lausebande-09-2020
Titelthema :: Seite 67 Folgerichtig drückt sie wieder die Schulbank, legt in Stuttgart die Meisterprüfung ab, springt danach in’s eiskalte Wasser. „Gleich in meinem ersten Job musste ich sämtliche Küchenmaschinen für eine Hoteleröffnung bestellen, ein Riesenvolumen, das lernst du auf keiner Schule.“ Sie bewirbt sich bald darauf in Salzburgs erster Adresse, dem Hangar 7, wo Red Bull Inhaber Dietrich Mateschitz sein le- gendärsten Restaurant Ikarus betreibt. Und wird angenommen. Geraldine ahnt, was auf sie zu- kommt. Und alle Ahnungen erfüllen sich. Sie muss ganz von vorne anfangen. Unter den extrem stren- gen Chefs schafft sie es in drei Jahren vom Jung- koch zum respektierten Postenchef. 16 Stunden- Tage sind normal, „aber dafür durfte ich neben den monatlich wechselnden Gastköchen aus der ganzen Welt arbeiten.“ Dann erhält sie die Nachricht, dass ihre Mutter die Bäckerei auflöst. „Ich wollte nicht, dass die schö- nen alten Sachen alle wegfliegen.“ Kurzerhand fährt sie nach Senftenberg, erklärt, dass sie den Laden jetzt übernimmt und stürzt sich in die Pro- duktion den Hochzeitstorten. Bald schon spricht sich herum, dass hier köstliche Kunstwerke ent- stehen. Selbst die Böden müssen bei Geraldine vor Geschmack strotzen. Ihr Ehrgeiz ist groß. Es gibt Wochenenden, da fährt sie sieben Bestellungen aus. Eine Kundin hat sie sogar doppelt beliefert, mit ein paar Jahren Abstand. „Die erste Ehe hatte nicht gehalten. Die Erinnerung an meine Torte schon.“ Da war es wieder, dieses einmalige Grinsen der Ge- raldine Lösche. Zwischen Baisers und flammenden Herzen, zwischen Limette-Macarons und Himbeer- Lakritz, zwischen Donauwellen, Zitronentarte und „Heißer Oma“ steht diese äußerlich zarte starke Person vor einem Schild. „Life is uncertain“, ist drauf geschrieben, „eat dessert first“. Sie macht das. Sie dreht die Dinge um, die Gewohnheiten, das Erwartbare. Sie kreiert in Senftenberg am Rande der nicht-bindigen Böden, Gebäcke von weltmeis- terlichen Niveau. Zwei gibt sie uns mit, als wir ge- hen. Liebevoll verpackt wie wertvolle Schmuckstü- cke. Und sie verspricht, sich mal bei Gelegenheit ein paar Läden in Görlitz anzusehen. „Vermutlich gibt es da ja auch Leute mit gutem Geschmack.“ zu verdichten, sagt das Internet und das Internet hat ja meistens recht. Mein wunderbarer Fotograf Paul Glaser, der mich mit seiner Kamera auf vielen Touren begleitet, freut sich über mein Interesse an Rüttel- Informationen auf Wegrandschildern und lauscht gespannt meinem Vortrag. Vielleicht täuscht das mit dem gespannten Lauschen auch, vermutlich sogar, denn eigentlich gilt unser Interesse ja etwas Süßerem als Druck- und Stopfverdichtungen. „Zu Geraldine Lösche müsst ihr fahren“ hatte uns jemand geraten, „sie ist ein wundervoller Mensch und eine unglaublich begnadete Patissière“. Eine Patissière, sagt das Internet – und das Internet, siehe oben, hat ja meistens recht – ist eine Kü- chenkonditorin. Oder Feinbäckerin. Paul meint, Patissière klingt schöner, irgendwie pariseri- scher, also beschließen wir, dabei zu bleiben. Mit einem mindestens 6fachen Espresso begrüßt uns Geraldine. Einem Espresso, der umwerfend gut schmeckt und uns schlagartig über das leicht mis- tige Wetter und den etwas tristen Ausblick aus dem kleinen Café in der Senftenberger Bahnhofstraße hinwegsehen lässt. „Den meisten Omis hier ist der zu stark“ meint Geraldine mit einem betont unschul- digen Lächeln und scheint nur drauf zu warten, was der Koffeinschock mit uns anrichtet. Wir bleiben aufrecht und erfahren, dass Frau Küchenkonditorin eigentlich Schauspielerin hätte werden wollen. Aber weil der Ur-Ur-Opa schon eine Bäckerei in Dresden hatte und alle nachfolgenden Generationen auch im süßen Handwerk tätig waren, muss sich irgendetwas davon in ihrem Genpool eingenistet haben. Mit 16 ist sie der empfundenen Senftenberger Enge entflohen. Hat sich aufgemacht nach Stutt- gart und dort von drei Meistern gelernt, wie man feinste Pralinen fertig. Um dann jeden Montag ausschließlich Pfannkuchen zu machen, jeden Dienstag ausschließlich Spritzgebäck, „eben was die Leute so essen“. Weil ihr das bald zu langwei- lig wurde, ist sie mit 19 Jahren zurück zur Mutter gezogen und hat in deren Backstube angefangen, edle Hochzeitstorten zu kreieren. Die verkauften sich gut, „sowas hatten die Leute hier noch nicht gesehen“. Trotzdem muss sie nochmal raus, dies- mal ist es Australien. „Ich habe jede Arbeit ange- nommen, im Café gearbeitet und im Autohaus. Ich wollte so viel lernen.“ www.lausitzstark.de
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