„Ich bin kein Mikrowellenkünstler“

Datum: Freitag, 26. Juni 2015 09:50


Wonach wählen Sie Ihre Arbeiten aus? Inzwischen bin ich in der luxuriösen Situation, mir das aussuchen zu können. Das war nicht immer so. Ich interessiere mich für Formate, die ich für spannend und eine neue, andere Art halte, Fernsehen zu machen. Ich bin kein Mikrowellenkünstler, der alte Sachen aufwärmt und meint, das würde wieder funktionieren. Ich will Zuschauer fürs Fernsehen begeistern, und das gelingt nur mit neuen, überraschenden Dingen. Oder wie bei den Expeditionen mit ehrlichem Fernsehen, da ist z.B. keines der Gespräche gestellt oder vorher abgesprochen.

Sie haben schon mehrfach kritisiert, dass Fernsehen heute immer bedeutungsloser und inhaltsleerer wird, wie halten Sie dagegen? Switch und später Switch reloaded war schon ein sehr satirisches Format, das die Medienwelt auf die Schippe genommen hat. Die Expeditionen sind ein Versuch, die Realität einzufangen. Ich finde es absurd, dass man heute viel von Reality-Formaten spricht, die gefaked und zusammengelogen sind und nichts mit der Realität zu tun haben. Da versuche ich, mit ehrlichem Fernsehen oder einem Format wie „Kessler ist…“ dagegen zu halten, indem ich Promis von einer anderen Seite zeige und der Prominente sich am Ende auf überraschende Weise selbst befragt.

Für Theater hatten Sie noch weniger übrig, das wurde ihnen zu krank, zu depressiv, zu elitär und humorlos … Über das Theater habe ich das tatsächlich gesagt. Ich war fünf Jahre am Theater und wollte das dann nicht mehr. Ich fand das so anstrengend, es hat für mich nicht funktioniert. Ich habe später mit Bastian Pastewka und Christian Maria Herbst noch lange Zeit das Stück „Männerhort“ gespielt, das war aber eine andere Konstellation. Das war eine Sache mit Freunden und das Team haben wir uns selbst aussuchen können. Das hat Spaß gemacht, das war großes Theater. Eigentlich ist das Theater meine Wurzel. Die Bedingungen müssen aber stimmen. Ich bin ein Handwerker und kein Kunsthandwerker. Ich spiele für das Publikum und mag keine abstrakten Dinge, die niemand versteht.

Gibt es ein Medium, das Sie vorbehaltlos lieben?
Nein, das gibt es nicht. Neben dem Fernsehen, dem Theater und dem Radio gibt es sicher das Internet als vergleichsweise junges Medium. Alle haben ihre Vor- und Nachteile.

Apropos Internet: Sie sind auch in den sozialen Medien sehr aktiv, über 100.000 facebook-Fans danken es Ihnen. Gehört das zum Verkauf oder ist Ihnen dieser digitale Draht wirklich wichtig? Ich würde mit der Behauptung lügen, dass nur aus Liebe zu den Fans zu machen. Heutzutage gehört das einfach dazu, deshalb habe ich das auch von Anfang an gemacht. Ob Twitter oder facebook, ich habe das sehr schnell für mich entdeckt. Da haben mich viele Kollegen noch gefragt, wozu das gut sein soll. So ist die Welt aber heute. Ich würde diesen Kanal aber auch nie als reine Werbeplattform nutzen, das finde ich bei anderen auch total langweilig. Deshalb poste ich auch interessante Dinge und finde es spannend, was die Fans zurückschreiben. Daraus entsteht manchmal ein guter Austausch und ich lerne auch aus den unmittelbaren Reaktionen. Früher hatte man nie ein so direktes Feedback, heute weiß man im Moment einer Ausstrahlung, wie die Menschen darüber denken.

Wie sind Sie selbst groß geworden, waren Sie Klassenclown, Mädchenmagnet oder doch eher der Naivling alias Klausi aus „Manta Manta“? Ich war ein relativ unauffälliges Kind, da gab es keine Extreme. In den 1980er Jahren war ich wie viele andere auch sehr ökologisch angehaucht und ein ziemlicher Spätzünder. Ich war immer der kleinste in der Klasse, hatte zwar eine große Klappe, aber alle anderen waren stärker und größer. Deshalb hat es auch nicht zum Klassenclown gereicht. Ich hatte in Kindheit und Jugend viel zu kämpfen und war irgendwo mittendrin, weder Überflieger noch Totalausfall. Meine Deutschlehrerin hat mich dann in die Theater-AG gebracht und mir eine Welt geöffnet, die ich vorher nie für die meine gehalten hätte. Daran sieht man, was ein guter Lehrer vermag.

