lausebande-02 -2021
Aktuelles :: Seite 51 de über Nacht zurückgedreht und ist nun wieder in weite Ferne ge- rückt. Ich teile auch keineswegs diesen Optimismus, dass die Co- ronakrise zu einer besseren Vertei- lung der unbezahlten Arbeit führen wird. Es wurde oft argumentiert, dass Männer in der Krise etwa bei der Betreuung der Kinder oder an- derer unbezahlter Arbeit im Haus- halt zugelegt hätten. Das hinter- frage ich statistisch und komme zu anderen Erkenntnissen. Wenn ich von einem niedrigen Sockel ausge- he, kann ich mich proportional na- türlich mit relativ wenig Aufwand sehr stark verändern. Wenn ich von einem sehr hohen Sockel ausgehe, fällt mir das natürlich sehr schwer. Man spricht dabei von Grenzlasten, der Tag hat nur 24 Stunden. Frau- en waren kaum in der Lage, dem Vielen, was sie schon zuvor an un- bezahlter Arbeit leisten mussten, noch viel hinzuzulegen. Zudem habe ich hinterfragt, ob man die Verantwortung für die Pflege von Kindern oder Älteren überhaupt in Stunden und Minuten aufrechnen kann. Hier gibt es zunehmend Li- teratur aus der Psychologie zur so- genannten „Mental Load“. Es geht um all die unsichtbar mitgedachten Aufgaben im Alltag, ein „für alles verantwortlich sein“. Diese Ver- antwortung kommt fast immer den Frauen zu und kann zu extremen Belastungen führen, die sich in Stress, Schlaflosigkeit und nächt- lichem Aufbleiben bis hin zu Burn- out-ähnlichen Symptomen äußern. Wir sehen in Studien, dass Männer wesentlich weniger Stressphasen durch den Lockdown erlitten als Frauen. Es sind also viele Gründe, die in meinen Augen für eine Retra- ditionalisierung sprechen. Das zei- gen auch harte Fakten der Statis- tik: Frauen sind im Lockdown stellung zwischen den Geschlech- tern. Die persönliche Perspektive auf das Thema, auch in den wei- teren biografischen Bezügen, war mir wichtig. Ich wollte zeigen dass für eine Frau bislang extrem viel Glück zum Weg an die Spitze ge- hörte. Denn oft werde ich als Bei- spiel herangezogen, dass sich Leis- tung und Anstrengung auch für Frauen lohnt. Damit finde ich mein Leben aber falsch beschrieben. Ich hatte insbesondere das Glück, in eine Familie geboren worden zu sein, die mir sehr viel ermög- licht und sehr viel Selbstvertrau- en mit auf den Weg gegeben hat. Von daher habe ich mich das erste Mal entschlossen, tatsächlich ein sehr persönliches Buch zu schrei- ben – und diese persönlichen Er- fahrungen mit den Erkenntnissen aus meiner Forschung und Statis- tiken zu verbinden. Im Buch setzen Sie vor dem Hin- tergrund des Corona-Krisenjah- res den viel umjubelten Siegeszug des Homeoffice mit einer Nieder- lage der Gleichstellung und einem Rückfall der Frauen um Jahrzehn- te gleich, warum? Ich stimme dem Jubel über das Homeoffice aus einem einfachen Grund überhaupt nicht zu: Es ist ein Rückzug ins Private. Das ist ei- ner Gesellschaft nicht angemessen, die mit Fremden umzugehen ver- stehen muss und darauf angewie- sen ist, einen öffentlichen Raum zu haben. Frauen haben Jahrhunder- te gebraucht, um den öffentlichen Raum auch in Deutschland zuge- sprochen zu bekommen. Damit meine ich die Erwerbsarbeit au- ßerhalb des Hauses, das Mitein- ander mit anderen, ein Stück eige- nes Leben. Der mit dem Homeof- fice verbundene Rückzug ins Haus stärkt das alte Muster, dass es vor allem die Frauen sind, die zu Hau- se für ihre Kinder und ihre Familie sorgen. Das Homeoffice vergrößert die bestehenden Lücken zwischen Frauen und Männern – die Lü- cke im Stundenlohn, die Lücke im Monatseinkommen, im Renten- einkommen, die Lücke in der un- bezahlten Arbeit oder in Führungs- positionen. Insofern verbinde ich mit dem Homeoffice deutliche Rückschritte für die Frauengleich- stellung in Deutschland. Sie haben im vergangenen Herbst von männlichen Journalisten für Ihre These der Retraditionalisie- rung der Frauen Deutschlands in der Coronakrise viel Gegenwind bekommen, halten Sie die These heute für evident? Der Gegenwind vieler männlicher Journalisten hat mich gefreut. Da- bei sind Artikel nach dem Motto „Von wegen Rabenväter!“ entstan- den und es wurde damit argumen- tiert, dass Männer doch auch mit ihren Kindern auf den Spielplätzen sind oder für die Familie einkau- fen gehen. Sie haben damit unbe- wusst gesagt, dass eine gleichere Verteilung der unbezahlten Arbeit auch für Männer erstrebenswert ist. Insofern fand ich den Gegen- wind sogar hilfreich und einen ers- ten Schritt zur Veränderung. War- um habe ich die These aufgestellt, dass sich bei Frauen in der Krise alte Rollenbilder verstärkt haben? Schul- und Kitaschließungen führ- ten in der Tat zum Entzug der öf- fentlichen Hilfe, die Grundlage für eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist. Wir haben lange Kämp- fe geführt, Kindertagesstätten für unter Dreijährige durchzusetzen. Wir kämpfen nach wie vor für Voll- zeitschulen. All das und mehr wur- »
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