„Eltern kennen ihre Kinder am besten“

Datum: Mittwoch, 28. April 2021 14:36

Interview mit Prof. Dr. Dr. med. Michael Frühwald, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Augsburg

Eine der wenigen Studien zur gesundheitlichen Beeinträchtigung von Kindern durch die Coronavirus-Pandemie wird an der Uniklinik Augsburg durchgeführt. Lange galten Kinder als kaum betroffen, wir haben bereits in der letzten Ausgabe unseres Familienmagazins lausebande auf erste Veröffentlichungen zu möglichen gesundheitlichen Folgen für Kinder hingewiesen. Von Prof. Michael Frühwald, dem Leiter der Augsburger Kinderklinik, wollten wir es nun genauer wissen:

Für Kinder wurde in Sachen Covid-19 lange kaum ein Risiko gesehen, nun mehren sich Berichte zu möglichen Spätfolgen – was hat es mit PIMS und MIS-C auf sich?

Das sind Folgen der Covid-19-Erkrankung. Kinder haben in der Regel während der akuten Erkrankungsphase nur milde Symptome, schwere Krankheitsverläufe sind bei Kindern sehr selten. Im Frühjahr und Herbst 2020 haben wir bei uns in der Klinik meist Kinder mit Husten und anderen Erkältungssymptomen erlebt, die schnell wieder nach Hause entlassen wurden. In diesem Winter kamen dann erstmals Kinder und Jugendliche mit einer bereits durchgemachten Covid-Infektion, die sechs bis acht Wochen später plötzlich an einer schweren Erkrankung mit Fieber, Bauchschmerzen, Durchfall und in einem gewissen Prozentsatz auch mit Herzproblemen und Schockzuständen litten. Immerhin mussten fast 50 % dieser Kinder auf der Intensivstation behandelt werden. Wir haben aktuell ein kleines Mädchen im Alter von neun Jahren, das nur eine leichte Covid-Infektion durchgestanden hat, nun aber mit hohem Fieber, Bauchschmerzen, Durchfall, Ausschlag und beidseitigen Augenentzündungen in unsere Klinik eingewiesen wurde, weil Antibiotika keine Wirkung zeigten. Wir haben sie genauer untersucht und fanden eine Erweiterung der Herzkranzgefäße und ein Risiko für Herzversagen. Das sind die Symptome des PIMS – das steht für Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrom. Das bedeutet so viel wie kindliches, entzündliches Multisystem-Syndrom, weil es vier und mehr verschiedene Körpersysteme betrifft. MIS-C beschreibt das gleiche Krankheitsbild bei Erwachsenen, hier sind allerdings meist die Lungen stärker beeinträchtigt. Man vermutet aber, dass sich beide Krankheitsbilder in der Entstehung entsprechen. Es gibt zum PIMS eine sehr große Studie aus den USA, mit rund 1.730 Patienten in der Untersuchung, über 60 % der Kinder hatten Magen-Darm-Symptome, 30 % bekamen Probleme mit dem Herzen, 40 % kamen in einen Schock, 45 % mussten auf die Intensivstation und 1,4 % dieser Kinder sind an den Folgen der Erkrankung gestorben. Das sind immerhin 24 der untersuchten Kinder und Jugendlichen. Insgesamt machen die Zahlen deutlich, dass es trotz der Seltenheit der Erkrankung keine Ausnahmefälle sind.

Es gibt sehr unterschiedliche Angaben zur Häufigkeit dieser Covid-19-Folgen bei Kindern, mal ist von einem Kind auf 5.000, mal von einem Kind auf 10.000 infizierte Kinder die Rede. Es scheint aber alles andere als eine extreme Seltenheit zu sein – wie groß sind Ihre Sorgen?

Es gibt zur Häufigkeit erste Studien, die aber noch keine ausreichende Aussagekraft haben. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir es noch nicht. Die Dunkelziffer nicht festgestellter Infektionen bei Kindern ist u.U. höher als gedacht, so dass eine seriöse Aussage über die Häufigkeit derzeit nicht möglich scheint. In Bayern führen wir die groß angelegte „Covid-Kids-Bavaria-Studie“ durch, in der wir viele Kitas besucht und Abstriche durchgeführt haben. Wir finden durchschnittlich bei 1 bis 2 % der Kinder Covid-Infektionen. Die Endauswertung fehlt auch hier. Wie viele der positiv getesteten Kinder im Nachhinein an PIMS leiden, können wir nicht sagen. Es ist sicher eine seltene Covid-19-Folge. Wir hoffen, dass man durch Impfungen auch ein PIMS verhindern kann – Kinder können am besten geschützt werden, wenn sie selbst und ihre Umgebung geimpft sind.