Gab und gibt es für Sie große Vorbilder auf der Leinwand? Anthony Hopkins war immer ein großes Vorbild für mich. Im Fernsehen ist es jemand wie Loriot, der mich extrem geprägt hat. Ich schätze die Verwandlung, das macht die Schauspielerei in meinen Augen aus.

Vielen Deutschen sind Sie durch Ihre Verwandlungen aus „Switch“ und „Switch reloaded“ bekannt, wer könnte denn Ihres Erachtens am besten Michael Kessler parodieren? Schwer zu sagen. Meinem Kollegen Max Giermann aus Switch würde ich das zutrauen. Ich wurde bislang aber noch nie parodiert, das wird wohl Zeit.

Über Ihr Privatleben hüllen Sie sich in Schweigen, wir Brandenburger glauben ja, dass dem Kameramann Sören Ihre ganze Liebe gehört, ist da was dran (Sören sagt sicher Ja!)? (Lacht). Da sagt Sören sicher „nein“. Wir führen schon viele Jahre eine Berufsehe, seit über fünf Jahren sind wir immer mit demselben Team unterwegs und dadurch auch total eingespielt. Das funktioniert wahrscheinlich auch nur so. Wir sind aber kein Liebespaar, da muss ich Sie leider enttäuschen.

Mal ehrlich: es gibt kaum einen Promi, über den nichts Privates im Internet zu finden ist. Sie schaffen das. Leben Sie in einem Bunker in der Uckermark? So schlimm ist es nicht. Diese Entscheidung habe ich schon zum Beginn meines Berufslebens getroffen. Die Menschen sollen sich für das interessieren, was ich vor der Kamera oder auf einer Bühne mache, nicht für mein Auto, mein Haus oder mit wem ich zusammen lebe. Das interessiert mich bei anderen Prominenten auch nicht. Privatleben ist Privatleben und unser einziger Rückzug. Ich finde es zweifelhaft, das auch noch öffentlich auszustellen. Das muss aber jeder für sich entscheiden.

Welche Rolle spielt Familie in Ihrem Leben? Eine sehr große Rolle. Familie ist immer Wurzel und sollte auch immer Rückhalt sein. Familie ist die letzte Bastion, der Rückzugsort. In der Familie ist man immer privat, diesen Austausch kann nichts anderes ersetzen. Man kann auch Freunde haben, aber das Vertrauen und die Stütze einer Familie ist eine andere Qualität. Wenn alle Dämme brechen, bleibt die Familie. Sie ist extrem wichtig.

Gibt es in Ihrem Leben noch Träume, die Sie unbedingt erfüllen wollen? Ich will einmal in einem Flugsimulator sitzen. Ich wollte früher immer Pilot werden. So wichtig ist das aber nicht, eigentlich wünsche ich mir nur, dass ich weiter gesund bleibe und so spannende Arbeiten machen kann, die Zuschauer interessieren und begeistern. Den großen Wunsch gibt es nicht. Ich schaue immer, was auf mich zukommt, und entscheide sehr gut mit meinem Bauchgefühl, was für mich richtig ist.

Letzte Frage: Sie haben Brandenburg u.a. mit Esel, Hausboot und Husky erkundet. Wenn Brandenburger Familien im Sommer auf Reisen oder auf Expedition gehen, mit wem und wohin sollten sie das tun? Den Esel kann ich wärmstens empfehlen. Es ist ein sehr ehrliches und tolles Erlebnis, mit einem Esel zu laufen. Das sind tolle Tiere und man lernt sehr viel. Vor allem Geduld und dass unser Leben nicht immer so geht, wie wir es gern hätten. Das ist sicher auch für Kinder spannend – und es ist ganz egal, wohin die Reise geht. Ein Tier ist immer ein toller Begleiter, der Esel hat es mir aber besonders angetan.

Danke für das Interview.

„Mit dem Mops ans Meer“
Kesslers Expedition „Mit dem Mops ans Meer“ wird in zwei 90-minütigen Folgen am 26. Juni und am 3. Juli 2015, um jeweils 20:15 Uhr, im rbb Fernsehen zu sehen sein.
Alle bisherigen 10 Expeditionen sind im rbb Onlineshop auf DVD erhältlich. Eine Beschreibung aller Expeditionen ist unter www.rbb-online-shop.de/michael-kessler.de zu finden, beim Klick auf das Bild mit den DVD-Boxen am Seitenende gelangt man direkt in den Shop, über den neben den DVD-Boxen ein Schlüsselband und ein witziges Sören-Shirt bestellt werden können.