lausebande-2021-06

62 › Titelthema heißt Flechtmatte. Im übertragenen Sinne sind darin die Prinzipien frühkindlicher Bildung (ganz- heitliche Entwicklung, Befähigung, Familie & Ge- meinschaft, soziale Beziehungen) verwoben mit den Lernzielen: Wohlbefinden, Zugehörigkeit, Teilhabe, Kommunikation, Erforschen & Ent- decken. Dabei fällt auf, dass anders als bei uns in Deutschland nicht Themen wie Sprache und Ma- thematik im Fokus stehen. Stattdessen möchte der ganzheitliche neuseeländische Ansatz jedes Kind dazu befähigen, auf seine Weise aufzuwachsen, ihm die notwendigen Freiräume zu ermöglichen und es bei seinen Lernprozessen unterstützen. Die individuellen Lernfortschritte des Kindes werden beobachtet und dokumentiert. Anders als in Deutschland üblich werden dabei nicht Kompe- tenzen wie Ausschneiden und Zählen geprüft und abgehakt, sondern Fortschritte in den Bereichen Mut, Zutrauen, Verspieltheit, Verantwortungsge- fühl, Beharrlichkeit aufgeschrieben. Etabliert hat sich dafür die Form von Lerngeschichten. Dieses in Neuseeland entwickelte Dokumentationsmodell wird mittlerweile auch in anderen Ländern ange- wandt. Möglich ist das auch dank eines hervorra- genden Betreuungsschlüssels. Auf eine Erzieherin kommen drei bis fünf Kinder. Fachkräfte in den Kitas haben in der Regel ein mindestens dreijäh- riges Studium absolviert. Anschließend folgt eine zweijährige Anerkennung in der Kita, während der man von einem Supervisor begleitet wird. Ver- gleichbar ist dies in etwa mit dem Referendariat angehender Lehrer in Deutschland. Die familiennahe Alternative: Tagesmutter Die Alternative zum klassischen Kindergarten ist die Tagespflege. Hier kümmert sich eine Ta- gesmutter oder ein Tagesvater um eine kleine Schar an Kindern – erlaubt sind höchstens fünf Kleinkinder. Die Kinder werden in einer eher fa- miliären, vertrauten und ruhigen Atmosphäre betreut. Im Vergleich dazu kann es in einer grö- ßeren Kita mit 100 oder mehr Kindern deutlich lauter und anonymer zugehen. Beide Betreuungskonzepte haben ihre Vor- und Nachteile. Hier ist es wichtig zu schauen, was zu den eigenen Wünschen und vor allem zum Kind passt. Kinder, die zu Hause mit mehreren Ge- schwistern aufwachsen oder viele Kontakte zu Freunden haben, kommen mit der offenen Atmo- sphäre einer Kita vermutlich besser zurecht als ruhige Kinder, die stärker die Nähe zu einer er- wachsenen Bezugsperson suchen. Zudem können die Betreuungszeiten in der Tagespflege bei Be- darf flexibel abgesprochen werden, während Kitas feste Öffnungszeiten haben. Tagesmütter bzw. -väter benötigen eine Pflegeer- laubnis vom Jugendamt. Diese erhalten sie, wenn sie eine pädagogische Ausbildung abgeschlossen haben oder aber eine Grundqualifizierung für die Tagespflege, die nicht so umfassend und um- fangreich wie die Erzieherausbildung ist, aber die Grundlagen der kindlichen Pädagogik vermittelt. Zudem müssen sie einen Erste-Hilfe-Kurs für Säuglinge und Kleinkinder belegen, ein polizeili- ches Führungszeugnis vorlegen und Sicherheits- und Hygienestandards in den Räumlichkeiten nachweisen. Tagesmütter betreuen die ihnen anvertrauten Kinder entweder in ihrer eigenen Wohnung oder in eigens dafür angemieteten Räumen. Theoretisch kann die Betreuung in der Wohnung des betreuten Kindes erfolgen, das ist aber die Ausnahme. In Sachsen nutzten 900 von insgesamt fast 1.700 Tageseltern im vergangenen Jahr gemietete Räumlichkeiten, 800 von ihnen betreuten die Kinder zu Hause. Männer spielen – ähnlich wie als Erzieher in der Kita – bisher nur eine marginale Rolle. Deutschlandweit sind knapp vier Prozent der Tageseltern männlich, in Sachsen und Brandenburg liegt die Quote mit gut sechs Prozent etwas höher. Kleine Gruppen, feste Bindung Der klare Vorteil, den eine große Krippe bzw. Kita nicht bieten kann, ist die familiennahe und be- darfsorientierte Betreuung. Die Kinder haben mit der Tagesmutter eine feste Bezugsperson statt wechselnder Erzieher. Für viele Familien wird Tagesmütter betreuen in der Regel nur vier bis fünf Kinder und haben so Zeit für die individuellen Bedürf- nisse jedes Kindes. Foto: Designed by Freepik

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