lausebande-2021-06
72 › Titelthema Wir brauchen eine Debatte umQualität, nicht um Beitragsfreiheit von Corona-Erkrankungen betroffen gewesen wie die Erzieherinnen, weil sie einfach nur un- zureichend geschützt wurden. Das ist skandalös. Der zweite Punkt hat uns erstaunt: Wir haben relativ viele Rückmeldungen bekommen, dass trotz der schwierigen Rahmenbedingungen die Pädagogen in den Einrichtungen entspannter waren. Da weniger Kinder in den Einrichtungen waren, konnten sie endlich mal unter einemwün- schenswerten Betreuungsschlüssel arbeiten. Das wurde von vielen Erzieherinnen positiv wahrge- nommen. In dieser Hinsicht war die Pandemie für die Kindertagesbetreuung ein Großexperiment, dass wir im Nachgang gern wissenschaftlich aus- werten würden. Schlussendlich hat es mich ge- ärgert, dass es oft so dargestellt wurde, als könnte den Familien nichts schlimmeres passieren, als eine Zeitlang mit den Kindern gemeinsam zu Hause zu verbringen. Es gab durchaus auch Fa- milien und Kinder, die davon profitiert haben. Für meinen jüngsten Sohn beispielsweise war diese Zeit mit dem geringeren sozialen Gruppendruck ein echter Segen. Wie steht Deutschland bei der frühkindlichen Bildung da? Wo liegen die Stärken, wo die Herausforderungen? Von welchen Ländern könnte Deutschland lernen? Ich bin selbst aus dem Osten und kann sagen, dass wir hier eine gute Versorgung mit Krippen- und Kitaplätzen haben – vor allem im Vergleich zu Westdeutschland. Generell liegt der Fokus in Deutschland entsprechend der Fröbelschen Tradition mehr auf dem Spielen, während bei- spielsweise die französische école maternelle stark verschult ist. Aber es gibt nach wie vor Ost- WestUnterschiede in der Kita-Pädagogik vor Ort, gerade was Mitbestimmung betrifft. Bei uns im Osten scheint mir noch immer die Ansicht stärker verbreitet zu sein, dass die Kinder zum Beispiel beim Essen von allem kosten oder sogar den Teller leer essen sollten. Es ist aber zentral, die Bedürf- nisse der Kinder zu respektieren. Hier sind die skandinavischen Länder oder auch Neuseeland gut aufgestellt. Dort sind die Kitas stärker auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet. Es gibt dort beispielsweise auch ein anderes System der Ent- wicklungsdokumentation, das weniger auf die Defizite der Kinder schaut als das deutsche. Was Kitas jetzt dringender brauchen als Beitrags- freiheit und wie man auch Kinder aus bildungs- benachteiligten Familien erreicht, verrät Prof. Dr. Frauke Hildebrandt im Interview. Die Professorin für frühkindliche Bildungsforschung an der FH Potsdam ist in Ost-Berlin aufgewachsen und lebt heute mit ihrer Familie in Brandenburg. Als vier- fache Mutter hat sie den Alltag in Kitas jahrelang persönlich erlebt. Heute forscht sie zu Themen der frühkindlichen Bildung und berät im Auf- trag des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg zu pädagogischen Themen. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die kognitiv anregende Interaktion in Kinder- tagesstätten. Ein Gespräch über Lehren aus der Pandemie, über fehlende Wertschätzung und Transparenz und über mehr Bildungsgerechtig- keit in Kitas. Hinter uns liegt mehr als ein Jahr Pandemie. Was waren aus Sicht der Forschung die wich- tigsten Erkenntnisse mit Blick auf frühkind- liche Bildung? Da gab es durchaus mehrere spannende Erkennt- nisse. Das erste ist, dass man wieder einmal ge- sehen hat, dass Kita nachrangig behandelt wird, insbesondere im Vergleich zur Schule. Das hat sich beispielsweise an den Tests und Hygienekon- zepten gezeigt. Keine Berufsgruppe ist so stark
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