Die Legende vom Faschingsgrinch

Datum: Donnerstag, 01. März 2018 10:07


Das Überleben in einer Dorfgemeinschaft voller sorbischer Traditionen ist für einen Faschingsmuffel alles andere als einfach. Als Neubürger einer solchen wurde ich in diesem Februar zum Schrecken der Dorfjugend. Von wegen Helau, mit Gebrüll und Geisterhund schlug ich die Zampermeute in die Flucht, und werde seitdem von meinen Kids als der Grinch der Narrenschar gefeiert. Aber eins nach dem anderen: Als wir vor zehn Jahren in die Lausitz kamen, führte der Februar zu einem wahren Kulturschock. Fasching kannten wir bis dahin nur aus kleinen Kita-Festen unserer Kids oder aus dem Fernsehen, wo sich in „Kölle“ & Co. die gesamte Bevölkerung merkbefreit und sturztrunken für drei Tage auf das Niveau von Bonobo-Affen begibt, die sprichwörtlich alles begatten, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. In unserem ersten Cottbuser Februar gerieten wir vollkommen unvorbereitet in den Faschingstrubel. Unser Junior agierte seinerzeit zum Glück noch auf der Höhe eines Zwergkaninchens, und so blieb der Schock der alkoholumnebelten Bonbonwerfer allein unser. Fortan blieben wir diesem Treiben gezielt fern, was durch einen ganztägigen Brettspiel- und Fernsehmarathon in unserer Innenstadtwohnung für die Kids zu einer schönen Tradition wurde. Sie freuten sich regelrecht auf Fasching und unseren Zuhause-Spiel-und-Kuscheltag.

Im vergangenen Frühsommer zogen wir nun ins eigene Haus, in einen Vorort mit viel Grün und richtigem Dorfleben. Und – wie sich herausstellte – auch mit einer gelebten sorbischen Faschingstradition. Dazu zählt unter anderem das Zampern, in dem die Dorfjugend gemeinsam mit einigen erwachsenen Trunkenbolden von Haus zu Haus zieht und Bargeld sowie Spirituosen für ein abendliches Gelage erbettelt. Dabei muss der Hausherr auch Schnaps trinken und die bessere Hälfte einen Tanz mit der Zampergemeinde absolvieren. Bei mir trifft der Faschingsmuffel auch noch auf absolute Abstinenz, was Alkohol angeht und Frau wie Kinder hatten auch keine Lust auf betrunkene Nachbarn und alberne Tänze. Ich spende ja gern für Familienprojekte, aber Besäufnisse sponsern, in denen Teenager das erste Mal orientierungslos übereinander herfallen, das kam für mich nicht infrage.

Also parkte ich am Zampertag unsere Autos in einer Straße um die Ecke und wir verschanzten uns in unserem Haus. Als es am späten Nachmittag dunkel wurde, spielte ich im Haus mit den Kids Erschrecken mit Leuchtfarben. Jeder musste sich unter der Decke mit Leuchtfarben eine schreckliche Fratze malen, mit der Taschenlampe drei Minuten anleuchten, und dann schlichen wir durchs Haus und erschreckten uns gegenseitig. Bei alledem achteten wir immer darauf, dass draußen kein Licht zu sehen war und die Zampergemeinde unser „unbewohntes“ Haus verschont. Leider erschwerte unsere vierbeinige Sofarolle meinen Plan. Nachdem mir unsere Minidogge eine halbe Stunde hinterherwuselte, war klar, dass sie zum Geschäft nach draußen musste. Ich schlich mit ihr durch die Hintertür und im Rahmen unserer Geheimmission verzichtete ich sogar auf die Taschenlampe. Mann, war ich orientierungslos. Ich vergaß ein zwischen Bäumen gespanntes Seil und strangulierte mich fast, mich darüber ärgernd rannte ich gleich gegen den nächsten Ast und schlug mir heftig den Kopf an. Leise fluchend kehrte ich vom Gassigehen heim, als sich die kleine Sofarolle selbständig machte und am Haus vorbei durch die Rabatten zur Vordertür stürmte. Dabei schleifte sie das Wintervlies von meinem Kräuterbeet mit, ich stürmte dem Geisterhund hinterher. Vorn angekommen, sah ich den Grund: die Dorfjugend erstarrte vor dem Anblick des Geisterhunds und der ihm folgenden Kreatur, die von ihren Taschenlampen angefunzelt grell leuchtete, mit blutendem Kopf und stranguliertem Hals. Die Meute flüchtete völlig irritiert. Seitdem bildet sich im Dorf die Legende vom Faschingsgrinch. Na und, meine Kids sind stolz wie Bolle und mir blieb der Schnaps erspart. Helau!

Euer lausitzDADDY