Frauen an die Macht!

Datum: Montag, 25. Januar 2021 13:59


 Gleichwertige Einkommen für Frauen und Männer – oft gefordert, doch noch lange nicht erreicht. Grafik: designed by pikisuperstar / freepik

Warum Gleichstellung nach dem Corona-Chaos ein starkes Thema im Wahljahr werden sollte.

Die Coronavirus-Pandemie hat in Deutschland gesellschaftliche und politische Defizite wie unter einem Brennglas sichtbar gemacht. Insbesondere Familien waren von den zwei stärksten Verwerfungen besonders hart betroffen. Neben dem Chaos wechselnder Kita- und Schulschließungen samt Homeschooling für die großen und Heimkita für die kleinen Kids sowie weitgehend fehlender Konzepte und Strukturen für digitale Bildung führten vor allem für Mütter fehlende Weichenstellungen in der Gleichstellung zu einer immensen Mehrbelastung. In unserem vermeintlich fortschrittlichen Deutschland wurde schnell deutlich, dass mit den nach wie vor männlich dominierten Entscheidungsstrukturen eine verlorene Generation für die Geschlechtergleichstellung einherging und Deutschland bei der Parität wie bei vielen anderen Themen im internationalen Vergleich allenfalls noch Mittelklasse ist. In der Pandemie wurden soziale Ungleichheiten in vielen Bereichen verstärkt. Heinz-Elmar Tenoth, einer der renommiertesten Erziehungswissenschaftler Deutschlands, sprach sogar von einer „Refeudalisierung“. Auch für Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern zeichnen Studien ein klares Bild: In nur einem Jahr zwischen Homeoffice, Herd, Kinderbetreuung und Pflege Angehöriger wurden Frauen aufgrund althergebrachter Rollenbilder und fehlender Rahmenbedingungen in unserem Land teils um Jahrzehnte zurückgeworfen. Gleichzeitig entstand aber auch eine Frauenbewegung neuer Qualität, die mit einer erstaunlichen Mischung aus Prominenz und jungen Influencerinnen ein wichtiges Ziel durchsetzen konnte. Warum die Frauenquote aber nur ein erster Schritt sein kann, wie erschreckend groß die bestehenden Defizite in Deutschland sind und was Familien für mehr Gleichstellung tun können, behandelt dieses Sonderthema passend zur Eröffnung eines Bundestagswahljahres. Denn Lösungen sind politisch machbar.

Eine verlorene Generation

Deutschland lebt auch 2021 in einer Männergesellschaft. Männer arbeiten, Frauen auch – aber oft in Teilzeit und einem Mix aus gebremster Karriere und Kinderbetreuung. Die steilen Karrierewege, hohe Gehälter und Führungspositionen sind noch immer klare Männersache. In Westdeutschland wurde die Gleichstellung der Frauen Mitte der 1980er-Jahre erstmals in den Fokus genommen, damals ging es in einem Sachverständigenbericht um die Verbesserung der Chancengleichheit von Mädchen. Es ging um den Abbau von Lohnunterschieden und Ungleichheiten in der Arbeitswelt. 30 Jahre später hat sich gesamtgesellschaftlich erstaunlich wenig getan. Nur im Osten Deutschlands resultiert aus historischen Gründen eine stärkere Gleichstellung, dazu aber im nächsten Abschnitt.

Sicher haben Frauen im letzten Jahrhundert in vielen Bereichen aufgeholt. Die Erwerbsquote stieg von 49 % im Jahr 1925 auf heute 72,8 %. Bei der Arbeitszeit wird aber ein erster Unterschied deutlich. Frauen arbeiten heute im Durchschnitt 30,5 Stunden pro Woche, Männer 38,7 Stunden – der Unterschied beträgt mit mehr als acht Stunden einen ganzen Arbeitstag pro Woche, Männer arbeiten knapp 27 % mehr als Frauen. Damit einher gehen Einkommensunterschiede und Karrierepfade. Während Mädchen in der Schule heute durchschnittlich über die besseren Abschlüsse verfügen und die Studienabschlüsse junger Frauen im Mittel die ihrer männlichen Mitstudierenden übertreffen, verändert die Arbeitswelt diesen Startvorteil recht schnell. Spätestens mit der Geburt des ersten Kindes ist es in Deutschland noch immer der klassische Weg, dass Frauen nach der Elternzeit in Teilzeit wechseln und selbst die Hochqualifizierten unter ihnen in sogenannte „Mummy tracks“ – Karrierepfade für Mütter – einmünden, die allenfalls ins mittlere Management führen können. Vor knapp 30 Jahren haben rund 30 % der Frauen in Teilzeit gearbeitet, dieser Anteil hat sich um über die Hälfte auf heute rund 46 % erhöht. Auch bei Männern hat sich der Anteil der Teilzeit erhöht, aber deutlich weniger stark. Die Lücke zwischen Frauen und Männern – und sie ist bei der Gleichstellung der entscheidende Parameter – hat sich um fast ein Drittel vergrößert! Frauen in Teilzeit sorgen in der Regel für Kinder und Familie, während bei Männern die familiäre Situation für die Teilzeit nicht entscheidend ist und die Gründe dafür meist beim Arbeitgeber oder in anderen Ursachen liegen.