Coronainfektion als Damoklesschwert über den Köpfen der Familien?

Datum: Donnerstag, 27. Mai 2021 14:14


Sind Kita- und Schulschließungen notwendig und gerecht? Foto: prostooleh, freepik

Woran sterben Kinder, Jugendliche und ihre Eltern in Deutschland?

Steigende Inzidenzwerte bei Kindern und Jugendlichen, gefolgt von „Eltern, die sich auf der Intensivstation treffen“ – die Meldungen im April hatten es in sich und steigerten die Sorge in vielen Familien. Nie in den letzten Jahren, vielleicht Jahrzehnten, war der Tod in Deutschland so omnipräsent wie während der Coronakrise. Tägliche Todesfallticker versetzen die Menschen seit März 2020 Tag für Tag in Angst, das Damoklesschwert der schweren Erkrankung scheint ständig über jeder Familie zu schweben. Dabei ist nichts schlimmer als der Tod des eigenen Kindes, aber auch der Gedanke, dass ein Kind seine Eltern anstecken könnte und diese dann versterben, wiegt unerträglich schwer. Jeder Einzelfall stellt eine unermessliche Tragödie für die betroffene Familie dar.

Derzeit werden mehr Positivtestungen bei Kindern und Jugendlichen gemeldet, die Altersgruppe scheint im Frühjahr 2021 besonders gefährdet zu sein. Rufe nach Impfstoffen für Kinder werden immer lauter. Wir ergreifen den Anlass, diesem schwierigen emotionalen und angstbesetzten Thema ein paar nüchterne, einordnende Zahlen aus offiziellen Quellen entgegenzusetzen. Beruhigende Worte für Familien gibt es zudem von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) sowie der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH).

Nach einem Jahr Corona kann für Deutschland festgehalten werden: Besonders gefährdet waren die Senioren, also die Generation der Großeltern. 78.588 Menschen zwischen 60 und 90 und älter sind in Deutschland an oder mit dem Coronavirus verstorben (Stand 27. April 2021). Das Durchschnittsalter der Verstorbenen liegt etwa bei 82 Jahren. 95 % der Toten waren über 60 Jahre alt. Lediglich 0,1 % der Todesfälle trat bei Personen unter 30 Jahren auf. (Statistik siehe Link)

April 2021: Mehr kranke Kinder und Jugendliche?

Während vor allem im letzten Winter die Positivtestungen und Todesfälle trotz aller Maßnahmen bei Senioren besonders hoch waren, sind es im April 2021 die Altersgruppen der 5- bis 19-Jährigen, die besonders hohe Inzidenzwerte aufweisen. (Statistik siehe Link)

Während Kinder und Jugendliche wegen meist asymptomatischer Verläufe bis Anfang 2021 kaum getestet wurden, hat sich die Teststrategie seit der 6. KW 2021 verändert. Dazu DGKJ: „Die Anzahl mit PCR getesteter Personen liegt bei Erwachsenen seit Jahresbeginn unverändert bei gut 500/100.000; die Anzahl getesteter Kinder unter 14 Jahren hat sich seit der 6. KW von unter 250 auf über 500/100.000 mehr als verdoppelt.“ Es wird darauf hingewiesen, dass lediglich positive Tests kommuniziert würden, unabhängig von der Anzahl der Tests in diesen Altersgruppen. Die Positivrate gemessen an der Menge der Tests sei jedoch sogar zurückgegangen. Die DGKJ schließt daraus, dass Kinder nicht überproportional am Infektionsgeschehen beteiligt sind. Neben Konsequenzen für den Kita- und Schulbesuch – hier empfehlen die Kinder- und Jugendärzte keine Schließungen – lässt sich an dieser Stelle feststellen, dass es zwar mehr positiv getestete Kinder und Jugendliche gibt, dies jedoch auf das geänderte Testverfahren mit Schnelltests in Schulen zurückzuführen ist.

