lausebande-2021-06
Titelthema ‹ 73 Woran können Eltern eine gute Kita er- kennen? An erster Stelle steht ein guter Personalschlüssel, der allein reicht aber nicht. Noch wichtiger ist die Gestaltung des Tages und die Interaktion zwi- schen Erzieher und Kind. Wie werden die Kinder wahrgenommen, dürfen sie mitbestimmen, werden Widerstände respektiert, werden ihre emotionalen und sozialen Bedürfnisse wahrge- nommen? Ebenso wichtig sind kognitive Anre- gungen. Das kindliche Gehirn braucht „Futter“ und das soll nicht schulisch vermittelt, sondern in den Alltag integriert werden. Es ist unheim- lich förderlich und prägend, wenn das in der frühen Kindheit systematisch passiert und nicht nur punktuell. Das hängt aber oft an einzelnen Erzieherinnen. Ein Anhaltspunkt für Eltern ist auch die Gestaltung der Räume. Aber da geht es nicht darum, dass alles frisch gestrichen und perfekt saniert ist. Überhaupt nicht. Es geht um andere Merkmale des Raums, die zeigen, wie gut eine Kita ist: Können die Kinder sich selbständig ihr Spielzeug herausnehmen oder ist so weit oben aufgeräumt, dass nur die Erzieherinnen he- rankommen? Erreichen sie ihre Garderobe und können sich selbständig an- und ausziehen? Oft werden Bilder oder Fotos der Kinder aufgehängt. Sind sie in Höhe der Kinder angebracht, so dass diese sie auch sehen können oder wird das nur für die Eltern gemacht? Als eine große Herausforderung gilt die man- gelnde Bildungsgerechtigkeit. Wie kann es besser gelingen, wirklich jedem Kind die glei- chen Entwicklungschancen zu ermöglichen – unabhängig vom familiären Hintergrund? Hier sind wir wieder beim Betreuungsschlüssel. Es braucht weniger Kinder je Erzieherin, so dass sie kompensatorisch auf jene Kinder wirken kann, die zu Hause nicht die Anreize und die soziale und emotionale Stabilität bekommen, die sie brau- chen. Von professioneller Interaktion profitieren in der Regel ganz besonders jene Kinder, die be- reits zu Hause gute Voraussetzungen haben. Sie erzählen dann in der Kita über den Wochenend- ausflug oder die beobachteten Schmetterlinge. Solche bildungsbürgerlichen Themen greifen die Erzieher gern auf. Damit erreichen sie aber nicht die Kinder aus bildungsbenachteiligten Fami- lien. Aber auch sie müssen gezielt angesprochen werden – mit ihren Themen. Das muss dann zur Not eben das TV-Programm vom Wochenende oder die Lieblings-Comicfigur sein. Schon jetzt gibt es zu wenig ErzieherInnen. Was muss passieren, damit der Beruf attrak- tiver wird? Ein Hauptproblem ist die fehlende Wertschät- zung. Immer wieder wird betont, wie wichtig frühkindliche Bildung ist. Das spiegelt sich leider überhaupt nicht im Renommee dieses Berufs wider. Obwohl der Erzieher-Beruf eine hochan- spruchsvolle Aufgabe ist, fehlt es an einer ange- messenen Bezahlung und an Aufstiegschancen. Das ist sicher auch ein Grund, warum es so wenig Männer gibt, die findet man eher dort im System, wo Karriere möglich ist. Zweitens, müssen die Ar- beitsbedingungen verbessert werden, insbeson- dere der Betreuungsschlüssel. Unter den jetzigen Bedingungen können die meisten Erzieherinnen ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Wäre eine stärkere Akademisierung der rich- tige Weg für eine Aufwertung des Berufs- feldes? Es müssen nicht alle Erzieherinnen an die Uni, aber ein guter Mix wäre durchaus wichtig. Derzeit haben wir einen relativ geringen Anteil von unter zehn Prozent. Meiner Meinung nach braucht es etwa 50 Prozent Hochschulabsolventen mit ver- tieftem Wissen in Entwicklungspsychologie, mehr theoretischem pädagogischen Background und reflektiertem Interaktionswissen. Das Hoch- schulstudium ist sehr attraktiv: Bei uns bewerben sich 5-10 Mal mehr Menschen als wir aufnehmen können. Hier muss sich im System etwas ändern. Wir brauchen mehr Studienplätze und die Be- zahlung darf sich nicht nur nach der Tätigkeit bemessen, sondern auch nach der Ausbildung. Sonst sitzen am Ende die Hochschulabsolventen imBüro und machen als Leitung vor allem Papier- kram, statt mit ihrem Know-how den gesamten Alltag anregend zu gestalten. Bisher gibt es für Kitas keine einheitlichen und verpflichtenden Qualitätsstandards. Wäre das denn ein guter Weg für bessere Kitas? Wir haben bereits einen Haufen Papiere, bei- spielsweise die Bildungspläne der Länder. Ich glaube, es hapert eher an der Umsetzung. Und eben am Personalschlüssel. Ein Blick auf die Schule zeigt zudem, dass mehr Standardisierung nicht automatisch zu mehr Qualität führt. Wenn man sich doch für Standards entscheidet, würde ich die nicht an den kindlichen Kompetenzen festmachen, sondern am pädagogischen Handeln und an den Kompetenzen der Pädagogen.
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