Das kleine Corona-Update (Stand: 22. April)

Datum: Mittwoch, 28. April 2021 14:17

Stand 22. April 2021: Regelmäßige Leser bitten wir um Verständnis für unsere wiederholten Anmerkungen zum Einstieg ins monatliche Corona-Update. Da wir immer wieder von Lesern um Kritik und aktuelle Infos zu Eindämmungsmaßnahmen gebeten werden, scheint dies aber wiederum erforderlich. Wir haben uns in unserer Serie zur sich wie ein Kaugummi ziehenden Pandemie sachlichen Informationen zu Erkenntnissen rund um das aktuelle Coronavirus mit besonderem Bezug zur Familie verschrieben. Wir wollen hier keine Meinung machen und auch keine politischen Entscheidungen diskutieren. Da unser Magazin im monatlichen Rhythmus erscheint, ist es auch nicht sinnvoll, sich beständig ändernde Regeln zu beschreiben, die schon mit Erscheinen des Magazins veraltet sein können. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns auch diesmal auf familienrelevante, neue Erkenntnisse zum Coronavirus aus Wissenschaft, Medizin und praktischer Pandemiebewältigung sowie auf die besondere Situation der Kinder und Familien bzw. Mütter. Hier wird diesmal der dringende Hinweis aus unserer letzten Ausgabe untermauert und wiederholt, dass man sich politisch auf Landes- und Bundesebene endlich um eine Vorsorge für Kinder und Familien mit einer Strategie für jene Zeit bemühen sollte, in der eine ausreichend hohe Impfquote den Weg aus der Pandemie bahnt. Auch in den vergangenen vier Wochen wurde hier einmal mehr jegliche Entwicklung verschlafen. Familien und Mütter müssen mit Blick auf den beginnenden Bundestagswahlkampf unbedingt lauter werden – sonst dominieren mit Start der sogenannten „neuen Normalität“ wieder wirtschaftliche Interessen und Politik wie Behörden kehren zurück zum realitätsfernen Dienst nach Vorschrift.

PIMS – selten, aber wichtig

Viele Nachfragen erreichten uns zu unserer kurzen Schilderung des Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) im letzten Corona-Update. PIMS steht für eine seltene, aber auch von sehr schweren Verläufen geprägte Folgeerkrankung einer Coronavirus-Infektion für Kinder und Jugendliche. Wir führten dazu ein ausführliches Interview mit Prof. Michael Frühwald, das auf den folgenden Seiten zu finden ist. Auch wenn es mehrere tödliche Verläufe für Kinder gab, die an PIMS erkrankt sind, ist Alarmismus hier völlig fehl am Platz. Information und Aufmerksamkeit für Eltern ist hingegen sehr, sehr wichtig. Denn wer auf Symptome bei Kindern und Jugendlichen achtet und rechtzeitig reagiert, der kann selbst in den selten auftretenden Fällen schwere Verläufe für seine Kinder vermeiden. Um zu unterstreichen, dass dieses Thema keine Bagatelle ist: Allein in den USA wurden rund 1.730 an PIMS erkrankte Kinder in einer Studie beschrieben, von denen 45 % auf die Intensivstation kamen und 24 Kinder verstarben. In Großbritannien wurden auf dem Höhepunkt der zweiten Welle pro Woche mehr als 100 Kinder mit PIMS diagnostiziert. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie hat in diesem Frühjahr 245 Kinder mit PIMS registriert, sieben haben bisher Folgeschäden behalten, vor allem am Herzen. Die Schätzungen in der Häufigkeit von PIMS gehen weit auseinander, hier fehlen einfach noch verlässliche Daten – und da Kinder meist ohne Symptome erkranken, ist im Grunde die Gesamtzahl infizierter Kinder eine große Unbekannte. Veröffentlichungen reichen derzeit von einem betroffenen Kind je 1.000 infizierter Kinder bis zu einem betroffenen Kind je mehrerer 10.000 infizierter Kinder. In jedem Fall scheint PIMS deutlich häufiger vorzukommen als die vieldiskutierten Hirnvenenthrombosen. PIMS tritt meist sechs bis acht Wochen nach der Coronavirusinfektion auf, selbst wenn dieses ohne Symptome verlief. Einen Zusammenhang zur Schwere der Symptome der eigentlichen Infektion scheint es also nicht zu geben. Ein einfaches Anzeichen: Wenn Kinder plötzlich an hohem Fieber leiden, dass auch mit Antibiotika am zweiten und dritten Tag nicht verschwindet, sollten betroffene Kinder unbedingt einem Arzt vorgestellt werden. Eltern können hier ruhig deutlich auf PIMS hinweisen. Rechtzeitig erkannt, ist PIMS scheinbar sehr gut therapierbar. Wenn Kinder hingegen zu spät den Weg zum Arzt finden, können vor allem Herzschädigungen bis zum Tod führen. Neben hohem Fieber zählen akuter Hautausschlag, beidseitige Bindehautentzündung, geschwollene Lymphknoten, Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen sowie Herzprobleme und ein starker Abfall des Blutdrucks zu den weiteren Symptomen der Erkrankung. Neben der Seltenheit der Erkrankung unterstreicht auch ein zweiter Fakt, dass Alarmismus bei uns unangebracht ist: Eine Studie in Großbritannien zeigte, dass rund 75 % der an PIMS erkrankten Kinder dunkelhäutig oder asiatischer Herkunft waren, sodass vermutet wird, dass bestimmte ethnische bzw. genetische Faktoren die Erkrankung begünstigen, die bei hellhäutigen Mitteleuropäern weniger stark ausgeprägt sind.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass durch ein Ausbleiben der Grippewelle und vieler weiterer Krankheiten infolge von Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln bei Kindern und Jugendlichen in der aktuellen Pandemie viel weniger Kinder schwer erkranken und sterben als in „normalen“ Jahren.

