lausebande-02 -2021

Aktuelles :: Seite 42 Anteil der Frauen. Selbst im öffentlichen Sektor, in dem ausreichend hochqualifizierte Frauen für Füh- rungspositionen zur Verfügung stehen, dominieren noch männliche Entscheider. Das Bild verdunkelt sich sowohl im öffentlichen Bereich und erst recht in der Privatwirtschaft mit zunehmender Unter- nehmensgröße zusehends – von den 30 deutschen DAX-Unternehmen haben 22 überhaupt keine Frau im Vorstand, insgesamt liegt der Frauenanteil in deutschen Vorständen bei mageren 14,7 %. Gender Pension Gap (Rentenlücke): Die Rente ist ein Ergebnis aus Lebensarbeitszeit und Einkommens- höhe – und das fast ausschließlich in Bezug auf be- zahlte Arbeit. Betrachtet man die Anrechnung von Kindern für Mütter, bräuchte es zehn Kinder, um überhaupt erst einmal die Höhe der Mindestrente zu erreichen. Bis 2016 lag die Witwenrente grundsätz- lich über der Altersrente – in diesem Aspekt wirkt die männliche Dominanz sogar über den Tod hin- aus. Die Rentenlücke lag zur Wende 1990 in West- deutschland bei über 60 %, seitdem fiel sie im ver- einigten Deutschland deutlich auf heute rund 37 %, was vor allem an der langen Erwerbstätigkeit in Voll- zeit bei den Frauen in Ostdeutschland liegt – so lag die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern 2018 in Ostdeutschland bei lediglich 9 %. Ostfrau versus Westfrau Zum Thema Gleichstellung ist ein Blick auf die Unterschiede zwischen Ost und West sehr hilf- reich. Die Trennung Deutschlands hat sich nicht nur in zwei völlig unterschiedlichen Systemen vollzogen, sie prägt auch bis heute nachhaltige Unterschiede in der Lebenskultur und Menta- lität. Dabei wirkt insbesondere das starke Bild der DDR-Frau bis heute nach. Das sozialistische System in der DDR ging einher mit der Gleich- stellung und Vollbeschäftigung der Frau. Dabei wurde weniger das Rollenbild bei der Verteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit hinterfragt, es ging vielmehr darum, Frauen bestmöglich als Po- tenzial für alle Arbeitsbereiche zu nutzen. Befreit man das damit verbundene System frühkindli- cher Bildung in Kitas und Schulen der DDR, das Müttern die Kinderbetreuung, Erziehung und Bil- dung während ihrer Arbeitszeit vollumfänglich garantierte, einmal von der Ideologie, entspricht es weitgehend den heute als sehr fortschrittlich geltenden Modellen in skandinavischen Ländern. Über vier Jahrzehnte hinweg wurden Frauen im damaligen System in Vollbeschäftigung, in Füh- rungspositionen und als gleichwertige Partner im Privatleben, Ehrenamt und Arbeitsleben zum Selbstverständnis. Obwohl die DDR nur rund vier Jahrzehnte währte, prägt sie selbst drei Jahrzehn- te nach ihrem Ende noch maßgebliche Unter- schiede. Bis heute ist es für Männer bzw. Väter im Osten selbstverständlicher, daheim mehr Care- Arbeit zu übernehmen, das betrifft sowohl direk- te als auch unterstützende Care-Arbeit. Im Osten ist der Anteil der Frauen in Vollbeschäftigung nach wie vor deutlich höher, die Teilzeitquote der westdeutschen Frauen lag 2020 mit 48,6 % deutlich über der der Ostdeutschen mit 34,7 %. Der Anteil der Frauen, die lediglich einen Minijob haben, ist mit 17,1 Prozent im Westen sogar fast doppelt so hoch wie in Ostdeutschland mit 9,9 %. Gesamtgesellschaftlich könnte der Westen bei der Gleichstellung ebenso wie im Bildungssystem von den Erfahrungen des Ostens lernen. In beiden Be- reichen würde ein Wissenstransfer entgegen dem seinerzeit übergestülpten Diktat des Westens ge- rade den Familien zugutekommen und die Nach- wehen eines althergebrachten Bildungs- und Ge- schlechterbildes entstauben helfen. Das Lausitzer Paradox In einigen Landstrichen des Ostens herrscht heute zumindest bei der Einkommenslücke sogar eine „verkehrte“ Welt. Durch gut dotierte und tariflich bestimmte Beschäftigung im öffentlichen Sektor oder frauendominierten Unternehmen wie Klini- ken liegt das durchschnittliche Einkommen von Frauen in einigen Regionen teils über dem der Männer. Im Jahr 2018 ermittelte eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dass in Cottbus Frauen 17 Prozent mehr Lohn als Männer erhalten. In bayrischen Landstri- chen beträgt die Lücke zwischen Frauen und Män- nern hingegen oft mehr als ein Drittel zugunsten der Männer. Dieses Paradox im Osten hängt zum einen mit der stärkeren Vollbeschäftigung der Frauen in tariflich auf Westniveau angesiedelten Beschäftigungsverhältnissen zusammen, anderer- seits aber auch mit deutlich niedrigeren Einkom- men der Männer in der freien Wirtschaft im Ver- gleich zur Arbeitswelt im Westen. »

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