Vom Superdaddy zum Sittenpitti

Datum: Dienstag, 30. Oktober 2018 12:54


In diesem Monat unternahm ich an nur einem Tag die Reise vom Superdaddy zum Sittenpitti inklusive Polizeiarrest. Der Schritt vom besorgten Vater zum meistgesuchten Spanner im größten Shoppingcenter der Lausitz ist manchmal ein ungeahnt schmaler Grat.

Im Grunde begann das Drama dieses Monats schon vor vielen Jahren. Während sich mein Junior widerstandslos in jedes Stück Stoff hüllte, das wir ihm morgens zum Anziehen bereit legten, war meine Kleine schon als Winzling auf dem Supermodel-Trip. Als sie knapp acht Jahre war, verschwanden die ersten Sachen aus dem Schrank meiner besseren Hälfte und tauchten bei unserer Minilady wieder auf. Das wäre der „Oversized-Look“ und absolut angesagt, hieß es damals. Seitdem werden die Shoppingtouren länger und aus einer Kleiderstange wurde bei unserem Mini-Trendsetter die Kostümabteilung eines mittelgroßen Stadt-Theaters. Das ging schon beim Mützentick los. Ich lernte ein Imperium aus Ballonmützen, Baskenmützen, Bommelmützen und Beanies kennen. Wussten Sie schon, was eine verdammt coole „Chullo“ ist? Ich wurde bei ausgedehnten Jagden durch Warenhäuser und Boutiquen zum Mützenprofi, Kleiderkenner, Shirtdetektiv und Accessoire-Experten.

Vor ein paar Monaten wuchs in unserer Lady der Wunsch, endlich einmal alleine shoppen zu gehen. Anfangs ignorierten wir das, aber es stellte sich heraus, dass sich mit diesem Wunsch bei kleinen Mädchen offensichtlich ein evolutionärer Sprung verbindet, ähnlich dem Auszug einer Raupe als Schmetterling aus dem Kokon. Jedenfalls hinterließen gründlich aufbereitete Fachvorträge unserer Stoffsammlerin mit anschließenden Heulattacken bei mangelnder Zustimmung von uns „großen Spielverderbern“ diesen Eindruck. Kurz vor ihrem zwölften Jubiläum gaben wir schließlich nach, besser gesagt, meine bessere Hälfte murmelte ein „jaja“. Das löste bei meiner Kleinen eine Jubelorgie in Karnevalslautstärke aus, als wäre ganz Deutschland in einer überfüllten Eckkneipe beim goldenen WM-Titeltorschuss in der Nachspielzeit anwesend.

Ich musste sofort an Filme wie „96 Hours“ denken, in dem Liam Neeson pro Minute mindestens fünf kleine-Mädchen-Entführer erschießen muss, um am Ende sein entführtes Mädchen wieder in den Armen zu halten, das ja auch nur allein etwas unternehmen wollte. Der Superdaddy in mir machte tausend Gefahren aus, denen ein Mädchen im Moloch das Shoppinggetümmels ausgesetzt ist. Beim Blick in den Spiegel zwinkerte ich mir selbst mit der Entschlossenheit von Liam Neeson entgegen. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Sofort machte ich mich an die Recherche und googelte nach „Mädchen shoppen allein Gefahr“. Mein Monitor wurde von sich anschleichenden Loverboys und Sexualstraftätern, von Abzockern und Entführungen, von nie wieder aufgetauchten Kindern geflutet. Aus Liam Neeson wurde ein verschrecktes Äffchen. Ich schaute meine bessere Hälfte mit riesigen feuchten Augen wie ein Kobold-Maki an. Ich müsse meine Kleine vor all diesen Gefahren beschützen.

So folgte ich meiner besseren Hälfte unauffällig, als sie mein Mädchen am Ort des Geschehens absetzte. Mit Chullo, Sonnenbrille und hochgekrempeltem Kragen blieb ich meiner Kleinen unerkannt auf den Fersen. Zwei Stunden lang, getarnt hinter Regalen und Kleiderständern – bis Frau Schröder und Herr Lutz mich zu Boden warfen. Gleich drei besorgte Verkäuferinnen waren mir ebenso unerkannt gefolgt und redeten nun auf die beiden Polizisten mit einem Fingerzeig auf mich ein, dass „dieser Sittenpitti“ schon seit geraumer Zeit ein kleines Mädchen verfolge, das von verantwortungslosen Eltern seit Stunden im Shoppingcenter allein gelassen wurde. Ich wünschte mir Liam Neeson an die Seite. Stattdessen sammelte sich eine Menschentraube um uns und der Lärm lockte schließlich auch meine Kleine an. Mit „Mensch Papa, bist du peinlich!“ befreite sie mich. Jetzt habe ich Polizeiarrest und meine Kleine darf schon wieder allein shoppen. Verdammt, ist Vatersein manchmal schwer.

Euer lausitzDADDY