„Wir benötigen ein Ende der Unsicherheit für Selbständige“

Datum: Mittwoch, 28. April 2021 14:34

Interview mit Doktorand Johannes Seebauer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung e.V.

Mit einer aktuellen Studie schärft das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) den Fokus auf die besondere, pandemiebedingte Betroffenheit von Frauen auch in der Selbständigkeit. Die Erkenntnisse belegen einmal mehr, dass die Coronakrise nicht geschlechterneutral wirkt und Ungleichheiten verschärft. Der Politik gibt sie an die Hand, Selbständige und damit Frauen verlässlicher zu unterstützen. Wir sprachen mit Johannes Seebauer, der die Studie verantwortet hat:

Sie sind ein junger Mann am Beginn der Forschungskarriere, wie sind Sie ausgerechnet auf die Betrachtung selbständiger Frauen gekommen?

Das ist eine gute Frage. Die Forschungsphase meiner Promotion begann Ende 2019. Grundsätzlich bin ich Arbeitsmarktökonom und beschäftige mich in dem Gebiet mit verschiedenen Themen, habe beispielsweise auch schon zu Mindestlöhnen geforscht. Die Studie zu Selbständigen in der COVID-19-Krise ergab sich dann aus der Pandemie heraus. Dabei hat sich dann in den Daten sehr klar gezeigt, dass es besonders selbständige Frauen richtig erwischt hat. Das war zuvor in dem Ausmaß nicht zu erwarten – und so hat die besondere Situation das Thema der Studie geschärft.

Die prominente Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger sprach in der Pandemie von einer Retraditionalisierung des Frauenbilds zwischen Homeoffice, Kinderbetreuung und Haushalt – bestätigt ihre Studie mit der besonderen Betroffenheit selbständiger Frauen dieses Bild?

Grundsätzlich besteht diese Gefahr, wenn von der Pandemie besonders betroffene Frauen sich aus ihrer Selbständigkeit zurückziehen und sich in diese traditionelle Rollenverteilung einfügen. Wenn pandemiebedingte Schließungen von Schule und Kita Betreuungsengpässe verursachen, sind es zumeist Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren. Gerade selbständige Frauen verfügen oft über die Flexibilität, das zu tun. Was kurzfristig als Vorteil erscheint, kann langfristig für ihre Perspektive in der Selbständigkeit von großem Nachteil sein. Insgesamt ergibt sich aber ein durchaus differenziertes Bild. So haben Untersuchungen von DIW-Kollegen gezeigt, dass die Mehrbelastung durch Sorgearbeit in der Pandemie vor allem in denjenigen Haushalten zu Lasten von Frauen ging, in denen die Sorgearbeit bereits zuvor ungleich verteilt war. Dies spricht in der Tat für eine Retraditionalisierung des Frauenbilds. In Haushalten aber, in denen die Sorgearbeit vor der Krise egalitär aufgeteilt war, haben sich hingegen keine signifikanten Änderungen durch die Pandemie ergeben.

Warum sind Frauen nicht nur allgemein, sondern auch in der Selbständigkeit stärker betroffen als Männer?

Dies liegt unseren Ergebnissen zufolge vor allem daran, dass selbständige Frauen viel häufiger in Branchen tätig sind, die besonders stark von der Pandemie beeinträchtigt werden. Die Pandemie betrifft Wirtschaftszweige stärker, die physische Nähe erfordern und in denen sich Kontaktbeschränkungen negativ auswirken. Das sind in erster Linie körpernahe Dienstleistungen, Handel, Beherbergung sowie die Kultur- und Kreativwirtschaft. Dies sind Branchen, in denen anteilig mehr Selbstständige und kleinste Unternehmen zu finden sind als etwa im verarbeitenden Gewerbe. Insbesondere im Dienstleistungssektor sind überproportional viele selbständige Frauen tätig, wodurch sich letztlich auch ihre stärkere Betroffenheit ergibt.

Fällt Ihres Erachtens auch die drohende Pleitewelle bei selbständigen Frauen höher aus?

Das ist sicher spekulativ, aber analog zur stärkeren Betroffenheit ist natürlich zu befürchten, dass Frauen auch verhältnismäßig häufiger ihr Geschäft aufgeben oder in die Insolvenz rutschen.

Es gibt bereits Studien, die allgemein die stärkere Betroffenheit von Frauen in der Pandemie zeigen, wieso halten Sie da eine Unterscheidung der Beschäftigungsart für so relevant?

Abhängig Beschäftigte sind nicht zuletzt wegen der Ausweitung des Kurzarbeitergeldes besser vor Einkommensverlusten geschützt als Selbständige. Einen vergleichbaren Schutzmechanismus gibt es für diese nicht. Finanzielle Verluste durch die Krise schlagen sich also sofort zu 100 % im Einkommen nieder. Die Krisenerfahrung selbständiger Frauen unterscheidet sich deshalb deutlich von der abhängig Beschäftigter. Deshalb und aufgrund der Tatsache, dass sie überproportional häufig in stärker betroffenen Branchen tätig sind, halten wir diesen Fokus für wichtig, auch im Hinblick auf Erkenntnisse zu notwendigen Maßnahmen zur Krisenbewältigung.