Wie können Eltern schwere Verläufe bei ihren Kindern vermeiden helfen? Was sollten sie beachten?

Eltern können therapeutisch nicht vorbeugen, sie können aber auf die Symptome achten und diese ernst nehmen. Alarmismus ist dabei grundsätzlich unangebracht, denn Covid-Infektionen laufen bei Kindern und Jugendlichen in aller Regel sehr harmlos ab. Wenn aber Kinder bzw. Jugendliche eine nachgewiesene Covid-Infektion hatten und sechs bis acht Wochen später hohes Fieber bekommen, das trotz Antibiotika auch am zweiten und dritten Tag nicht sinkt, dann sollten sie ins Krankenhaus fahren und Herz und Lunge ihres Kindes checken lassen. Viele dieser Patienten zeigen Ergüsse in der Lunge oder im Herzbeutel – dann muss man sich auch die Herzkranzgefäße anschauen. In diesem Stadium kann man die Patienten in der Regel noch rasch und gut behandeln. In etwa 65 % der Fälle gibt es Symptome im Verdauungsapparat wie Durchfall, Bauchschmerzen und Erbrechen.

Etwa 50 % der vom PIMS betroffenen Kinder landen nach aktuellen Daten auf der Intensivstation, ist die Medizin darauf vorbereitet?

Es gibt mit dem Kawasaki-Syndrom eine bekannte Krankheit mit einer wahrscheinlich ähnlichen Entstehungsgeschichte. Das betrifft im Gegensatz zum PIMS allerdings deutlich jüngere Kinder im Alter von meist zwei bis sechs Jahren. Man kann es mit Immunglobulinen und Cortison behandeln, wenn aber bereits eine Herzschädigung vorliegt, kann es dafür zu spät sein. Deshalb wäre ich auch beim PIMS vorsichtig, was eine gute Prognose für die Therapie angeht. Ich habe großen Respekt davor und die Kinder, die wir mit PIMS gesehen haben, machen mir große Sorgen. Das ist beim Kawasaki-Syndrom ähnlich – hier kenne ich z.B. einen sehr jungen Patienten mit einem Herz-Hinterwand-Infarkt. So etwas sehen wir bei Kindern und Jugendlichen im Grunde nie. Was PIMS anbelangt, sind wir inzwischen gut darauf vorbereitet und wissen, worauf wir bei Kindern und Jugendlichen achten müssen. Wir haben auch die niedergelassenen Ärzte darüber informiert, worauf sie achten sollten. Primär kommen die Kinder ja zuerst dort an. Insofern sensibilisieren wir unsere Community – und sicher ist es eine wichtige Funktion sachlicher Medienberichterstattung, die Eltern zu informieren. Auf meine öffentlichen Hinweise zum PIMS habe ich Hate-Mails erhalten mit der Aufforderung, bei dieser „harmlosen Krankheit“ nicht alle in Schrecken vor extrem seltenen Fällen zu versetzen. Ich denke aber, es ist nicht so extrem selten und wir sollten jedes Leben eines Kindes schützen, so gut uns das möglich ist.

Wird das auch in ihrer aktuellen Studie genauer untersucht?

Wir führen in Bayern zwei großangelegte Studien durch. Das sind die „Kids-Covid-Plus“ als Studie unserer Augsburger Uniklinik und die „Covid-Kids-Bavaria-Studie“ für ganz Bayern. Diese Studien untersuchen das Infektionsgeschehen vor allem bei den jungen Kindern. Hier geht es um Erkenntnisse, wo genau die Kinder sich anstecken. Aktuell wird der Ruf lauter, die Kitas zu schließen, wenn die Infektionszahlen hoch gehen. Wir wollen herausfinden, ob sich die Kinder tatsächlich in den Kitas infizieren. Wir nutzen die Studie auch, um in den Einrichtungen aufzuklären und Hygienekonzepte vorzustellen, die Kinder und Personal sinnvoll schützen. Wir informieren Kinder und Jugendliche rund um das Coronavirus und die Krankheit Covid-19. Sie über PIMS aufzuklären, halte ich aktuell für unangebracht, dafür fehlen uns einfach noch zu viele Erkenntnisse. Die erste Beschreibung eines PIMS stammt aus dem März 2020, wir kennen dieses Krankheitsbild also gerade einmal ein Jahr. Inzwischen wurden weltweit zwar schon einige tausend Kinder beschrieben, dennoch ist vieles unklar. In der Kinder- und Jugendmedizin ist es allerdings nicht ungewöhnlich, mit seltenen Erkrankungen zu hantieren. Die allgemeine Wahrnehmung der Seltenheit widerspricht dem, was solche schweren Krankheitsverläufe bei Kindern für das einzelne System Familie bedeuten.