Long Covid bei Kindern

Das Erwachsene nicht selten einen längeren Zeitraum zur Bewältigung der Folgen einer Covid-Infektion benötigen, ist inzwischen hinreichend bekannt. Bei Kindern wird dieses Phänomen nun auch immer häufiger beschrieben. Wenn Kinder plötzlich und dann dauerhaft antriebslos und erschöpft sind, obwohl sie zuvor aktiv, sportlich und lebensfroh waren – wenn sich also normale Entwicklungsprozesse wie z.B. ein pubertäres Abkapseln bzw. „Chillen“ ausschließen lassen und eine deutliche Verhaltensänderung manifestiert – sollte man auch in diesem Fall einen Arzt aufsuchen und am besten mit einem Blutbild und einem Check der bedeutendsten Organe (Lunge, Herz, Nieren) auf Nummer sicher gehen. Das hat in der besonderen Pandemie-Situation nichts mit Helikopter-Eltern zu tun, ganz im Gegenteil. Kein Elternteil würde sich verzeihen, durch zu spätes Handeln evtl. ein chronisches Krankheitsbild begünstigt zu haben.

Testen und Impfen

Zum Testen und Impfen scheinen uns zwei Anmerkungen wichtig. In Sachen Tests wird in Medien immer wieder die Wirksamkeit von Schnelltests diskutiert. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte führt inzwischen 359 verschiedene Antigen-Tests zum direkten Eigennachweis des Coronavirus Sars-CoV-2 in einer Übersicht auf (Stand 22. April). Hier kann man sehen, welche Tests bereits durch das Paul-Ehrlich-Institut positiv evaluiert wurden, diese machen übrigens noch den kleineren Teil aus. Dabei sind alle positiv evaluierten Tests ähnlich gut. Das Vertrauensintervall liegt in der Regel zwischen 97 und 99,9 %. Viel wichtiger als dieses Vertrauensintervall ist aber, wann der Einsatz von Schnelltests Sinn macht. Hier sollten Familien beachten, dass man sich per Schnelltest nicht von Sars-CoV-2 „freitesten“ kann. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Schnelltests bei einer Infektion mit Sars-CoV-2 in der Regel am Tag +1 nach Symptombeginn positiv werden, dabei sind Infizierte bereits einen Tag zuvor, also am Tag -1, infektiös. Das bedeutet, dass Schnelltests quasi die ersten zwei bis drei Tage nicht anzeigen könnten, in denen man das Virus im Infektionsfall aber bereits weitergeben kann. Deshalb sollte man sich bei Arbeits- oder Familientreffen trotz negativem Schnelltest nach den üblichen Verhaltensregeln, wie Abstand halten etc. richten. Sinn machen Schnelltests vor allem dort, wo Gruppen regelmäßig in Räumen zusammenkommen und in regelmäßigen Abständen fortlaufend getestet wird – wie das jetzt endlich in Schulen stattfindet und auf Arbeitsstellen stattfinden soll. Die regelmäßige Testung detektiert hier einfach sehr früh ein Ausbruchsgeschehen und so kann durch gründliche Nachtestung mit der zuverlässigen PCR schnell und zielgenau isoliert und sogenannten „Superspreading-Events“ vorgebeugt werden.

