lausebande-09-2020
Titelthema :: Seite 68 Sie sind Unternehmer, Fa- milienvater und Lausitzer – was macht die Lausitz aus Ihrer Sicht familienfreundlich? Wenn ich auf Hoyerswerda schaue, dann ist das sicher die vorbildliche Infrastruktur an Kitas, Schulen und Freizeitein- richtungen. Das ist für eine Stadt dieser Größe doch überraschend. Auch Lausitz-weit verfügen wir dank der DDR-Historie über eine hervorragende Kinderbe- treuung und Bildungseinrich- tungengen. Die Tatsache, dass die Gemeinden in der Lausitz bis auf Cottbus als quasi-Großstadt alle überschaubar sind, macht die Lausitz ebenfalls familien- freundlich. Für das Wochenende hat die Region mit ihren vielen Freizeiteinrichtungen eine Menge zu bieten. Das ist etwas, dass ich mit meiner eigenen Familie wahrscheinlich viel zu selten ge- nutzt habe. Im Sommer lockt das Seenland. Und auch wirtschaft- lich war die Entwicklung in den vergangenen Jahren sehr gut. Es gibt heute genügend gute Arbeit. Einen Hemmschuh in der wei- teren Entwicklung sehe ich eher im fehlenden Personal. Die Lausitz bekommt Mil- liarden von EU, Bund und Ländern – haben Sie den Ein- druck, dass den Menschen hier überhaupt schon bewusst ist, welche Chancen sich da- raus ergeben? Ich glaube, da ist die Region derzeit noch zweigeteilt. Durch die Erfah- rungen in den 1990er Jahren haben manche Menschen noch Angst, bei ihnen überwiegt die Skepsis. Dabei bieten sich der Lausitz jetzt durchaus Chancen. Was muss passieren, damit Familien merken, welche Pers- pektiven es in der Region gibt? Ich sehe es als wichtige Auf- gabe der Politik und der Me- dien, aber auch der Unter- nehmer, diese Chancen noch deutlicher zu kommunizieren, damit hier eine Aufbruch- stimmung entsteht. Wichtig ist auch, die Bürger über pas- sende Beteiligungsformate in dem Prozess mitzunehmen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Ideen umzusetzen. Die Kommunalpolitik ist ebenfalls in der Pflicht. Wer sich jetzt am lautesten meldet und die besten Ideen hat, der bekommt das größte Stück vom Kuchen ab. Da sind nach meinem Ein- druck beispielsweise Sprem- berg und Weißwasser besser aufgestellt als Hoyerswerda. Man hat manchmal den Ein- druck, dass die Lausitz sich kleiner macht, als sie eigent- lich ist. Warum sind die Men- schen hier oft so bescheiden? Ich würde vielleicht nicht von Bescheidenheit sprechen, sondern von Skepsis und Zu- rückhaltung. Das liegt sicher darin begründet, dass bis vor wenigen Wochen – auch durch die Corona-Krise – überhaupt noch nicht klar war, ob die zu- gesagten Strukturhilfen tatsäch- lich beschlossen werden. Hinzu kommen negative Erfahrungen in der Vergangenheit. Schon einmal wurde der Region Ho- yerswerda mit dem Karl-May- Land etwas versprochen, was dann nie umgesetzt wurde. Wie nehmen Sie die aktuelle De- batte um die Strukturentwick- lung wahr? Es muss gelingen, auch große Unternehmen für die Lausitz zu begeistern und hier wirklich Geld in die Hand zu nehmen. Forschungsinstitute und Behörden sind gut für die Region, werden aber nicht aus- reichen. Als Unternehmer bin ich etwas ernüchtert, dass es für die Wirtschaft de facto keine Strukturwandel-Mittel gibt. Das Geld geht in erster Linie an Kom- munen und kommunale Betriebe. Warum die Lausitz eine gute Heimat für Familien ist und welche Chancen der Strukturwandel ihnen bietet, darüber haben wir mit Frank Seifert gespro- chen. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter des Hoyerswerdaer Unterneh- mens AVI GmbH und Vorstand des Marketingvereins Familienregion Hoy e.V. Im Interview spricht er über Fehler nach 1990 und künftige Visionen. 2030 ist die Lausitz gefragte Modellregion für Europa
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