Auf eine Rückfrage beim kinderärztlichen Notdienst in Aachen, wie es derzeit mit Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen steht, bekommen wir die Antwort, derzeit herrsche „ein historisch niedriger Krankenstand“ in dieser Altersgruppe (Stand April 2021).

März 2020 bis Mai 2021: 71 Kinder und Jugendliche in Deutschland mit Covid-19 auf der Intensivstation, 4 eindeutige Todesfälle

Des wichtigen Aspektes, wie es um die Hospitalisierung der Kinder und Jugendlichen in Deutschland bestellt ist, haben sich aus dem aktuellen Anlass heraus die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) am 21. April 2021 angenommen. (Info siehe Link)

In der Stellungnahme heißt es: „Die aktuelle Diskussion in Deutschland um die weitere Entwicklung der Pandemie betrifft auch Kinder und Jugendliche. Verschiedene Experten fordern die Schließung von Schulen und KiTas, und die Bundesregierung sowie einige Landesregierungen haben solche Maßnahmen angekündigt oder bereits umgesetzt. Die Nachrichten erwecken den Eindruck, als würden Kinder und Jugendliche zu den besonders gefährdeten Teilen der Bevölkerung im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemie gehören. Dies geht mit großen Sorgen und Ängsten von Eltern, zum Teil aber auch von Kindern und Jugendlichen selbst einher. Insofern halten wir es für geboten, die verfügbaren Fakten zu Hospitalisierung und Sterblichkeit von COVID-19 bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Stand April 2021 – der Öffentlichkeit bekannt zu machen.“

Die DGPI erfasst seit März 2020 in einem Register Kinder und Jugendliche, die stationär aufgrund einer SARS-CoV-2-Infektion behandelt werden. Bis zum 2. Mai 2021 waren dies ca. 1.400 Kinder und Jugendliche. 71 junge Patienten mussten auf der Intensivstation behandelt werden, 8 sind verstorben, wovon sich 3 wegen anderer Erkrankungen bereits in einer Palliativsituation befunden haben. Bei insgesamt 4 Kindern wurde Covid-19 als Todesursache festgestellt.

Das RKI kommt auf etwas höhere Zahlen, laut diesem Register sind bislang 18 Kinder bis zu 19 Jahren an Covid-19 verstorben, die Zahlen müssen jedoch noch validiert werden, denn in die Statistik des RKI gehen auch die Todesfälle ein, bei denen ein laborbestätigter Nachweis von SARS-CoV-2 (direkter Erregernachweis) unabhängig von der tatsächlichen Todesursache vorliegt.

Die DGPI und die DGKH kommen zu dem Schluss: „Die nun seit Beginn der Pandemie gemachte Beobachtung, dass von den schätzungsweise 14 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland nur etwa 1.200 mit einer SARS-CoV-2-Infektion im Krankenhaus (< 0,01 %) behandelt werden mussten und 4 an ihrer Infektion verstarben (< 0.00002 %), sollte Anlass sein, Eltern übergroße Sorgen vor einem schweren Krankheitsverlauf bei ihren Kindern zu nehmen.“ Die extreme Seltenheit eines schweren oder gar tödlichen Verlaufs rechtfertige weder Kita- und Schulschließungen, noch sei die These belegt, dass Infektionen bei Kindern ursächlich für eine Ansteckung der älteren Erwachsenen und damit für eine Überlastung der Intensivstationen verantwortlich seien.

Und die Folgeerkrankungen? PIMS und LongCovidKids bzw. Post-Covid-19

PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) und LongCovidKids können nach einer Coronainfektion bei Kindern und Jugendlichen auftreten. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) hilft auch hier, diese Risiken einzuordnen. 297 Fälle von PIMS bei Kindern wurden bislang in Deutschland erfasst (Stand 2. Mai 2021), dabei lag der Peak der Erkrankungen im Dezember 2020. PIMS kann auch nach einem leichten Covid-19-Verlauf auftreten, und betroffen waren meist ältere Jungen, oft ohne Vorerkrankung.

