Oh wie süß!

Datum: Mittwoch, 29. Mai 2019 11:58


Weniger Zucker und alles wird gut?

Gastbeitrag von Dipl.-Med. Detlef Reichel, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Vorsitzender des Landeverbandes Brandenburg im Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte.

„Du bist was du isst“, lautet ein altes Sprichwort – und tatsächlich hat die Ernährung einen erheblichen Einfluss auf unsere Gesundheit, unser Leistungsvermögen und Wohlbefinden. Für eine optimale kindliche Entwicklung ist eine gute, vollwertige und ausgewogene Ernährung eine wichtige Voraussetzung. Und das beginnt schon vorgeburtlich im Mutterleib.

Zucker gehört zur Gruppe der Kohlehydrate, die mit etwa 50 Prozent den Hauptanteil unserer täglichen Nahrung ausmachen. Dabei ist die Stärke aus Getreide und Kartoffeln besonders bedeutsam. Ihr Abbau in unserem Körper erfolgt in mehreren Schritten zu einem Einfachzucker (Traubenzucker) und ist energieaufwendig. Den Traubenzucker verbrennen dann die Körperzellen zur Energiegewinnung. Traubenzucker, Fruchtzucker, Milchzucker oder Zucker aus Rüben oder Zuckerrohr braucht nur wenige Schritte der Verdauung und so steht die Energie schnell zur Verfügung. Damit wird jedoch auch unsere Bauchspeicheldrüse ständig herausgefordert, die mittels des Hormons Insulin für einen konstanten Zuckerspiegel in unserem Blut sorgt.

Der Datenmonitor zeigt, dass in Brandenburg 3 Prozent der Einschüler und 12 Prozent der 16 Jährigen schwer übergewichtig sind. Das bereitet uns Kinder- und Jugendärzten große Sorgen, da Übergewicht und schweres Übergewicht (Adipositas) assoziiert sind mit hohen Risiken für die Gesundheit. Um an all dem etwas zum Besseren zu verändern, sind jedoch nicht nur Sie als Eltern und wir alle als Verbraucher in der Verantwortung, sondern insbesondere die Politik und die Nahrungsmittelindustrie. Auch alle Hersteller und Anbieter für Essen in Kindereinrichtungen und Schulen sind in der Pflicht.

Von der Politik fordern wir Kinder- und Jugendärzte klare Festlegungen zu einer leicht verständlichen und möglichst Sprachbarriere-freien Kennzeichnung von Lebensmitteln. Eine Reduktion von Zucker, Salz und Fett in Fertignahrungsmitteln, wie von der Ministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Frau Julia Klöckner, vorgeschlagen, ist nur ein erster kleiner Schritt in die richtige Richtung. In anderen Ländern wie Frankreich ist man da sehr viel weiter und der „Nutrition Score“ von Foodwatch, ein Ampelsystem, wie wir es zur Energieeffizienz von Waschmaschinen oder Kühlschränken kennen, wäre sicher auch leichter verständlich im Vergleich zu den vielen verschiedenen und oft viel zu klein gedruckten Labels.

Die Datenlage, wie denn Zucker nun schädigen könnte, ist nicht so einfach und sicher. Allgemein kann gelten: Weniger als 20 Gramm Zucker täglich wäre gut. Gut gesichert und auch aus meiner eigenen täglichen Praxis zu erfahren ist, dass Zucker Zähne krank macht und kaputt. Das sieht man leider schon bei Kleinstkindern, wenn diese ständig an der Flasche mit gesüßtem Tee oder Säften saugen. Säuglinge und Kleinkinder mit einem täglich hohen Zuckerkonsum behalten diese Gewohnheit auch im weiteren Leben bei.

Wir Kinder- und Jugendärzte empfehlen eine optimierte Mischkost: reichlich pflanzliche Anteile, also Obst, Gemüse, Getreide, Nüsse, mäßiger Anteil von Milch, Ei, Fleisch und Fisch und sparsamer Genuss von Süßwaren. Die Fette sollten einen hohen Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren enthalten, aber auch 5 Gramm Butter tun dem Darm und dem Geschmack gut. Sparsamer sollte mit Salz umgegangen werden.
Wie wäre es, wenn der nächste Kindergeburtstag selbstgemachte Minzlimonade böte, „Puten Burger“ aus Vollkornbrötchen mit Salat und einem kleinen Putenschnitzel, ein Chili con Carne mit wenig Hackfleisch und reichlich frischen Tomatenwürfeln oder Vollkornwaffeln mit Obstsalat?

Der Politik möchte ich noch sagen: Soziale Lage, Wissen und Gesundheit stehen in einem eindeutigem Zusammenhang und gesundes Essen kostet mehr Geld. Als Kinder- und Jugendarzt macht es mich zutiefst traurig, dass Kinder in unserem so reichen Land tagtäglich ohne Frühstück oder gesundes Pausenbrot zur Schule gehen.