Seite 29 - lausebande-10-2012

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Titelthema :: Seite 29
Dr. Fischer ist Kinder- und Jugendarzt sowie Kinder und Jugendpsychotherapeut.
Er arbeitet im BVKL Ausschuss für Psychosomatik und Psychotherapie.
Mit Liebe kann man
die besten Grenzen setzen.
Interview mit Dr. med. Martin Fischer
Herr Fischer, warum sind
Grenzen für Kinder über-
haupt wichtig?
Sie sind
insofern wichtig, als dass sie zum
Schutz von Kindern und Jugendli-
chen dienen. Außerdem signalisie-
ren Grenzen den Kindern, dass die
Eltern sich um sie kümmern und
sorgen. In der Grenzsetzung erfah-
ren sie die Wertschätzung und Lie-
be ihrer Eltern.
Warum fällt es Eltern heutzutage
immer schwerer, Grenzen zu set-
zen?
Man kann sagen, dass das
Hauptproblem von Eltern ist, dass
sie nicht wissen, wo die richtigen
Grenzen sind. Sie kennen die Krite-
rien nicht, an denen Grenzen gezo-
gen werden sollten. Dazu kommt,
dass es anstrengend ist, Grenzen zu
setzen. Erziehung ist wirklich harte
Arbeit. Manche sind schlicht zu be-
quem, umGrenzen zu setzen. Min-
destens genauso häufig ist der Fall,
dass Eltern sich einfach nicht trau-
en. Sie haben Angst, als autoritär
dazustehen oder davor, von ih-
ren Kindern kritisiert zu werden.
Es spielt auch eine große Rolle,
dass Eltern sich schämen würden,
durch Szenen, die ihre Kinder ih-
nen in der Öffentlichkeit machen
würden. Angst und Unsicherheit
spielen eine große Rolle.
Woher weiß man, wann man Gren-
zen setzen sollte?
Eltern kennen
ihre Kinder am besten: Die Frage
nach den Grenzen sollte im Inter-
esse des Kindes beantwortet wer-
den. Hier geht es nicht in erster Li-
nie um die Bedürfnisse von Eltern
und anderen Erwachsenen. Aus
meiner Sicht ist das tauglichste Kri-
terium die Liebe zum Kind. Man er-
laubt all das, was dem Kind nicht
schadet und verbietet all die Sa-
chen, die sich nachteilig auf das
Kind auswirken könnten. Das muss
man darüber hinaus auch von der
Situation abhängig machen. Ein
Beispiel dafür sind Hausaufgaben.
Wenn das Kind die nicht machen
möchte, kommt es auf den Wo-
chentag an. Sollen die Aufgaben
zum nächsten Tag erledigt werden
oder erst zur nächstenWoche? Die-
se Situation bestimmt mit, wie Sie
Ihre Grenzen setzen, wie viel Frei-
heit Sie geben können.
Es gibt verschiedene Erziehungssti-
le. Ist es im Zweifel besser autoritär
zu erziehen oder doch auf Grenzen
zu verzichten?
Das ist sehr unter-
schiedlich und hängt davon ab,
wie intensiv die Grenzen gestaltet
wurden und wie das Kind darauf
reagieren kann. Es gibt Kinder, die
schon sehr früh einen starken Ent-
deckungsdrang entwickeln. So zie-
hen sie in die Welt und gefährden
sich damit viel mehr, als Kinder,
die weniger neugierig und offen
sind. Diese Kinder brauchen si-
cher eine klarere Führung als die-
jenigen, die aufmerksam die Signa-
le ihrer Eltern registrieren und fast
von selbst das machen, was die El-
tern wollen. Ich erkläre das Eltern
gerne an einem Beispiel: Manche
Kinder haben eine Servolenkung,
andere eben nicht. Deshalb kann
man das nicht pauschal beantwor-
ten. Es kommt darauf an, wie das
jeweilige Kind auf Grenzsetzungen
reagiert.
Was muss man bei den einzelnen
Altersgruppen beachten?
Es gibt ei-
niges zu beachten, da nicht jedes
Alter das Gleiche erfordert. Man
sollte den Schutz eines Kindes so
gestalten, dass da begrenzt wird,
wo es überfordert wäre. Da Kinder
sich im Laufe der Zeit immer wei-
tere Kompetenzen aneignen, wird
die Grenzziehung im Verlauf im-
mer weniger notwendig sein. In
höherem Alter kann man seinem
Kind immer mehr Selbstständig-
keiten und Freiheiten zutrauen.
Kinder, die gerade frisch die Welt
entdecken, sind natürlich ammeis-
ten gefährdet, sich dabei zu verlet-
zen. Das bedeutet, dass die Grenz-
setzung in dieser Lebensphase am
straffsten sein sollte. Sie müssen
am meisten geschützt werden. Ein
Kind, das Erfahrungen gesammelt
hat und Gefahrenquellen kennt,
bedarf nicht mehr eines so großen
Schutzes. [...]
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