Fälle wurden als PIMS gewertet, wenn neben Fieber erhöhte systemische Inflammationsparameter (CRP oder PCT), mindestens zwei Organbeteiligungen und eine aktuelle oder vorangegangene Covid-19-Infektion vorlagen. PIMS wird meist auf der Intensivstation behandelt – von einem tödlichen Verlauf wurde bislang nicht berichtet. (PIMS-Daten für Deutschland siehe Link)

Auch zu LongCovidKids bzw. Post-Covid-19-Symptomen sammelt die DGPI Daten. Dazu die Gesellschaft: „SARS-CoV-2-Infektionen im Kindes- und Jugendalter verlaufen in aller Regel milde und bedürfen keiner spezifischen Therapie. Daher rücken mittel- bis langfristige Folgeerkrankungen einer akuten Infektion – häufig als Post-COVID-19 oder Long-COVID-19 bezeichnet – in den Mittelpunkt der Diskussion. Bisher fehlen jedoch aussagekräftige Daten zu Häufigkeit und spezifischen klinischen Symptomen dieses Krankheitsbildes.“ Eine Datenerhebung läuft derzeit. (Post Covid-Daten für Deutschland siehe Link)

Jährlich sterben in Deutschland rund 4.500 Kinder und Jugendliche bis 20 Jahre

Der Tod eines Kindes ist eine Tragödie. Wer die Angst, sein Kind durch Covid-19 zu verlieren, einordnen möchte, kann einen Blick auf die Gesamtstatistik der Todesursachen werfen. Etwa 15 Millionen Menschen in Deutschland sind unter 20 Jahre alt. Von diesen 15 Millionen Menschen sterben jährlich etwa 4.500.

Über die Hälfte der Kinder, die versterben, sterben im ersten Lebensjahr: Über die Hälfte der Todesfälle im Kindes- und Jugendalter betrifft Kinder unter einem Jahr. Von 4.430 Kindern, die 2019 verstorben sind (Daten für 2020 liegen beim Bundesamt für Statistik noch nicht vor), starben 2.485 Kinder vor ihrem ersten Geburtstag. Diese Altersgruppe muss gesondert betrachtet werden, denn im ersten Jahr sterben die meisten Säuglinge aufgrund der Umstände rund um die Geburt (2019 waren dies 1.339 Fälle) sowie an angeborenen Fehlbildungen, Deformitäten oder Chromosomenanomalitäten (693 Fälle). 107 Babys starben an plötzlichem Kindstod, 18 Säuglinge verstarben an Krebs, 11 Kinder wurden getötet. 20 Kinder starben an Krankheiten des Atmungssystems, davon 1 an Grippe und 7 an einer Lungenentzündung.

Todesfälle bei Kindern und Jugendlichen: Krebserkrankungen sowie Unfälle spielen die größte Rolle: Schaut man sich die Altersgruppe von 1 bis 20 Jahren an, muss man zwischen Todesursachen unterscheiden, die aufgrund chronischer Erkrankungen auftreten, und solchen, die auf ein plötzliches Ereignis wie einen Unfall oder eine plötzliche schwere Erkrankung zurückzuführen sind.

Krebserkrankungen spielen im Kindes- und Jugendalter eine große Rolle. Jeder 6. Todesfall in dieser Altersgruppe bis 20 ist auf Krebs zurückzuführen (370 Todesfälle).

Die häufigste Todesursache im Kindes- und Jugendalter sind jedoch plötzliche Ereignisse. Laut Statistik starben 2019 647 Kinder und Jugendliche an äußeren Ursachen, davon 398 an Unfällen, 50 durch Ertrinken, 185 durch Selbsttötung, 33 wurden getötet.

Krankheiten des Atmungssystems spielten eine untergeordnete Rolle. 56 Kinder und Jugendliche verstarben 2019 daran, 11 an chronischen Erkrankungen des Atmungssystems und Asthma, 14 an einer Grippe und 13 an einer Lungenentzündung.

