Titelthema ‹ 69 Verkleiden erwünscht Kein Karneval ohne Kostüm. Das Verkleiden ist einer der bekanntesten Bräuche. Kinder schlüpfen in Fantasiefiguren, Tiere oder Superhelden. Kinder lieben es ohnehin, sich zu verkleiden und in andere Rollen zu schlüpfen. Auch außerhalb der Karnevalsaison spielen sie Räuber und Gendarm oder Mutter-Vater-Kind. Wie wichtig Rollenspiele für Kinder sind und welche Fallstricke beim närrischen Verkleiden drohen, lesen Sie im Interview mit Erziehungsberaterin Dana Mundt im Anschluss an dieses Titelthema. In den Faschingshochburgen greifen auch Erwachsene gern zu Kostümen. Auf den großen Straßenumzügen zeigen herrliche selbstgemachte Faschingskostüme, mit wie viel Leidenschaft und Kreativität die Karnevalisten dabei sind. Allerdings sind einige Kostüme in den vergangenen Jahren in Verruf geraten – Stichwort kulturelle Aneignung. Indianerkostüm – tabu oder nicht? Indianer waren schon ein beliebtes Karnevalskostüm, als die Großeltern unserer Kinder klein waren. Karl May hat mit seinen Romanen die Faszination für die Ureinwohner Amerikas nach Deutschland gebracht. Bis heute ziehen Karl-MayFestspiele an mehreren Orten Jahr für Jahr tausende Gäste an. Die TV-Serie Yakari ist bei Kindern weiterhin sehr beliebt. Gleichwohl ist das IndianerKostüm nicht mehr gern gesehen. Denn ebenso wie das Blackfacing, bei dem sich hellhäutige Menschen das Gesicht schwarz schminken, gilt es als kulturelle Aneignung. Dieses in den 1980er-Jahren ausgearbeitete Konzept besagt, dass eine gesellschaftlich dominante Gruppe (in diesem Fall die weiße, westliche Mehrheitsgesellschaft) Symbole, Kleidung oder Traditionen aus marginalisierten und unterdrückten Kulturen übernimmt. Historische problematische Ereignisse wie Kolonialisierung und Unterdrückung werden dabei bewusst ignoriert und Stereotype verfestigt. So reduziert das Indianerkostüm eine jahrtausendealte und sehr vielfältige Kultur auf Federschmuck, Lederimitat und Kriegsbemalung. Die Ethnologin Gerhild Perl fordert in einem Interview mit der Wochenzeitung „Zeit“ einen Verzicht auf das Kostüm: „Heute erweckt gerade diese Verkleidung oft eine nostalgische Kindheitserinnerung. Aber unsere gängigen „Indianer“-Kostüme können trotz ihres fiktiven Kontextes nicht vom Kolonialismus und von der gewaltvollen Geschichte losgelöst werden, die die indigene Bevölkerung in den USA erfahren hat. Damit meine ich den Völkermord, aber auch zeitgenössische Formen der Ausgrenzung und des Rassismus.“ In einer öffentlichen Diskussionsrunde in Dresden im vergangenen Jahr wiederum meinte ein aus Arizona stammender Navajo: „Bei uns ist es kein Kostüm, sondern ein Stück Kleidung.“ Für Kinder seien diese Verkleidungen okay, aber bei Erwachsenen lehne er sie ab. Ob also Eltern ihren Kindern weiterhin das Indianer-Kostüm erlauben, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Im Zweifel fragt man vorher nach, wie die Kita dazu steht. Bei älteren Kindern etwa ab dem Schulalter kann man die Themen kulturelle Aneignung und Rassismus altersgerecht aufgreifen. Ansonsten gilt wie generell beim Fasching: Ein bisschen mehr Gelassenheit. Denn es ist davon auszugehen, dass aus einem Vierjährigen mit Federkopfschmuck nicht automatisch ein Rassist wird und über Hexen und Piraten-Kostüme hat Schon die ganz Kleinen lieben es, sich zu verkleiden. Beim Fasching umstritten – bei den Karl May Festspielen in Bad Segeberg beliebt: Cowboy und Indianer.
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