lausebande-09-2020

Titelthema :: Seite 57 Strukturbruch einst, Modellregion heute Insofern ist es etwas überraschend, dass derzeit noch gar nicht richtig wahrgenommen wird, dass die Lausitz gerade mitten im Wandel zur Zukunfts- region steckt. Während viele, die von außen neu in die Region kommen, die Lausitz als eine der spannendsten Regionen Europas wahrnehmen, überwiegt gerade bei der älteren Generation der Einheimischen noch eine gewisse Skepsis. Das lässt sich vielleicht am ehesten mit einem kurzen Blick zurück erklären. Ein Grund dafür liegt in dem Strukturbruch nach 1990, der Politiker und Bürger gleichermaßen überfordert hat. Galt das Lausitzer Braunkohlerevier bis 1989 noch als Superlativ der DDR-Wirtschaft, wurde dieser Industriezweig in Folge der Wiedervereinigung radikal gestutzt. Im Kombinat Schwarze Pumpe waren bis zu 18.000 Menschen beschäftigt. Sie stillten fast den gesamten Energiehunger ihres Landes. Mit knapp 790 Mio. DDR-Mark Gewinn im Jahr vor der Wende gehörte es zu einem der erfolgreichsten DDR- Betriebe. Nach dem Mauerfall wurden Tagebaue im Eiltempo stillgelegt, Brikettfabriken geschlossen, Kraftwerke abgerissen, Kohlekumpel entlassen oder vorzeitig in den Ruhestand geschickt. Die Kohle, die einst für Versorgungssicherheit und Wohlstand gesorgt hatte, verlor an Bedeutung. Für die Lausitz bedeutete das nicht Strukturwan- del, sondern einen Strukturbruch. Aus Vollbe- schäftigung wurde Massenarbeitslosigkeit. Waren 1989 noch knapp 100.000 Menschen im Lausitzer Revier in Kraftwerken und Tagebauen beschäftigt, sind es heute noch etwa 8.000 – kein Zehntel der einstigen Belegschaft. Mit diesem wirtschaftli- chen Aderlass ging ein Aderlass an Menschen einher. Nachdem sie ihre Arbeit verloren hatten, verließen Zehntausende die Region – vor allem junge Menschen und Familien – auf der Suche nach einer wirtschaftlichen Perspektive. Viele von ihnen blieben in Sachsen oder Brandenburg, zogen aber in die Großstädte oder deren Umland. Auch westdeutsche Regionen wie Bayern, Baden-Würt- temberg und Hamburg zogen viele Lausitzer an. Der Publizist Wolfgang Kil schrieb 2001 in einem Aufsatz: „Und niemals zuvor wurde im reichen und allzeit auf „Sozialverträglichkeit“ achtenden Westen ein Strukturwandel dermaßen planlos und ungeschützt dem Selbstlauf überlassen ... direkt über dem Abgrund.“ Er spricht von der „kollapsar- tigen Preisgabe der ostdeutschen Industrien“. Die Regierenden sahen sich nicht in der Lage, diesen Strukturbruch zu begleiten oder gar abzufedern. Erprobt imWandel Vielleicht macht der Gedanke Mut, dass die Menschen in der Lausitz schon seit Jahrhunderten immer wieder vor wirtschaftlichen und politischen Veränderungen standen. Aus Sumpfland machten die Lausitzer eine lebenswerte Heimat. Politisch unterstanden die Ober- und die Niederlausitz seit der frühen Neuzeit unterschiedlichen Herrschaften, gehörten zu Böhmen, dann zu Schlesien, Sachsen und Preußen. Mit der Industrialisierung blühte nicht nur die Kohlewirtschaft auf, auch die Textil- und die Glasindustrie gewannen an Bedeutung, bevor sie später wieder weitgehend verschwanden. All diese Herausforderungen haben die Lausitzer gemeistert – oft ohne Unterstützung der Oberen. Nun aber stehen erstmals die Bundesregierung und sogar die Europäische Union hinter dem Wandel in der Lausitz. Aus den Folgen des völlig planlosen Strukturbruchs nach 1990 haben Bund, Länder und die Lausitz gelernt. Einen zweiten Struktur- bruch soll und wird es nicht geben. Der Ausstiegs- plan ist festgezurrt, Bund und EU flankieren den Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung hin zu einer modernen, nachhaltigen Zukunftsregion mit Investitionen und Infrastruktur. Alles, was Familien brauchen Wollte man mit dem gern genutzten Prädikat „familienfreundlich“ eine ganze Region auszeich- nen, die Lausitz wäre dafür ein guter Kandidat. Von Arbeitsplätzen und Infrastruktur bis hin zu Freizeitangeboten und Bildungsmöglichkeiten haben Familien im grünen Vorgarten der Met- ropolen alles, was sie brauchen. Hier finden sie eine großartige Landschaft, idyllische Dörfer oder lebendige, aber doch überschaubare Städte. Für Familien besonders wichtig: Es gibt ausreichend Kita-Plätze. Wurden vor Jahren noch Kindergärten und Schulen geschlossen, hat sich auch hier das Blatt gewendet. In Cottbus, Weißwasser und Hoyerswerda gibt es Initiativen für neue freie Schulen, die Zahl der Kitaplätze wird aufgrund des steigenden Bedarfs erhöht. An vielen Orten wird saniert oder gleich neu gebaut. In Hoyerswerda hat zum neuen Schuljahr eine Oberschule er »

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