lausebande-09-2021
Titelthema ‹ 67 kannt wird. Ein Hinweis ist, wenn Kinder blin- zeln und die Augen zusammenkneifen, um in der Ferne schärfer zu sehen. Ein weiterer Tipp wäre, mit den Kindern einfach mal das Sehen in der Ferne zu testen, also zu fragen: Erkennst du da hinten auf dem Schild das, was ich gerade selber noch entziffern kann? Am besten mit beiden Augen getrennt. Bei Kindern bis zum Schuleintritt erfolgt ein Sehtest regelmäßig bei den U-Untersu- chungen beim Kinderarzt. Ist das aus Ihrer Sicht ausreichend? Das Thema wird in der Fachwelt immer wieder diskutiert. Es ist ein Abwägen zwischen gesund- heitsökonomischen Fragen, also einer Kosten- Nutzenbewertung und der Einzelfallbetrachtung. Innerhalb Europas wird das Thema sehr unter- schiedlich gehandhabt. In Deutschland gibt es ein Sehscreening beim Kinderarzt und die Schulein- gangsuntersuchung. Das ist gar nicht so schlecht. Es ist aber nur ein Screening und keine Diag- nostik und damit fehleranfällig. Wir sehen immer mal wieder Kinder, deren Sehfehler beim Scree- ning übersehen werden. Umgekehrt sind Kinder bei Screening auffällig, haben dann aber doch ge- sunde Augen. Was ich mir wünschen würde, wäre ein Sehschärfetest durch geschultes Personal für alle Kinder im Alter von vier Jahren, kombiniert mit einer Qualitätskontrolle und Eingabe der Daten in ein nationales Register. Optional kann man im Alter von zwei Jahren eine Untersuchung mit einem sogenannten Videorefraktometer durchführen. Der Nutzen ist aber gesundheits- ökonomisch noch nicht belegt. All diese Maß- nahmen im Vorschulalter zielen aber auch nicht auf die Kurzsichtigkeit, sondern auf die Ambly- opie. Dies ist ein Entwicklungsdefizit des Sehens in den ersten Lebensjahren. Hierbei sind die Hauptrisikofaktoren Weitsichtigkeit, teils unter- schiedlichen Ausmaßes an beiden Augen und Hornhautverkrümmung, also Astigmatismus. Inwieweit kann sich eine Fehlsichtigkeit bei Kindern noch auswachsen? Kurzsichtigkeit wächst sich nie aus. Eine geringe Weitsichtigkeit bis zu drei Dioptrien kann sich bis zum Grundschulalter auswachsen und geht dann vielleicht sogar in eine Kurzsichtigkeit über. Ist ein Kind dagegen schon im Vorschulalter mit mindestens vier Dioptrien weitsichtig, bleibt diese Weitsichtigkeit in der Regel bestehen. Lässt sich schon imKindesalter etwas dafür tun, dass dieAugenmöglichst lange gesund bleiben? Ein augenärztliches Ziel ist, dass ein Mensch im jungen Erwachsenenalter nicht mehr als sechs oder gar mehr Dioptrien kurzsichtig ist. Denn bei solch hohen Werten steigt das Risiko für spätere Augenerkrankungen wie Makuladegeneration oder Netzhautablösung. Mit einfachen Mitteln wie viel Licht und nicht zu viel Nahsicht lässt sich das Risiko für Kurzsichtigkeit im Kinderalter etwas mindern und ihr Voranschreiten verlangsamen. Augenärzte können das durch hochverdünnte At- ropinaugentropfen unterstützen oder auch durch spezielle Brillen und Kontaktlinsen. In Deutsch- land startet bald eine Studie, in welcher der Nutzen solcher Augentropfen überprüft wird (www.aim- studie.de ). Kinder erhalten bei Sehbeeinträchtigungen meist eine Brille. Wann können Kontakt- linsen eine Alternative sein ? Der Wunsch nach Kontaktlinsen kommt frü- hestens gegen Ende der Grundschulzeit auf, oft aus kosmetischen Gründen, ist allgemein aber selten. Wenn Eltern und Kind das wirklich wollen, spricht aus augenärztlicher Sicht nichts dagegen. Aber Kontaktlinsen machen mehr Mühe in der Handhabung und Pflege als eine Brille. Der Sommer hat gerade begonnen. Inwiefern brauchen auch Augen Sonnenschutz? Nein – nicht aus augenärztlicher Sicht. Die Horn- haut und die Augenlinse filtern das UV-Licht, so dass die Netzhaut keinen Schaden nehmen kann. Daher sind Sonnenbrillen mit UV-Schutz in unseren Breitengraden und Höhenlagen nicht notwendig. Wenn Sie jedoch eine zweitägige Glet- scherwanderung auf 3.000Metern Höhe machen, ist ein UV-Schutz sinnvoll, nicht aber im Alltag. Nicht alle Kinder tragen ihre Brille gern. Haben Sie zumSchluss noch Tipps für Brillen-Muffel? Den habe ich nicht, aber ich sage es mal so: Wer kurzsichtig oder auch weitsichtig ist und die Brille nicht trägt, nimmt keinen akuten Schaden. Ist die Fehlsichtigkeit stark ausgeprägt, wird das Kind die Brille ohnehin freiwillig tragen. Etwas anderes ist, wenn ein dreijähriges Kind mit Amblyopie seine Brille nicht trägt, dann lässt sich das später nicht mehr so gut korrigieren und das Kind behält ein De- fizit. Es macht auch keinen Sinn, wenn Kurzsichtige ihre Brille bewusst nicht tragen, in der Annahme, dass dann die Kurzsichtigkeit besser werde.
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