Das mittlere jährliche Sterberisiko in der Altersgruppe bis 20 Jahre zu sterben, ist in Deutschland äußerst gering. Die Grundsterblichkeit liegt bei 0,0003 Prozent.
Die Wahrscheinlichkeit, in dieser Altersgruppe an Covid-19 zu versterben, liegt dabei noch weit unter diesem Prozentsatz bei unter 1 zu 1 Million Kinder und Jugendlichen. (Daten für Deutschland siehe Link)

Trifft sich die „Elterngeneration auf den Intensivstationen“? Zahlen werden anscheinend nicht erfasst.

Die höheren Zahlen der erfassten Positivtestungen bei Kindern und Jugendlichen führten im April zu zahlreichen alarmistischen Meldungen. So postete beispielsweise der Spiegel ein Statement, die Elterngeneration treffe sich nun auf den Intensivstationen. Bezug genommen wurde dabei auf eine Äußerung des SPD-Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach. Dieser hatte am 15. April in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ gesagt, diejenigen, die jetzt auf den Intensivstationen behandelt würden, seien „im Durchschnitt 47 bis 48 Jahre alt“. „Die Hälfte von denen stirbt. Viele Kinder verlieren ihre Eltern.“ Das sei „eine Tragödie“, so Lauterbach weiter.

Aber wie sieht es bei Kindern von 0 bis 20 und der Elterngeneration, also den 20- bis 59-Jährigen aus? Sind diese akut gefährdet und fluten, nachdem die Senioren zum großen Teil geimpft wurden, die Intensivstationen?
Das Alter der Patienten auf den Intensivstationen werde gar nicht festgehalten, meldet das Ärzteblatt als Reaktion auf die Debatte am 29. April (Info im Ärzteblatt siehe Link). In der Meldung heißt es: „Die Bundesregierung hat nach eigenen Angaben keine Kenntnis vom Durchschnittsalter der COVID-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen. Das teilte das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage der FDP mit. Demnach müssen die Krankenhäuser zwar täglich ihre Behandlungskapazitäten sowie etwa die Zahl der entlassenen Patienten übermitteln. „Daten über das (Durchschnitts-)Alter von COVID-19-Patientinnen und COVID-19-Patienten mit intensivmedizinischem Behandlungsbedarf fallen aber nicht darunter.“

Exemplarisch haben wir beim Presseamt der Städte-Region Aachen nachgefragt, wie es hier auf den Intensivstationen aussehe, auf die Frage nach dem Durchschnittsalter der Patientinnen und Patienten lautete die Antwort: „Konkrete Zahlen haben wir nicht.“

Auf diesen Aspekt können wir an dieser Stelle also nicht weiter eingehen, einen generellen Beleg für die Aussage Lauterbachs konnten wir nicht finden, auch wenn einzelne Krankenhäuser in den Medien über jüngere Patienten berichten.

Zusammenfassung

Die Wahrscheinlich für Menschen unter 60, an Covid-19 zu sterben, wenn keine schweren multiplen Vorerkrankungen vorliegen, ist nach wie vor äußerst gering. In der Altersgruppe zwischen 20 und 59 ist die Wahrscheinlichkeit, an Krebs (14.662 Tote / 2019) oder an einer Erkrankung des Kreislaufsystems (7.309 Tote / 2019) zu versterben, weitaus höher. 2019 wählten mehr Menschen in dieser Altersgruppe den Freitod (3.517), als zwischen 2020 und 2021 an Covid-19 verstarben (3.147 Tote).

Für Kinder und Jugendliche ist die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu versterben, verschwindend gering und liegt bei unter 1 zu 1 Million.

Diese sachliche Einordnung soll dazu dienen, angestaute Ängste in den Familien etwas zu reduzieren.

Weder die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) noch die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) halten Kita- und Schulschließungen unter gegebenen Umständen für gerechtfertigt oder angebracht.

Text & Recherche: Birgit Franchy / Lennart Falter