lausebande-02 -2021
Aktuelles :: Seite 44 SARS-CoV-2 – das Brennglas Die Statistiken des Anfangskapitels zeigen, was sich in den letzten 25 Jahren in Sachen Frauen- gleichstellung nicht getan hat. Im Jahr der Corona- virus-Pandemie wurde das politische Versäumnis vielen Frauen zum Verhängnis. Zwischen Home- schooling, Homeoffice, Kinderbetreuung, Pflege Angehöriger und Haushaltsarbeit waren Frauen in der Krise und insbesondere im Lockdown physisch wie psychisch am stärksten belastet. Erschre- ckende Erkenntnisse zur Gewalt gegen Frauen im Lockdown sind dabei nur ein Aspekt, der allein ein Sonderthema verdient. Eine Studie lieferte be- lastbare Zahlen: 3,6 % der Frauen und über 6 % der minderjährigen Kinder waren im Lockdown von Gewalterfahrungen im eigenen Haushalt be- troffen, bei Frauen handelte es sich oft um sexu- alisierte Gewalt. Hochgerechnet handelt es sich um Schicksale im Millionenbereich – es ist unver- ständlich, warum ein gesellschaftlicher Aufschrei ausblieb und die Politik bis heute kein System ge- schaffen hat, dass diesen Frauen und Kindern in Zeiten der Kontaktbeschränkung verlässlich Hilfe leistet. Im Rahmen dieses Beitrags stehen aber vorwiegend die Ungleichheiten in der Arbeitswelt und gesellschaftlichen (Macht-) Positionen im Fokus. Vor allem das umjubelte Homeoffice sieht dabei mancher Experte eher als Rolle rückwärts für Frauen in unserem Land – und Einblicke ins Leben vieler Mütter scheinen diese Erfahrung zu bestätigen. Der Unterstützung von Kita und Schu- le beraubt, mussten Frauen Beruf und Familie ma- nagen. Schule und Kita sind in unserem Land bis heute nicht auf die Herausforderungen eingestellt, im ersten Lockdown ist man dort förmlich erstarrt. Seitdem ist ein knappes Jahr vergangen und bis heute wurden keine nachvollziehbaren Konzepte entwickelt, das Defizit wird nach wie vor von Müt- tern ausgeglichen. Zwar bestätigen viele Studien, dass Männer im Lockdown proportional stärker bei der unbezahlten Arbeit zugelegt haben, Frau- en sind hier aber ohnehin schon deutlich stärker engagiert. Die weitere Zunahme dieser Arbeit auch bei Frauen im Lockdown deutet eher darauf hin, dass vielfach Grenzbereiche überschritten wur- den. Defizite in der frühkindlichen und Schulbil- dung werden nach wie vor eher von Frauen auf- gefangen. Sie kamen nach dem ersten Lockdown schwerer wieder in Arbeit, die Einkommenslücke zwischen Frauen und Männern nahm 2020 sogar wieder zu. Unternehmen entdeckten Homeoffice hingegen als Chance, Infrastruktur ins Private zu verlagern und Kosten zu senken. Das Homeoffice entzieht den Frauen aber Öffentlichkeit und Sicht- barkeit in Unternehmen – Jutta Allmendinger (sie- he Interview ab Seite 50) prägte in der Pandemie das Bild einer Retraditionalisierung des Frauen- bilds in Deutschland zwischen Kind, Heim und Herd. Sie liefert allerdings auch Auswege aus dem Dilemma und hat in einer Kampagne mit weiteren Frauen bereits den Nachweis erbracht, dass sich etwas bewegen lässt. Ein Hoffnungsschimmer Es war im Herbst 2020, als einigen Frauen im Di- lemma aus den Erfahrungen des Lockdowns und 25 verlorenen Jahren bei der Geschlechtergleich- stellung in Deutschland der Kragen platzte. Promi- nente Schauspielerinnen, Wissenschaftlerinnen und Sportlerinnen riefen gemeinsam mit jungen Influencerinnen die Kampagne #ichwill ins Leben. Zu ihnen zählten die Schauspielerin Maria Furt- wängler, die Managerin Janina Kugel, die Fußball- Nationalspielerin Katja Kraus, die Schriftstellerin Nora Bossong und Deutschlands führende Sozi- alwissenschaftlerin Jutta Allmendinger – aber auch junge Frauen wie Germanys Next Top Model- Gewinnerin Sara Nuru, die Influencerinnen Lou- isa Dellert und Marie Nasemann oder Fridays for Future-Aktivistin Lisa Neugebauer. Ihr Video » Mussten Kleinkinder oder Grundschüler aufgrund von coronabedingten Schließungen zuhause bleiben, verblieb die Verantwortung für die Betreuung weit über- wiegend bei den Müttern. (Foto: prostoole, freepik)
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