Beobachten Sie in Ihrer Klink auch andere Folgen der Covid-Infektion bei Kindern?

Nach einer Veröffentlichung zu diesem Thema haben wir immer wieder Anrufe von Eltern erhalten, die in der Familie eine Covid-Infektion hatten und danach feststellen mussten, dass die Kinder nicht mehr richtig in Schwung kamen. Da ist ein Mädchen mit elf Jahren zuvor eine Supersportlerin gewesen und kommt nun nicht mehr „in die Puschen“. Wir empfehlen inzwischen, die Kinder dann einmal auf Herz und Nieren prüfen zu lassen, um Spätfolgen auszuschließen. Bei manchen Kindern sieht man z.B. eine Vernarbung in der Lunge oder ähnliche Folgen. Die scheinbar häufiger auftretende Adynamie und Müdigkeit samt mangelndem Antrieb können wir noch schlecht einstufen. Wir finden nichts fassbar Schlimmes bei den Kindern. Aber was heißt das schon. Es gibt ja auch jene, die Covid-19 leugnen und dann meinen, das hätte rein psychische Ursachen und die Familienmitglieder litten einfach unter Depressionen. Das ist mir aber zu einfach. Ich glaube, wir wissen noch viel zu wenig über das, was in der Folge einer Covid-Infektion im Körper wirklich passieren kann, wo und wie sich Entzündungen ereignen können und wann das mit Spätfolgen oder einer langen Genesungsphase verbunden sein kann. Wir kennen das auch vom Pfeifferschen Drüsenfieber, eine häufige und zumeist harmlose Virusinfektion. Aber auch da sind die Verläufe extrem unterschiedlich. Viele Kinder sind drei Wochen krank und dann ist wieder alles gut. Ich habe aber auch Patienten erlebt, die ein Dreivierteljahr nicht aus dem Bett kamen. Warum das so ist, ist ein wichtiger Gegenstand der Forschung. Wir müssen PIMS und andere sichtbare Folgen von Covid-19 ernst nehmen, bis wir mehr darüber wissen. Wir müssen die Patienten gründlich untersuchen und Daten sammeln – hoffentlich wissen wir in einem Jahr mehr darüber und dann auch genau, wie wir damit umgehen können. Bis dahin sollten wir Ärzte auch auf die Sorgen der Eltern hören und solche Symptome nicht mit Verweis auf psychische Faktoren abtun. Eltern kennen ihre Kinder am besten. Mein allererster klinischer Lehrer hatte die Maxime „die Eltern haben immer Recht“ – und das versuche auch ich zu befolgen. Wenn Eltern mir etwas schildern und wir finden trotz gründlicher Suche nichts, dann müssen wir den Eltern trotzdem Hilfestellung bieten.

Hat man sich in der laufenden Pandemie zu lange auf dem Eindruck der Unbetroffenheit von Kindern ausgeruht, fehlt es an Aufmerksamkeit für ihre gesundheitliche Situation?

Ja, davon bin ich fest überzeugt. Das würde ich aber nicht als Versagen einstufen, denn es ist auch verständlich. Wir konnten sicher nicht auf alles vorbereitet sein. Gestorben sind die alten Menschen, deshalb war es richtig, diese in den Fokus zu nehmen. Jetzt ist es aber an der Zeit, dass wir uns auch um die jüngeren Menschen kümmern. An unserer Klinik werden immer mehr junge Menschen schwerkrank. Wir haben aktuell Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren in der Klinik und zwei 20-jährige, die kurz vor der Intensivstation stehen. Die britische B.117-Variante scheint sich bei jungen Menschen doch stärker auszuwirken und ich hoffe, dass wir bei uns nicht verstärkte Probleme mit der südafrikanischen und brasilianischen Variante bekommen. Ich bin unsicher, ob dann die Impfungen noch so gut schützen. Wir müssen also selbst und schnell mit mehr Impftempo aufeinander aufpassen. Das Abstandhalten und Testen werden wir meines Erachtens noch über Jahre aufrechterhalten müssen.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von der Priorisierung von Kitas und Grundschulen bei aktuellen Öffnungsstrategien?

