Titelthema ‹ 75 Familienprojekt entstehen. Eltern, die mitmachen und sich vielleicht sogar selbst verkleiden, zeigen ihrem Kind: Fantasie ist willkommen. Kinder erleben so im besten Fall auch ein Stück Selbstwirksamkeit. Natürlich dürfen und müssen Eltern Grenzen setzen, etwa aus Sicherheits- oder Wettergründen. Diese sollten altersgerecht erklärt werden. Manchmal helfen Kompromisse, wenn das Kind beispielsweise eine sehr lange Schleppe am Kleid haben will. Dann könnte es diese zunächst zum Zeigen mitnehmen, dann aber eine kitataugliche, kürzere Variante anziehen. Die Hauptsache aber ist: Das Kostüm soll dem Kind gefallen. Zuletzt wurde öffentlich diskutiert, ob das IndianerKostüm noch zeitgemäß ist. Ist das Kostüm für die Faschingsparty in der Kita okay? Wichtig ist hier zu berücksichtigen, dass KitaKinder ihre Kostüme nicht aus politischen oder kulturellen Haltungen heraus wählen. Sie orientieren sich an Abenteuergeschichten, Serien oder Büchern wie Yakari. Für sie steht das Indianerkostüm eher für ein Leben mit Tieren, Mut, Lagerfeuer oder Zusammenhalt und Gemeinschaft – und nicht für reale indigene Kulturen oder deren Geschichte. Das ist noch zu weit weg und auch noch zu komplex, um es zu verstehen. Das bedeutet aber nicht, dass das Thema ausgeklammert werden sollte. Wie und ab welchem Alter kann man mit Kindern über kulturelle Aneignung sprechen? Altersgerechte Erklärungen müssen gar nicht kompliziert sein. Eltern dürfen sich Zeit nehmen und müssen nicht sofort eine perfekte Antwort parat haben. Im Kitaalter verstehen Kinder noch keine historischen oder politischen Zusammenhänge, aber sehr wohl Themen wie Fairness und Gefühle. Einfache Sätze wie „Manche Menschen finden es verletzend oder traurig, wenn ihre Kleidung oder ihr Aussehen zum Spaß nachgemacht werden“, reichen oft aus. Wichtig ist nicht zu moralisieren und keine Schuldgefühle zu erzeugen. Im Grundschulalter können Zusammenhänge zunehmend erklärt werden, etwa dass bestimmte Gruppen früher nicht respektiert, sondern ausgeschlossen wurden und dass heute mehr darauf geachtet wird. Der Begriff „kulturelle Aneignung“ selbst ist sehr abstrakt – entscheidend ist die Haltung, die Eltern von klein auf vorleben. Kinder beobachten sehr genau, wie Erwachsene darüber sprechen. Eltern haben hier eine wichtige Vorbildfunktion, das betonen wir immer wieder in unserer Beratung. Sie können sensibel mit Begriffen umgehen, Dinge kindgerecht einordnen und respektvolle Werte vermitteln, ohne das Kostüm abzuwerten oder den Spaß zu nehmen. Auch die Kita könnte das Thema gut als Lernfeld aufgreifen. Gibt es Kostüme, die für Kinder problematisch sein können? Eltern sollten sich fragen: Passt dieses Kostüm zum Alter und zur emotionalen Entwicklung meines Kindes? In gemischten Kitagruppen ist es sinnvoll, auf sehr gruselige Kostüme zu verzichten, insbesondere mit Blick auf jüngere Kinder. Auch sollte man das Kind hinter der Schminke oder Maske noch erkennen können. Auch bei Kostümen mit stark sexualisierten Elementen, die nicht zur kindlichen Entwicklung passen, sollten Eltern hinschauen und wenn es wirklich der Wunsch des Kindes ist, das Kostüm entsprechend kindgerecht abwandeln. Ein gutes Kostüm ist eines, in dem sich das Kind sicher, gesehen und wohl fühlt – und bei dem Eltern den Rahmen verantwortungsvoll mitgestalten. Wie sollten Eltern mit Waffen als Teil des Kostüms umgehen? Waffen sind ein Thema, das viele Eltern beschäftigt und das regelmäßig bei uns in der Onlineberatung auftaucht. Für Kinder stehen Schwerter oder Pistolen meist für Stärke, Kraft, Mut und Handlungsfähigkeit – nicht automatisch für Gewalt. Für sie geht damit eher die Idee einher: Damit bin ich stark, unverletzlich und damit kann ich etwas bewirken. Waffen im Kostüm sind nicht per se problematisch – entscheidend ist der Umgang damit. Daher bin ich gegen pauschale Verbote. Gleichzeitig braucht es klare Regeln, das können sein: Waffen nicht auf Menschen richten, niemanden erschrecken, bedrohen oder absichtlich verletzen und aufhören, wenn ein anderes Kind Angst bekommt. Je älter die Kinder sind, umso mehr kann man darüber sprechen: „Der Polizist trägt eine Waffe, wann genau würde er sie benutzen, weißt du das?“ So lernen Kinder, dass Macht immer auch Verantwortung bedeutet. Wichtig ist, die Regeln der Kita zu unterstützen, auch wenn sie sich von denen zu Hause unterscheiden. Eltern können auch versuchen, Alternativen wie einen Zauberstab anzubieten. Auch der verleiht spielerisch Superkräfte – nur eben ohne Waffe.
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