sprechen. Was fehlt ihnen? Was würden sie sich wünschen, wenn sie einen Zauberstab hätten? In der Praxis machen wir oft Malereien oder Collagen zu den aktuellen Gefühlen der Kinder. Und dann gestalten wir Zukunftsbilder. Auf jeden Fall sollte man Kindern soziale Kontakte ermöglichen, soweit das zulässig ist – also gezielt andere Kinder zum Spielen einladen oder zumindest einen Austausch per Face-time oder Skype ermöglichen. Das sollten Eltern auch bewusst fördern. Am Wochenende helfen gemeinsame Spaziergänge mit Freunden, eine Radtour – also alles, was die Kinder aus der Passivität herausholt.

Wann sollten Eltern professionelle Hilfe suchen?

Wenn deutlich wird, dass ein Kind sich zurückzieht, keine Freude mehr empfindet und nicht mehr zu motivieren ist. Wenn eigene Angebote der Eltern nicht mehr greifen. Aber auch, wenn Eltern selbst in eine Überlastung kommen, bei Kleinkindern wütend reagieren oder den pubertierenden Jugendlichen nicht mehr verkraften. Nicht alle Kinder ziehen sich zurück, viele reagieren in Depressionen auch hyperkinetisch mit viel Bewegungsdrang und motzigem Verhalten. Jedes Kind kompensiert anders. Wenn Eltern dem mit Angeboten nicht begegnen können oder sich stark überlastet fühlen, dann sollten sie Hilfe suchen und zulassen. Es muss im ersten Schritt nicht gleich die Psychotherapie sein, auch eine Familien- und Erziehungsberatungsstelle bietet Hilfe. Für sehr wichtig halte ich den Austausch mit der Schule. Häufig versteht die Schule in Zeiten des Lockdowns nicht, wie es den Kindern geht und verlangt Dinge, die von den Kindern derzeit einfach nicht leistbar sind. Das führt zu Überforderung und Demotivation. Hier können sich gerade kleinere Kinder meist kaum allein mit der Schule auseinandersetzen, da sollten Eltern helfen. Kritische Rückmeldungen an die Schule sind oft problematisch. Eltern sollten trotzdem den Austausch suchen, dabei aber beachten und nicht vergessen, dass es für alle Seiten eine sehr schwierige Situation ist.