Was bedeutet das für die Eindämmungsmaßnahmen einerseits und staatliche Unterstützungen andererseits?

Wir sehen in den Daten, dass selbständige Frauen mit einer rund 60 % höheren Wahrscheinlichkeit von Eindämmungsmaßnahmen wie der Regulierung von Öffnungszeiten betroffen sind. Das korrespondiert natürlich mit der Branchenzugehörigkeit und übersetzt sich in Einkommensverluste. Es zeigt sich klar: Auch wenn bestimmte Maßnahmen epidemiologisch sinnvoll sind, so sind sie dennoch nicht geschlechtsneutral. Das muss die Politik im Ergreifen solcher Maßnahmen mitdenken. Es wäre deshalb zu begrüßen, dass staatliche Hilfen an Betroffene möglichst schnell, zeitnah und unbürokratisch fließen. Dass die jüngst verabschiedete Neustarthilfe für Soloselbständige jetzt auch die Deckung von Lebenshaltungskosten vorsieht, ist ein erster wichtiger Schritt. Das war bei den vorherigen Überbrückungshilfen noch ausgeschlossen. Wenn man den Selbständigen insgesamt besser hilft, werden Frauen als überproportional stärker betroffene Gruppe dann auch stärker profitieren.

Haben Sie Erkenntnisse, wie stark das auch Mütter mit heranwachsenden Kindern und somit ganze Familiensysteme betrifft?

Im Familienzusammenhang haben wir uns angeschaut, wie sich Pandemiefolgen auf die psychische Gesundheit ausgewirkt haben. Hier sehen wir, dass die Häufigkeit von Depressions- und Angstsymptomen bei selbständigen Frauen signifikant erhöht ist – und das umso deutlicher, wenn sie Kinder haben. Bei selbständigen Männern finden wir keinen vergleichbaren Effekt. Das deutet darauf hin, dass die Belastung für Mütter auch jenseits finanzieller Aspekte in der Krise deutlich größer ist.

Haben Frauen auch in der Selbständigkeit eine schwächere Lobby als Männer – und wenn ja, was sagt das über unsere Gesellschaft?

Es wurde versäumt, Eltern durch entsprechende Maßnahmen Planbarkeit für Berufstätigkeit, Familie, Schule und Kita zu geben. Eltern wissen momentan nicht, wie viel sie in der kommenden Woche arbeiten können, weil sich Regeln ständig ändern. Das fängt tendenziell die Mutter ab, die ihre Arbeitszeit entsprechend reduziert. Diese Unplanbarkeit führt auch zu psychischem Stress – und hier kann man der Politik durchaus einen Vorwurf machen. Die fehlende Lobby würde ich also eher im Zusammenhang des Systems Eltern, Kind, Berufstätigkeit sehen.

Machen das andere Länder besser?

In der Krise haben wir gesehen, dass in anderen Ländern wie beispielsweise Großbritannien bessere Hilfe für Selbständige geleistet wurde. Dort wurde diesen ermöglicht, auch den Lebensunterhalt mit staatlichen Hilfen zu bestreiten, die dort von den Finanzämtern ausgezahlt werden.

Sie bestätigen die besondere psychische Belastung von Frauen auch im unternehmerischen Feld – sehen Sie hier einen Mangel an Unterstützungssystemen?

Hier gibt es definitiv Nachholbedarf. Die Coronakrise stellt für viele Menschen eine große psychische Belastung dar. Es wird insgesamt wichtig, zu deren Bewältigung niedrigschwellige Angebote zu schaffen und bereits existierende Angebote finanziell besser auszustatten. Als Ökonom kann ich das nicht inhaltlich bewerten – aber eine finanzielle Unterstützung solcher Angebote kann sicher psychische Folgen abmildern und damit auch Selbständigen helfen.

Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Studienergebnisse erhalten, gibt es für selbständige Frauen auch einen besonderen Hoffnungsschimmer?

In den sozialen Medien haben sich auch betroffene, selbständige Frauen zu Wort gemeldet und zeigten sich froh darüber, dass auf ihre besondere Situation in der Krise aufmerksam gemacht wird. Im besten Fall führt der daraus resultierende Diskurs auch zu einer besseren Ausgestaltung politischer Maßnahmen.

Wenn Sie der Politik in diesem Zusammenhang etwas ins Hausaufgabenheft schreiben dürften, was wäre das?

Derzeit scheint der „Modus Operandi“ der Bundesregierung eher zu sein, sequentielle Hilfsprogramme für Selbständige zu verabschieden, die jeweils für einen bestimmten Zeitraum eine fixe Summe gewähren, aber teils mit großer Verzögerung ausgezahlt werden. Besser wäre stattdessen ein einziges, fortlaufendes Hilfsinstrument und dadurch ein Ende der Unsicherheit und mehr Planbarkeit für Selbständige. Eine stete, verlässliche Einnahme in Monaten mit pandemiebedingtem Einkommensverlust würde auch psychischen Stress reduzieren. Wichtig ist dabei, dass diese Hilfen zeitnah erfolgen. Unsicherheit ist der Feind eines jeden Unternehmers, und zuverlässige Hilfen können dabei helfen, die Spirale der Unsicherheit zu durchbrechen.

Vielen Dank für das Gespräch.