allgemeinem Zustand vorwiegend durch Untersuchung der Schädel. Wie weitreichend sind Erkenntnisse zum Wolf mit Blick auf den gesamten Artenschutz und die Biodiversität? Im sächsisch-tschechischen Forschungsprojekt REDEMA wird beispielsweise die Rolle des Wolfes als Beutegreifer auf den Rotwildbestand in den Nationalparks Böhmische Schweiz und Sächsische Schweiz untersucht. Neben der TU Dresden ist u.a. Senckenberg als Projektpartner vertreten. Warum sind Daten und Fakten zum Nutzen und der Entwicklung des Wolfs in der Öffentlichkeit eher wenig präsent? Forschung ist wie in unserem Fall oft sehr langfristig angelegt und wir können Ergebnissen nicht vorgreifen. Rückschlüsse beispielsweise aus der Untersuchung von Schädeln auf die Entwicklung der Population benötigen Zeit und Untersuchungsmaterial. Erst mit stichhaltigen Erkenntnissen erfolgt eine Veröffentlichung. Wie stark diese Ergebnisse in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, hängt letztlich davon ab, wie sie von Medien, Politik und Gesellschaft aufgegriffen und genutzt werden – nicht allein von der Wissenschaft selbst. Was sagen wissenschaftliche Erkenntnisse zur aktuell beschlossenen Bejagung des Wolfs? Das ist eine politische Entscheidung. Dabei spielen sicher auch Interessen Rolle, die man nicht ausgrenzen kann – wie etwa die von Weidetierhaltern. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Wölfe in unserem Land noch nicht in dem Stand, in dem sie sein sollten, um wirklich langfristig gesund und überlebensfähig zu bleiben. Wie können Familien sich und den Kindern am besten ein realistisches Bild vom Wolf machen? Es ist sehr unwahrscheinlich – selbst bei vergleichsweise vielen Wölfen in der Lausitz – einen Wolf in freier Wildbahn zu Gesicht zu bekommen. Deshalb würde ich einen Besuch in der Umweltbildungsstelle Wolf auf dem Erlichthof Rietschen empfehlen, wo sehr sachlich zum Wolf informiert wird. Natürlich kann man auch unser Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz mit vielen Informationen und zwei lebensecht präparierten Wölfen besuchen. Die Senckenberg Gesellschaft betreibt in Görlitz nicht nur das Museum für Naturkunde, sondern auch eine umfangreiche Wolfsforschung. Dazu sprachen wir mit der Biologin und Doktorandin Maria Jähde, die in Görlitz die Wolfsforschung verantwortet: Der Wolf gilt als am besten beforschte und monitorte Wildtierart Deutschlands – gibt es aus Sicht der Wissenschaft noch offene Fragen? Hier in Görlitz organisieren wir die Begleitforschung zum Wolf in Sachsen, führen aber auch für andere Bundesländer Untersuchungen durch. Seit 2001 haben wir weit über 13.000 Wolfslosungen untersucht und verfügen zudem über ein Archiv mit mehr als 300 Wolfsschädeln. All das ist Grundlage für meine Arbeit. So ermöglicht die Betrachtung von Veränderungen an Schädeln Rückschlüsse auf die Entwicklung der Population. Losung und Mageninhalt geben Aufschluss über die Ernährung. Vermehrte Nachweise von Nutria und Biber zeigen uns beispielsweise, dass der Wolf hier bei viel diskutierten Arten auf natürliche Weise regulierend eingreift. Das Spektrum reicht bis zu Auswirkungen von Parasiten wie der Auwaldzecke, von der die sogenannte Hundemalaria übertragen wird, die bei Hunden bis zum Tod führen kann. Wir sammeln Zecken an den untersuchten Wölfen und geben sie zur weiteren Analyse an spezialisierte Einrichtungen weiter. Woran arbeiten Sie aktuell? Die Begleitforschung füllt den Arbeitstag aus. Sie konzentriert sich einerseits auf Erkenntnisse zum Nahrungsverhalten durch Losung oder Mageninhalt und andererseits zu Alter, Wachstum und Wolfsforschung bei Senckenberg in Görlitz Interview mit Maria Jähde, Wolfsforscherin am Senckenberg Museum für Naturkunde Titelthema ‹ 55
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