lausebande-09-2021

66 › Titelthema „Es geht ja nicht nur um die Augen“ Nahbereich mit Kurzsichtigkeit. Das ist eine alte Weisheit, die statistisch mehrfach bewiesen wurde: Wer viel liest oder auch viel am Bild- schirm arbeitet, hat ein höheres Risiko für Kurz- sichtigkeit. Im Mittel führt ein Jahr Ausbildung zu 0,3 Dioptrien mehr an Kurzsichtigkeit. Aber deswegen würde ich nie davon abraten, weniger Bücher zu lesen. Ganz im Gegenteil: Die meisten Menschen lesen viel zu wenig Bücher. Es geht ja nicht nur um die Augen, sondern vor allem auch um Bildung. Da aber neben dem Leseabstand auch die Lichtmenge eine Rolle spielt, ist es sinn- voll, beim Lesen auf einen gewissen Mindestab- stand und auf eine gute Beleuchtung zu achten. Dagegen wurde bisher kein Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und häufiger Nut- zung digitaler Medien wie Smartphones fest- gestellt. Gibt es dazu mittlerweile neue Er- kenntnisse? Es gibt keine Studie, die einen direkten Zusam- menhang zwischen digitaler Mediennutzung und Kurzsichtigkeit belegt. Das heißt aber nicht, dass es keinen Zusammenhang gibt. Denn es wäre sehr schwierig bis unmöglich, diese Frage im Rahmen einer sorgfältigen Studie zu beantworten. Aber indirekt kann man schon darauf schließen, dass Kinder kurzsichtiger werden, wenn sie immer mehr zu Hause und vor dem Bildschirm sitzen, anstatt draußen zu spielen. Allerdings gehört das Smartphone auch erst seit wenigen Jahren zur Standardausstattung von Kindern und Ju- gendlichen. Insofern könnte man wahrschein- lich erst in den nächsten Jahren überhaupt einen solchen Smartphone-Effekt nachweisen. In der Beurteilung der Risiken des Medienkonsums, also Whatsapp, Minecraft, Roblox und Co. hätte ich auch weniger die Augen im Fokus, als vielmehr die sozialen und intellektuellen Kompetenzen unserer Kinder. Gerade das letzte Jahr mit Corona und den daraus folgenden Maßnahmen war für die junge Generation ein Desaster, ein von der Politik viel zu wenig beachtetes Problem. Gibt es typische Signale, an denen Eltern eine mögliche Fehlsichtigkeit erkennen können? Typisch ist, dass eine Kurzsichtigkeit erst spät er- kannt wird, weil Kinder sich an den schlechten Seheindruck in der Ferne gewöhnen. Meist wird es dann erst in der Schule bemerkt, wenn das klein Geschriebene an der Tafel nicht mehr er- Smartphones und andere Bildschirmmedien haben nach aktueller Studienlage keinen ein- deutig bewiesenen, negativen Einfluss auf die Augen. Warum sie in Kinderhänden dennoch zu- rückhaltend genutzt werden sollten und warum er einem Buch den Vorzug geben würde, darüber haben wir mit dem Augenarzt Prof. Dr. Wolf Ale- xander Lagrèze gesprochen. Er ist Spezialist für Neuroophthalmologie und Kinderaugenheil- kunde am Universitätsklinikum Freiburg. Es heißt oft, dass die Kurzsichtigkeit bei Kin- dern zunimmt – können Sie diesen gefühlten Trend bestätigen? Darüber liest und hört man viel. Weltweit ge- sehen kann man die Frage eindeutig mit ja be- antworten, in Deutschland aber aktuell mit nein: In den letzten zehn Jahren hat die Kurzsichtigkeit bei Kindern in Deutschland nicht zugenommen. Auch in meinem Klinikalltag kann ich einen solchen Trend nicht beobachten. Über längere Zeiträume betrachtet hat allerdings die Rate in der Gesamtbevölkerung in Europa schon zuge- nommen, wenn auch nicht so stark wie in Asien . Jüngere Studien belegen, dass häufiges Bü- cherlesen Kurzsichtigkeit bedingen kann. Würden Sie im Umkehrschluss empfehlen, weniger Bücher zu lesen? Tatsächlich korreliert die Lese- oder Sehzeit im

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