Das Bild kann sich je nach Infektionslage ändern und wir müssen lokal darauf reagieren können. Wir haben bei uns derzeit einen Ausbruch an einer Schule und da muss natürlich schnell isoliert werden. Ich finde die Politik, wie sie im Moment läuft, gar nicht so verkehrt. Natürlich ist es für die Schüler schwer, die aktuell nicht in die Schule gehen können. Die Situation für die Kitas ist ebenso herausfordernd, aber hier hilft nur Testen. Die Tests werden auch immer sicherer und besser verfügbar. Wenn wir breiter testen können, dann ist es sicher auch wieder einfacher, Kinder regelmäßig in Kitas und Schulen zu schicken. Sehr wichtig ist mir dabei, dass vor allem die Erwachsenen geimpft sind – vielleicht können wir dann sogar vorerst darauf verzichten, die Kinder zu impfen.

Erste Impfstoffe für Kinder befinden sich bereits in Studien für die schlussendliche Zulassung, bei Biontech bereits ab dem 6. Lebensmonat – halten Sie es nicht für wichtig, dass auch Kinder vollständig und zeitnah eine Impfung erhalten?

Wenn die Impfungen für sie sicher sind, dann sollte man auch Kinder und Jugendliche gegen SARS-CoV-2 impfen. Ich habe bei der sogenannten Schweinegrippe vor gut zehn Jahren drei Kinder sterben sehen. Bei impfpräventablen Erkrankungen sollte man meines Erachtens immer impfen. Natürlich verunsichern die thromboembolischen Ereignisse (Blutgerinnungsstörungen, Anm. d. Red.), die wir derzeit bei Vektorimpfstoffen gegen das Coronavirus sehen. Ich muss mit Blick auf bereits bekannte Daten aber auch feststellen, dass die Erkrankung selbst zu diesen Ereignissen führen kann. Bei vielen Patienten, die in diesem Zusammenhang schwere Verläufe erleiden, wissen wir ja gar nicht, ob sie bereits die Infektion in sich getragen haben und erst dann geimpft worden sind. Ein Freund meiner Familie ist zwei Tage nach der Impfung mit Astrazeneca schwer erkrankt und vor Kurzem an der Covid-Infektion verstorben. Bei ihm kam die Impfung einfach zu spät. Wenn wir sichere Daten haben, sollten wir auch Kinder mit einer Impfung vor schweren Verläufen und eventuellen Folgen schützen.

Gibt es auch aktuelle Erkenntnisse aus dem Klinikalltag, die Eltern und Kinder zuversichtlich stimmen können?

Wir haben 50 Mio. Impfdosen vor der Tür liegen. Wenn wir beim Impfen jetzt den Turbo einschalten, dann können wir die vierte Welle verhindern. Wir stecken jetzt mitten in der dritten Welle. Manche Kliniken müssen bereits über eine Triage* nachdenken. Das ist für Mediziner die schlimmstmögliche Entscheidung. Das wird meines Erachtens eine ganze Generation an Klinikmitarbeiter*innen schädigen. Deshalb ist das Tempo bei der Impfung so wichtig, und wenn wir hier besser werden, dann bin ich auch zuversichtlich, dass Kinder und Jugendliche ab dem Herbst wieder problemlos in Kita und Schule sein können. Sicher sollten sie weiterhin regelmäßig getestet werden, lernen, sich die Hände regelmäßig zu desinfizieren und dann auch einzucremen. Ich denke aber, dass wir im Sommer lockern können und später eine abgemilderte Welle erleben. Schaffen wir es aber nicht, unsere Bevölkerung im Verlauf des Sommers weitgehend durchzuimpfen, werden wir ab dem Spätsommer mit Sicherheit eine vierte Welle erleben. Hier muss sich die Politik endlich den tatsächlichen Problemen widmen. Es kann nicht sein, dass der bereits laufende Bundestagswahlkampf weiter Menschenleben gefährdet. Weniger Perfektion und Pragmatismus beim Impfen und zwei Wochen harter Lockdown wären zur Bremsung der dritten Welle der richtige Weg gewesen. Hier konnte sich unsere Bundeskanzlerin leider nicht durchsetzen. Ich bin gespannt, wie viele Menschen unsere Regierung demnächst verklagen, weil ihre Angehörigen gestorben oder schwer zu Schaden gekommen sind.

Vielen Dank für das Gespräch.
(Das Gespräch führten wir am 16. April 2021)

*Triage: Priorisierung einer (medizinischen) Versorgung bei Engpässen, im Falle der Beatmung bei schweren Covid-19-Krankheitsverläufen die Entscheidung, welcher Patient eine Beatmungstherapie erhält und welcher Patient nicht versorgt wird, also sterben muss (sogenannte „harte“ Triage) bzw. Verschiebung von Operationen zum Freihalten von Intensivbetten für Covid-Patienten mit evtl. Todesfolgen für dann nicht Operierte („weiche“ Triage).