„Die Nerven scheinen am Ende“

Datum: Donnerstag, 01. April 2021 11:46

Interview mit Dr. Alexandra Langmeyer, Leiterin der Fachgruppe „Lebens-lagen und Lebenswelten von Kindern“ beim Deutschen Jugendinstitut (DJI)

Bereits im Frühsommer 2020 hatte das Deutsche Jugendinstitut erste Ergebnisse einer Studie unter dem Titel „Kind sein in Zeiten von Corona“ veröffentlicht. Mit der Leiterin der Studie, Dr. Alexandra Langmeyer, haben wir diese Ergebnisse damals auch in unserem Familienmagazin besprochen. Eine zentrale Botschaft war seinerzeit, dass Kinder den sozialen Austausch mit anderen Kindern brauchen. Zum Jahresende wurde die Studie samt einer vertiefenden Befragung ausgewählter Familien abgeschlossen – wir sprachen mit der Wissenschaftlerin nun über Erkenntnisse für den anhaltenden zweiten Lockdown:

Tausende Studien widmen sich verschiedenen Zusammenhängen rund um Corona, warum gibt es kaum Studien zu Kindern?

Im ersten Lockdown war unsere Studie tatsächlich eine von wenigen, die sich der Situation der Kinder widmete. Inzwischen sieht die Studienlage schon besser aus. Beispiele sind die COPSY- und die KiCo-Studie (Infos zu diesen Studien siehe ab Seite 32 dieser Ausgabe, Anmerkung der Redaktion). Dass weniger Kinder zu Wort kommen, ist allerdings auch dem Umstand geschuldet, dass man jüngere Kinder eigentlich nur persönlich befragen kann. Das war und ist in Coronazeiten nahezu unmöglich. Auch wir mussten viel auf Telefon und digitale Formate ausweichen.

Sie haben Ihre Studie verwiegend im ersten Lockdown durchgeführt, lassen sich daraus trotzdem Erkenntnisse für den zweiten Lockdown ziehen?

Wir haben einen spannenden Effekt gefunden: Es tut Kindern und Eltern gut, wenn ein guter Kontakt zu Erziehern bzw. Lehrern vorhanden ist. Je intensiver der Kontakt, desto besser ist das Wohlbefinden der Kinder. Das passt auch zu dem Befund, dass es Kindern mit Geschwistern besser geht. Der weitere Sozialkontakt über die Eltern hinaus, auf den im Lockdown sehr viele Familien reduziert sind, tut Kindern gut. Da war neben dem Kontakt zu Erziehern und Lehrern auch der Kontakt zu Großeltern hilfreich.

An Ihrem Institut wird auch die fortlaufende Corona-Kitastudie durchgeführt, lässt sie Rückschlüsse auf die aktuelle Situation der Kinder zu?

In der Studie gibt es zwar auch eine Elternbefragung, sie schaut aber aktuell eher auf das Infektionsgeschehen und den Umgang der Kitas mit der Pandemie. Es geht aktuell auch darum, wie viele Kinder sich bei Ausbrüchen anstecken. Spannend ist für Eltern sicher die Veränderung von der ersten zur zweiten Welle und nun der sichtbare Einfluss der Mutation. Es sieht inzwischen leider so aus, dass sich doch immer mehr Kinder in der Kita anstecken.


Veränderungen der gemeinsam verbrachten Zeit nach Personengruppen und alleine im Kindergartenalter (in Prozent) Fragewortlaut: Und wie hat sich insgesamt die Zeit verändert, die Ihr Kind mit folgenden Personen verbringt?
Quelle: Studie Kindsein in Zeiten von Corona, Stand 04.05.2020, kompletter Bericht und weitere Grafiken unter www.dji.de

Ihre Studie zeigte, dass bildungsstarke Familien weniger betroffen waren, könnte der zweite Lockdown das geändert haben?

Eine aktuelle, qualitative Studie aus unserem Institut betrachtet, wie Doppelverdiener-Paare mit der Situation zurechtkommen. Dort sah es im ersten Lockdown – ähnlich wie in unserer Studie – noch sehr gut aus. Es war anstrengend, aber die Eltern haben es noch gut gemeistert. Was nun im zweiten Lockdown zu Tage kam, das hat sich dann doch schlimm angehört. Die Nerven scheinen am Ende, Eltern empfinden den Zustand inzwischen als superanstrengend. Wenn sich mehr Studien den Längsschnitt anschauen, würde man sicher sehen, dass sich die Situation für alle verschlechtert hat. Dennoch bin ich überzeugt, dass sich die Situation sozial benachteiligter Kinder und Familien nochmals umso mehr verschlechtert hat.

Hat man Ihres Erachtens die richtigen Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen gezogen, die nach dem ersten Lockdown im letzten Frühsommer vorlagen?

Leider viel zu wenig! Zumindest wurde etwas gründlicher auf benachteiligte Kinder geschaut. Einrichtungen wurden in der Folge nicht nur systemrelevanten Eltern zugänglich gemacht. Positiv war, dass Sozialkontakte wenigstens mit einer Person erlaubt wurden. Die Älteren hatten während des Distanzunterrichts mehr Kontakt mit den Lehrkräften. Sicher gibt es noch immer Negativbeispiele, wo in Schulen nach wie vor Arbeitsblätter ausgeteilt werden. Aber viele Schulen sind beim Distanzlernen und digitalen Unterricht doch vorwärtsgekommen, sodass zumindest ein kurzer Austausch zwischen Lehrenden und Kindern stattfindet.