Was das Impfen anbelangt, haben wir hier schon immer gegen die mediale Dauerkritik angeschrieben. Mitte April waren es in unserem Land in der Spitze bereits knapp 800.000 Impfungen an einem Tag (!), zum 21. April sind es bereits rund 23 Mio. verabreichte Impfdosen. Unterstellt man in der Regel binnen zwei Wochen einen ausreichenden Infektionsschutz, dann dürfte in Deutschland bald ein Drittel der benötigten Quote für eine Herdenimmunität erreicht sein. Wichtig ist jetzt vor allem, dass das Impftempo weiter zunimmt. Bis Ende Juni könnten weit über 50 Mio. Impfdosen verimpft und im Sommer eine Herdenimmunität erreicht werden. Zwar schützt eine Impfung nicht vollständig vor Infektionen, aber sämtliche Impfungen schützen überraschend gut vor schweren Krankheitsverläufen. Genau hier kommt Eltern eine weitere wichtige Aufgabe zu. Viele ältere Menschen sind durch das Hin und Her beim Impfstoff von
Astrazeneca verunsichert, dabei ist er ein hochwirksamer Impfstoff und für ältere Menschen die richtige Wahl – das bestätigen Abermillionen gut untersuchte Impfungen in Großbritannien und anderswo. Ältere Menschen, die eine Impfung mit Astrazeneca ablehnen und stattdessen Impfstoff von Biontech verlangen (in einigen Bundesländern besteht hier ein Wahlrecht), nehmen faktisch jüngeren Menschen wie der künftig eher gefährdeten Elterngeneration, die nach Empfehlung der Impfkommission nicht mit Astrazeneca geimpft werden darf, den Impfstoff weg. Das sollte man den Großeltern verdeutlichen. Im höheren Alter ist das Risiko, an Covid-19 zu versterben, mehr als 600-fach höher als das Risiko der Nebenwirkung eines Impfstoffs – und Nebenwirkung bedeutet hier nicht Tod, sondern in aller Regel eine heftigere Impfreaktion des Körpers.

Für Frauen mittleren Alters ist das Risiko bei Impfungen mit Astrazeneca inzwischen recht klar beschrieben. Die vieldiskutierte Hirnvenenthrombose ist eine sehr seltene Nebenwirkung und eher ein medialer Aufreger, die Zahlen ihrer Häufigkeit bewegen sich etwa im Spektrum von 1:100.000 bis 1:500.000. Eine Studie der Uni Oxford ergab 5 Fälle von Hirnvenenthrombosen auf 1 Mio. Impfungen – schaut man auf Covid-19, so verursacht die Krankheit an sich dieser Studie nach 39 Hirnvenenthrombosen auf 1 Mio. Infizierte, und im Fall der Erkrankung ist das ja nur eine vieler Todesursachen. Selbst das fast schon als Alltagsmedizin verwendete Ibuprofen kann laut Beipackzettel sehr selten – also in bis zu 100 Fällen auf 1 Mio. Nutzer – zum Herzinfarkt führen. Nimmt man nun noch hinzu, dass die Hirnvenenthrombosen infolge einer Astrazeneca-Impfung fast ausschließlich Frauen im mittleren Alter betreffen, scheint es fast logisch, einzig diesen andere Impfstoffe zu verabreichen und älteren Menschen hier gar keine Wahl zu lassen. Übrigens: wenn neuronale Symptome, Schmerzen in den Augenwinkeln/Augen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen rechtzeitig erkannt werden, ist auch diese Thrombose therapierbar. Für Frauen mittleren Alters ist es aber richtig, das Risiko auszuschließen, wenn ausreichend andere Impfstoffe wie jene auf mRNA-Basis zur Verfügung stehen.

Betroffene Mütter

Viel klarer betroffen sind Mütter und Frauen in der Pandemie von anderen Faktoren. Sars-CoV-2 ist alles andere als geschlechtsneutral, eine Verschärfung der Ungleichheit zwischen Mann und Frau infolge der Pandemie haben wir bereits in den vergangenen Ausgaben beschrieben. Nun zeigt eine weitere Studie, dass Frauen – und wiederum insbesondere Mütter – auch in der Selbständigkeit überproportional stärker leiden. Es wird endlich Zeit, dass die Politik die Augen öffnet und jetzt für die Bildung, Arbeitswelt und selbständige Wirtschaft Strategien erarbeitet, die Frauen in den Blick nehmen. Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in unserem Interview mit Johannes Seebauer zu seiner Studie.