Überlastung ist kein Makel!

Datum: Donnerstag, 01. April 2021 11:54


Foto: deisgned by prostooleh, freepik

Ein Blick auf die Auswirkungen der Coronapandemie auf Kinder und Eltern – besonders in bildungsstarken Haushalten.

Während Politiker und Wirtschaftsexperten seit Monaten erregt über Maßnahmen zwischen Inzidenz, Einschränkungen und Lockerungen diskutieren, allerlei Studien ins Feld führen und Familien im Dschungel der Verordnungen die Orientierung verlieren, spielen Kinder, Jugendliche und deren Eltern in der Corona-Debatte nach wie vor kaum eine Rolle. So gibt es zur Situation der Kinder und Eltern in Coronazeiten auch kaum Informationen. Im ersten Lockdown waren es zu Kindern lediglich zwei Studien, die bereits im Sommer 2020 enorme Folgen vor allem für sozial benachteiligte Kinder prognostizierten. Eine weitere Studie im Frühsommer 2020 sorgte kurzzeitig für einen Aufschrei. Sie wurde von der TU München und dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführt und ermittelte während der Pandemie in 3,6 % der befragten Haushalte Gewalt gegen Frauen, in 6,5 % der Haushalte sogar gewalttätige Bestrafungen minderjähriger Kinder. Hochgerechnet ein Indikator für hunderttausende Schicksale inmitten unserer Gesellschaft.

Zum Jahresbeginn 2021 erschien dann eine weitere Studie, die offenbarte, dass jedes dritte Kind infolge der Pandemie unter psychischen Problemen leidet. Aus sehr wenigen, weiteren Studien kann man ein ähnliches Bild ableiten. Viele Familien haben längst Belastungsgrenzen überschritten. Mit Angela Merkels erneutem Einschwören auf drei, vier weitere schwere Monate zur Märzmitte dürften viele Eltern vergeblich nach Kraftreserven suchen. Parallel zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe, zu Beginn des letzten Märzdrittels, machte endlich auch der wissenschaftliche Beirat von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey in einem Papier auf die katastrophale Situation in den Familien aufmerksam. Im Papier heißt es, es brauche einen „Marshallplan“ für Familien, für die Zeit nach der Pandemie. Der Vergleich zum Wiederaufbauplan nach dem zweiten Weltkrieg mag für viele auf den ersten Blick übertrieben scheinen. Er unterstreicht aber die Bedeutung unseres Themenschwerpunkts für diese Ausgabe, den wir aufgrund der Kenntnis der realen Familiensituation ohnehin geplant hatten.

Der unvollständige Fokus

Allen Papieren und Studien bis hin zur Bewertung von Giffeys Familienbeirat ist eines gemein: Sie betonen die dringend benötigte Hilfe für sozial benachteiligte, bildungsferne Kinder und Familien sowie für jene, die stark von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit betroffen sind. Das entspricht auch den Erkenntnissen der Studienlage aus dem ersten Lockdown. Dabei hält sich die Äußerung hartnäckig, dass jene Haushalte weniger Hilfe bräuchten, die über ein höheres Bildungsniveau verfügen und sich ein Leben zwischen Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung noch „irgendwie“ einrichten können. Eine Einschätzung, mit der wir in diesem Beitrag aufräumen wollen. Jene Eltern, die nicht selten in Führungsverantwortung mitten im Getriebe unserer Leistungsgesellschaft stecken, sind infolge der Pandemie inzwischen ebenso überfordert, ihre Kinder leiden ebenso – ein Plan für die Zeit nach der Pandemie braucht deshalb viel mehr als Nachhilfe- und Ferienprogramme für sozial Benachteiligte. Die vorgeschlagene Ausweitung des Homeoffice und einer Familienzeit wälzt die Reparatur einmal mehr auf die Eltern und somit die Familien ab. Wir schauen am Ende dieses Beitrags, was vielmehr Bestandteil einer Strategie sein kann, die allen Eltern hilft.