lausebande-02 -2021

Aktuelles :: Seite 52 bei den Unterschieden in West- und Ostrenten der Frauen – kön- nen wir für die Gleichstellungsde- batte nicht mehr daraus lernen? Natürlich. Ich habe die Rentenzah- lung aus gutem Grund ausgewählt, um die immensen Unterschiede darzustellen. Sie bildet alle ande- ren Faktoren ab und saugt die un- gleichen Lebensentwürfe mehr als jeder andere Indikator auf wie ein Schwamm. Die Rentenzahlungen für Frauen imWesten im Vergleich zu jenen im Osten sind deshalb viel niedriger, weil es imWesten schon immer dieses Teilzeit-Vereinbar- keits-Paradigma gibt. Daraus re- sultiert die enorme Lücke an Ar- beitszeit zwischen Männern und Frauen, an Einkommen, an Füh- rungspositionen und bei der un- bezahlten Arbeit. Das war im Os- ten völlig anders. Ich wollte das biografisch angelegte Buch nicht als „doppeltes Lottchen“ umset- zen. Die Entscheidung, in meinem Buch Privates und Persönliches zu einen, ging deshalb einher mit der Perspektive einer Westfrau. Ich hat- te tatsächlich überlegt, beide Pers- pektiven zu schildern und das Buch als Gespräch zwischen zwei Frauen mit dieser unterschiedlichen Sozi- alisation anzulegen. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil ich das nicht als glaubwürdig empfand und mir nicht anmaßen wollte, für eine Ostfrau zu sprechen. Gibt die Soziologie Hinweise, dass sich auch Männer und Väter im Os- ten aufgrund ihrer Sozialisation an- ders verhalten? Ja, Väter im Osten verhalten sich anders und zwar immer noch an- haltend. Wir sehen noch heute bei Ostmännern eine wesentlich größe- re Selbstverständlichkeit, dass ihre Frauen gleiche Arbeitszeiten ha- stärker mit ihrer Arbeitszeit nach unten gegangen, Frauen sind nach dem ersten Lockdown viel schlech- ter als Männer wieder in Arbeit ge- kommen und Frauen sagen viel häufiger als Männer, sie können in einer solchen Situation unter den in Deutschland gesetzten Rahmen- bedingungen nicht mehr erwerbs- fähig sein. Sie erteilen in Ihrem Buch dem in Deutschlands Politik verankerten Paradigma der Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine klare Ab- sage, warum? Es geht um die Perspektive. Ver- einbarkeit von Beruf und Familie muss für Frauen und Männer gel- ten. Die Männer müssen mitge- dacht werden, wir brauchen eine größere Verteilung der unbezahl- ten Arbeit zwischen Männern und Frauen. Solange das Paradigma der Vereinbarkeit allein bei den Frauen liegt, wird auch das Home- office als vermeintliche Lösung nur zu einer einseitigen Mehrbelastung für Frauen führen. Studien zu häuslicher Gewalt ge- gen Frauen in der Coronakrise ka- men zu teils erschreckenden Er- gebnissen – warum wurde das gesellschaftliche Drama lediglich von ein paar Wochen Applaus für Systemrelevanz statt einem nach- haltigen Aufschrei begleitet? Die häusliche Gewalt trifft auch Kinder. Wenn sich einerseits Ju- gendämter, Sozialämter und Frau- enhäuser aufgrund von Kontakt- beschränkungen nicht um Frauen und Kinder kümmern und diesen andererseits Kita, Schule und der öffentliche Raum entzogen wer- den, dann werden Probleme und Gewalt für die Gesellschaft unsicht- bar. Das Einigeln imHäuslichen hat zu einer enorm hohen Dunkelziffer geführt. Frauen mit Problemen wur- de der persönliche Zugang zu Hilfen unmöglich. Etliche Hotlines sind übergelaufen. Daher resultieren ei- nige Statistiken über die Zunahme der Gewalt, die insbesondere auch die Kinder betrifft. Aber vieles bleibt im Dunkeln. Eine Münchner Studie ermittel- te im Lockdown unter befragten Frauen 3,6 % mit Erfahrungen häuslicher Gewalt, bei Kindern waren es über 6 % – das sind hun- derttausende Schicksale, warum verschwand das Thema dennoch binnen weniger Tage aus der öf- fentlichen Debatte? Da kann ich nur spekulieren. Zu viele haben einfach die Augen zugemacht. Es wurde sich hin- ter Kontaktbeschränkungen ver- steckt, Frauenhäuser blieben trotz der bekannten Probleme geschlos- sen. Dabei wären Lösungen denk- bar gewesen: In anderen Bereichen lief es während der Pandemie zum Teil besser als zuvor. So gab es in Berlin große Modellversuche zur Obdachlosigkeit. Hier ist man neue Wege gegangen, hat sich geküm- mert und für mehr Wohnraum ge- sorgt, auch dank Anmietung von Pensionen und Hotels. Auch der bitteren Gewalt gegenüber Frau- en und Kindern hätte man be- gegnen können, wenn man es ge- wollt hätte. Das ist Politikversagen. Hier hätte sicher auch aus der For- schung mehr Druck aufgebaut wer- den müssen. Eine Perspektive kommt im Buch sehr kurz. Das starke Frauenbild der DDR, das ein fundamentaler Gegenentwurf zur Hausfrau im Westen war und im Osten bis heu- te nachwirkt, betrachten Sie nur

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