Lausebande April 2026

Bei uns ist wieder die Flohmarktsaison. Kinder (oder eher Eltern) haben Kleiderschränke, Bücherregale und Spielzeugkisten im Kinderzimmer ausgemistet und hoffen auf eine Zweitverwertung der kleinen Schätze, die mit einem gut gefüllten Bauch des Sparschweins einhergeht. Ich liebe diese Flohmärkte – allerdings nur zum Kaufen. Wir standen samt Nachwuchs selbst schon an einem halbherzig zusammengeschusterten Flohmarktstand. Aber es lohnt sich einfach nicht für uns. Die Kleidungsstücke und Spielutensilien, die noch so gut erhalten sind, dass sie nicht direkt im Müll landen, gehen an Freunde mit noch kleineren Kindern. Viel ist es ehrlich gesagt nicht. Ich staune bei jedem Flohmarktbesuch aufs Neue, wie es die dort verkaufenden Familien schaffen, so viel neuwertige Dinge zu präsentieren. Bücher ohne Eselsohren, Kleider ohne Flecken, Jeans ohne Löcher. Vielleicht sind ein Großteil einfach ungeliebte oder doppelte Geschenke? Das größte Rätsel sind mir Puzzle und Legosets. Ich glaube nicht, dass wir auch nur ein einziges komplettes Legoset besitzen. Und wir besitzen sehr viele Legosets. Nicht nur, dass andere Mütter offenbar sämtliche Legosteinchen beisammen halten konnten. Was mich völlig an meiner erzieherischen Kompetenz zweifeln lässt: Sie verkaufen die Sets auch noch samt Verpackung und Anleitung. Offenbar kann man Legopackungen so öffnen, dass sie sich anschließend wieder mit Klebestreifen verschließen lassen. Meine Kinder können oder wollen das nicht. Noch bevor ich zu meiner Predigt ansetzen kann, dass dieses Mal bitte alle Einzelteile zusammenbleiben sollen, hat das Kind mit einem lauten „ratsch“ die Packung aufgerissen und sich in seine Bauecke zurückgezogen. In denselben Schwarzen Löchern, in denen die Legosteinchen heimlich über mich lachen, kauern vermutlich auch diverse Puzzleteile. Als wir uns das letzte Mal einen Überblick verschafft haben, welche Puzzle noch vollständig sind und verschenkt werden können, kamen wir auf eine mickrige Quote von zehn Prozent. Niemand will ein 100-Teile-Puzzle mit 99 Teilen geschenkt haben. Wenn wir zu Hause puzzeln, ist jedes Familienmitglied darauf erpicht, das letzte Teil einzusetzen. Wenn das aber fehlt, kann ich nie sicher sein, ob tatsächlich schon wieder ein Puzzleteil verloren gegangen ist oder ob sich ein Kind eines heimlich in die Hosentasche gesteckt hat, damit es selbiges als letztes einsetzen darf. Diese Marotte führt dazu, dass mitunter kurz vor Schluss noch drei Puzzleteile fehlen, weil jedes Kind die gleiche lustige Idee hatte. Während meine Kinder unvollständige Legosets und Puzzle deutlich entspannter sehen als ich, gibt es einen Bereich, wo ihnen Ordnung und Vollständigkeit sehr wichtig sind: in der Federmappe. Regelmäßig vor Start des neuen Schuljahres erklären sie mir, dass sie neue Buntstifte brauchen. Wenn ich dann in der Federmappe nachschaue und feststelle, dass noch jeder Stift vorhanden ist, folgt die Erklärung: Rot und gelb (wahlweise auch grün oder pink) wurden so oft benutzt, dass sie nur noch halb so groß sind wie die anderen Stifte. Ich biete ihnen dann an, die halbwüchsigen Farben mit einem Exemplar aus unserer riesigen Stiftesammlung im Bastelschrank zu ersetzen. Doch ich habe keine Chance. Dort tummeln sich zwar jede Menge Stifte, aber nicht von jener Marke, die gerade die Federmappe füllt. Denn genauso wenig wie die Stifte in der Mappe eine unterschiedliche Länge aufweisen dürfen, sind unterschiedliche Fabrikate erlaubt. Das Ergebnis, wenn ich jedes Schuljahr bei jedem meiner Kinder nachgebe: Unsere heimische Stiftesammlung wird noch größer, da die Stifte aus der Federmappe noch nicht so kurz sind, dass ich mich von ihnen trennen will. Für den Weiterverkauf auf dem Flohmarkt taugen sie aber leider genauso wenig wie unsere lückenhaften Puzzle und Legosets. Lausitz-Mummy: Schwarze Löcher 94 › Kolumne

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