Wurstblatt-Zeitungsteilerei

Datum: Mittwoch, 27. Februar 2019 12:19


Was waren das noch für Zeiten, als unsere Kids als niedliche Sabbermaschinchen im Zimmer umherkrabbelten. Inzwischen sind die Flossen meines Juniors zwei Nummern größer als Papas haarige „Hobbitfüße“, wie der junge Herr immer schmunzelnd bemerkt. Bei meiner Kleinen hingegen verstaubt inzwischen das Kuscheltieruniversum, traurig in drei riesigen Plasteboxen in der Dachschräge vor sich hin schmollend, längst  ersetzt durch Schminkzeugs und Zubehör für Video-Tutorials. Dabei erobert der Nachwuchs auch nach und nach die wenigen Oasen, die uns als einst herrschender Altersklasse geblieben waren. Das Zeitalter moderner Spielväter, in dem auch ich die Kindheit auf dem gleichen Höhenniveau meiner Kids verbrachte, hinterlassen nun ihre Spuren. Wahrscheinlich läuft das nach dem Motto: „Wenn wir damals unseren Kram mit Papa teilen mussten, dann geht das jetzt auch umgekehrt. Plötzlich finde ich in meinem Rasierer eigenartige Haare, von denen ich gar nicht wissen möchte, wo sie herkommen. Meine Kleine schnappt nahtlos mein Handy, wenn einmal ihr Akku alle ist. Kids sind heute ohne Smartphone ja nur für wenige Sekunden überlebensfähig. Im letzten Monat hat dieser, mein Revierverlust, aber eine wirklich eigenartige Form angenommen. Es begann mit der neuen Lieblingsserie meiner Kleinen. In der träumte ein ebenso taffes Mädchen davon, einmal Journalistin zu werden. Sie wissen schon, der ganze Reporterkram mit dem Aufdecken geheimer Storys für dubiose Zeitungsmacher. Es begann jedenfalls mit der dritten Staffel der Serie, als MEINE Tageszeitung morgens plötzlich Füße bekam. Natürlich murrte ich, die Kleine knurrte zurück, und meine bessere Hälfte meldete sich auch gleich zu Wort. Ich solle doch froh sein, wenn sich das Kind für die Zeitung interessiert, und es wäre ja sowieso schön, wenn ich früh der Familie zuhöre, statt mich hinter diesem „Wurstblatt“ zu verstecken. Seitdem schaue ich früh gelangweilt die Margarine-Packung an und kenne inzwischen jede Unregelmäßigkeit im Gewebe unserer Tischdecke. Boah. Miss Superjournalistin hingegen starrt konzentriert mit investigativem Blick in mein Wurstblatt und sagt mindestens zehn Mal „aha“, oder „achso“. Und wenn ich dann frage, was denn so verdammt „aha“ und „achso“ sei, dann rollt sie inzwischen mit den Augen wie sonst nur meine bessere Hälfte. Das scheint die Unversalgestik aller Frauen und Mädchen zu sein. Wir könnten ja einen Debattierclub gründen, wenn mir das so wichtig sei. Vielleicht könne ich abends dann mal früher nach Hause kommen. Dabei brauche ich viele aktuelle Infos sogar für meinen Job. Wenn ich Artikel ausschneide, macht sich meine Kleine immer lustig, weil man sowas heute abfotografiert und in die Galerie packt oder bei Insta postet, wenns wichtig ist. Ich mag es aber klassisch auf Papier. So war das auch nach einem Wochenende Zeitungsteilerei, als ich die Samstagsausgabe mit verschiedenen Beiträgen bei einer Präsentation verwenden wollte. Es ging um ein lokales Imageprojekt aufgrund vieler negativer Zeitungsberichte vor einer ausgesuchten Wirtschaftsrunde. Als ich mit ernstem Blick als Beweis die Samstagszeitung präsentierte, blickte aus Seite 3 ein quietschbuntes Einhorn in die Runde. Auf der Folgeseite war ein Bericht über die aktuelle Miss Brandenburg mit rotem Herz und „toll“ versehen. Meine Kleine hatte die Zeitung gründlich durchgearbeitet. Hier ein bunter Aufkleber, da ein beschwingter Kommentar. Auf eine gestammelte Erklärung meinerseits kam der Vorschlag, vielleicht solle ich meine tolle Strategie doch lieber meiner Tochter überlassen, die wisse offensichtlich, wie man gute Schlagzeilen macht. In der Folgewoche schickten mir Geschäftspartner Sammelbögen mit Stickern infantiler Einhörner und Fabelwesen zu. Meine Kleine wollte zu Hause gleich eine Taschengelderhöhung, wenn sie Papa schon derart gut für seinen Job zuarbeitet. Verdammt, wenn das so weiter geht, dann ist bald wirklich auch noch mein Job vererbt.

Euer lausitzDADDY