76 › Titelthema Manche Eltern tun sich schwer damit, wenn Kinder Cowboy und Indianer oder Polizei spielen und sich gegenseitig „abschießen“. Ist diese Sorge berechtigt? Aus unserer Beratungstätigkeit wissen wir, dass Eltern oft im Zwiespalt sind: Einerseits möchten sie ihr Kind in seiner Fantasie unterstützen, andererseits soll es niemanden verletzten oder überholten Klischees nachgehen. Für Kinder im Kita-Alter geht es dabei aber eher um ein Abenteuer- und Rollenspiel. Sie greifen auf sehr vereinfachte Bilder zurück, ohne den historischen Kontext zu kennen oder zu berücksichtigen. Daher plädieren wir meist für Begleiten statt Verbieten. Eltern könnten anregen, die Rollen zu wechseln und deutlich machen, dass es ein Fantasiespiel ist. Ein anderes Thema wäre es natürlich, wenn die Eltern beobachten sollten, dass ihr Kind richtig sauer und wütend ist und immer wieder auf nur ein Kind schießt, auch wenn dies das Spiel nicht mehr mitspielen möchte. Dann sollten sie genau hinschauen: Ist es noch ein Spiel oder eine Form von Aggression? Manche Eltern sind verunsichert, wenn der Sohn als Prinzessin oder Fee gehen möchte... Auch bei uns in der Beratung melden sich manchmal Eltern, weil ihr Sohn lange Haare trägt, Haarspangen liebt und sich gern als Elsa aus „Die Eiskönigin“ verkleidet – nicht nur zu Fasching. Oft erleben die Eltern ihr Kind dabei als fröhlich, kreativ und gut eingebunden. Der Druck kommt dann eher von außen, etwa von Großeltern oder aus dem Umfeld. Das merken wir dann auch in der Beratung. Da geht es häufig weniger um das Kind selbst, sondern mehr um die Unsicherheit der Erwachsenen. In solchen Situationen geraten oft weniger die Kinder als vielmehr die Eltern ins Stolpern. Typische Gedanken sind: „Was denken die anderen?“. Kinder denken so nicht. Im Kita- und auch Grundschulalter ist es „normal“, dass die Kinder mit verschiedensten Rollen, Farben und Symbolen spielen, ohne ihnen allzu viel Bedeutung zuzuschreiben. Das machen meist nur wir Erwachsene. Ein Prinzessinnen- oder Feenkostüm steht für Kinder meist eher für Schönheit, Magie, Zauber, Macht, Anerkennung oder Kraft. Vielleicht mag das Kind auch einfach den schönen weichen Stoff. Es steht nicht für die Geschlechtsidentität oder spätere Lebensentscheidungen. Die Kinder greifen bei der Kostümwahl in der Regel Dinge auf, die sie kürzlich gesehen haben – vielleicht im Buch, im TV oder im Kino. Vielleicht wollen sie gern als Hase gehen, weil sie den Film Zoomania geschaut haben. Sie finden etwas schön, spannend und möchten die Rolle ausprobieren. Viele Eltern sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihr Kind zu stärken, und der Angst vor Kritik von außen. Kinder spüren sehr genau, ob ihre Eltern hinter ihnen stehen oder anfangen zu zweifeln. Deshalb ist die Haltung der Eltern hier entscheidend. Wie sollten Eltern also idealerweise reagieren? Aus fachlicher Sicht ist eine neugierige, ermutigende und möglichst neutrale Haltung der Eltern sehr hilfreich. Ermutigend heißt: dem Kind zu signalisieren, dass es gut ist, zu wissen, was man mag. Neutral bedeutet, keine zusätzliche Bedeutung hineinzulegen oder aus Erwachsenenperspektive zu überinterpretieren. Eine schöne Reaktion wäre: „Ich finde es großartig: Du weißt, was dir gefällt.“ Oder „Wow, was für eine tolle Idee!“ Neugierige Fragen wie „Wie bist du auf die Idee gekommen?“ zeigen dem Kind Interesse und Wertschätzung. Aktives Umlenken vermittelt Kindern dagegen schnell die Botschaft: „Das, was du magst, ist nicht richtig.“ Viel stärkender ist die Erfahrung: „Meine Eltern stehen hinter mir.“ Egal ob Prinzessin oder Indianer: Wie können Eltern ihr Kind stärken, wenn es wegen seines Kostüms ausgelacht wird? Wenn Kinder ausgelacht oder kritisiert werden, ist das für Eltern oft schwer auszuhalten. Trotzdem ist dann die Rückendeckung und das Verständnis durch die Eltern besonders wichtig. Gefühle sollten ernst genommen werden: „Das war bestimmt doof, ausgelacht zu werden.“ Eltern sollten das Selbstwertgefühl des Kindes stärken, indem sie ihm vermitteln, dass es so in Ordnung ist, wie es ist – auch mit dem Kostüm, egal ob es anderen gefällt. Im Vorfeld können Eltern gemeinsam mit dem Kind überlegen, wie es auf Kritik gut reagieren kann. Da reichen einfache Sätze wie. „Mir gefällt mein Kostüm!“ oder „Ich mag es so!“ Das nimmt ihnen die Sprachlosigkeit. Sollten Auslachen und Abwerten häufiger vorkommen, würde ich das Gespräch mit der Kita empfehlen. Eltern dürfen sich Rat und Unterstützung suchen, gern auch bei uns oder in Erziehungs- und Familienberatungsstellen vor Ort. Kinder werden stark, wenn sie in ihrem Erleben und ihren Gefühlen ernst genommen und beschützt werden. Hinweis: Bei Unsicherheiten rund um Fasching, Verkleidung, Rollenbilder oder kindliche Entwicklung können sich Eltern anonym und kostenfrei an die bke-Onlineberatung wenden. Weitere Infos unter: www.bke-beratung.de
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