„Alle Macht kommt von innen“

Datum: Montag, 07. Dezember 2015 08:41

Warum nennen Sie sich eigentlich Gedankenleser und nicht Mentalist? Es ist schwer, überhaupt einen passenden Begriff zu finden. Zu sagen, das wäre nur Körpersprache oder nur Hypnose oder nur Mentalist – welchen Begriff auch immer sie nehmen wollen, das wäre immer am Thema vorbei. Es gibt keine Schublade für das, was ich mache. Ich empfinde das als große Freiheit. Außerdem konnten die Menschen damals mit „Mentalist“ noch gar nichts anfangen. Wahrscheinlich hätten alle eher an einen Zahnarzt gedacht, weil der Begriff noch völlig unbekannt war. Ich mache das nun schon seit über 20 Jahren. Inzwischen bin ich sogar froh, dass es so ist. Dann sage ich einfach, das ist die „Thorsten Havener Show“ und die Leute wissen, es geht um Illusion, um Geheimnisse, um Körpersprache und einen spannenden Mix aus diesen und anderen Dingen.


Sie entlocken den Menschen auf überraschende Weise viele Geheimnisse. Wer lässt sich leichter durchschauen, Frauen, Männer oder Kinder? Das kommt immer darauf an, es gibt aber keine Regel und keine grundsätzlichen Unterschiede bei den Geschlechtern. Auch Kinder sind gar nicht so leicht aufs Glatteis zu führen, wie man oft denkt. Sie haben eine ganz andere Art, die Welt zu sehen – sie sehen die Welt mit Kinderaugen. In einer Kinderwelt sind sehr wohl Dinge möglich, die wir als Erwachsene sehr schnell als unmöglich abtun würden. Ich werde nie vergessen, als bei einem Auftritt vor einigen Jahren ein siebenjähriger Junge auf mich zukam und fragte „Ey, kannst du auch einen Elefanten verschwinden lassen?“. Ich sagte „natürlich“ – und er ging zu seinen Freunden und sagte „Echt krass, der Typ kann sogar Elefanten verschwinden lassen“. Das war für ihn also schon abgehakt, er musste gar keinen Beweis mehr haben. So sehen Kinder die Welt.


Haben Sie sich beim Gedankenlesen auch mal erschreckt und Intimes oder Abgründe erfahren, über die Sie lieber nichts gewusst hätten? Nein, darum geht es auch nicht. Bei mir geht es immer um das Positive und Schöne. Das andere haben wir im Alltag ja schon genug. Meine Aufgabe als Entertainer besteht nicht darin, Unangenehmes zu zeigen. Ich bin kein Typ, der sich mit dunklen Dingen beschäftigt oder der politisch ist. Ich will die Zuschauer zwei Stunden in eine andere Welt entführen.

Nun sind Sie auch Vater von drei Kindern, wie steht es da zu Hause um Körpersprache, Gedankenlesen und den Umgang mit der Wahrheit? Das ist ja eine philosophische Frage. Die erste Frage ist immer „Was ist Wahrheit?“. Das ist oft etwas Hochsubjektives. Wenn jemand nicht die Wahrheit sagt, muss er nicht lügen. Es bedeutet oft vielmehr, dass er die Wahrheit nicht kennt oder Dinge für die Wahrheit hält, die sie aber nicht sind. Ich bin der Meinung, man muss Menschen manchmal auch vor der Wahrheit schützen. Gerade als Vater oder Mutter sehe ich das in Bezug auf Kinder so. Man muss ihnen nicht immer schonungslos und knallhart die Wahrheit sagen. Wenn der Hase tot im Käfig liegt, kann man auch sagen, der ist jetzt woanders und da geht es ihm besser. Man muss ihn auch nicht tot im Käfig liegend zeigen, da macht es auch die Stelle, an der er beerdigt wurde. Auch wenn sich Eltern mal in die Haare bekommen und nicht einer Meinung sind, muss man das nicht vor den Kindern ausfechten. Den Kindern dann zu sagen, es ist alles bestens, auch wenn es in den letzten fünf Minuten vielleicht nicht so war, halte ich durchaus für richtig.


Können Sie das Gedankenlesen zu Hause abschalten und sich von Ihren Kindern und Ihrer Frau so richtig beschwindeln lassen?
Natürlich. Zuhause weiß ich grundsätzlich nicht, wo meine Brille und mein Haustürschlüssel liegen. Da hört auch keiner auf mich, nicht mal der Hund. Zuhause bin ich im besten Sinne ein normaler Familienvater – und das will ich auch sein.


Nun gibt es in Büchern und Show viele Hinweise, wie ich an der Körpersprache die Unwahrheit erkennen kann. Gibt es ein Patentrezept, woran man bei Kindern eine Lüge erkennt?
Das ist bei Kindern schwierig, weil sie aufgrund der eigenen Welt, in der sie leben, tatsächlich vieles gar nicht als Lüge empfinden. Kinder übertreiben oft, weil sie begeistert sind und diese Begeisterung durch Übertreibung in ihrem Gegenüber wachrufen wollen. Oder wenn Ihnen etwas unangenehm ist. Natürlich gibt es bei Kindern Zeichen dafür, dass sie gestresst sind – und die sind ähnlich wie bei Erwachsenen: mehr Bewegungen im Gesicht, ein stärkeres Herumzappeln, der Blick ist nicht mehr so wie vorher. Aber da brauche ich Ihnen gar nicht viel erzählen. Fragen Sie mal eine Mutter, die erkennt sofort, ob ihr Kind lügt. Woran, kann sie meist gar nicht erklären, sie weiß es einfach.