lausebande-12-2021

64 › Titelthema Sprache ändert sich – schon immer Eines der häufigsten Argumente, das jene hervor- bringen, die Gendern für Unfug halten lautet: Das grammatische Geschlecht (Genus) meint nicht das biologische Geschlecht (Sexus). Will heißen: Mieter können sowohl männliche als auch weib- liche Personen bezeichnen – insbesondere in der Mehrzahl seien immer auch Frauen mitgemeint. Zudem könne eine Koryphäe ja ebenso ein Mann sein, obwohl es die Koryphäe heißt. Ebenso könne die Katze einen Kater meinen. Und das – und hier nun das zweite Standard-Argument – sei schon immer so gewesen. Genau das stimmt so aber nicht. Zwar gibt es im Deutschen drei grammatische Geschlechter, neben maskulin und feminin noch das Neutrum (der, die, das bzw. er, sie, es). Tatsächlich verneint der Duden erst ab den 1970ern einen Zusam- menhang zwischen grammatischem und bio- logischem Geschlecht. Bis dahin waren Lehrer explizit männliche Lehrpersonen und Ärztinnen explizit Frauen. Das – so die Vermutung der Sprachwissenschaftlerin Carolin Müller-Spitzer – war den damaligen historischen Gegebenheiten geschuldet. In der Öffentlichkeit waren über Jahrhunderte Männer sehr viel präsenter, Frauen spielten kaum eine Rolle. Daher war es legitim, nur von Politikern und Ärzten zu reden. Erst der gesellschaftliche Wandel, nämlich dass immer öfter Frauen öffentlich wahrnehmbar wurden, hat den Duden dazu veranlasst festzulegen, dass nun auch sie mitgemeint sind, wenn man in der Mehr- zahl spricht. Was heißt das? Sprache wandelt sich. Und das schon immer. Wer mag sich vorstellen, dass wir heute noch so schreiben und sprechen wie Goethe und Schiller vor gut 200 Jahren? Die Pandemie hat uns so viele Wortneuschöpfungen (Boos- tern, Lockdown, Impfneid) gebracht wie wohl nie zuvor in so kurzer Zeit. Das ist per se nichts schlechtes. Es zeigt aber vor allem eines – und das könnte eigentlich zu etwas mehr Gelassenheit in der Gender-Debatte führen: Sprache ändert sich nicht, weil es von oben so auferlegt wird. Droht uns eine Sprachdiktatur? Die Menschen reden, wie sie es wollen und lassen sich nichts vorschreiben. Im Umkehrschluss heißt das: Niemand muss Angst davor haben, zum „Gender-Sprech“ gezwungen zu werden. Wenn aber immer mehr Menschen das von sich aus frei- willig tun, dann wird es sich mit der Zeit durch- setzen. Dann wird eine Gewöhnung einsetzen und wir werden die Genderpause in Bürger:innen viel- leicht ganz automatischmitsprechen. Als der Duden in seiner Online-Ausgabe viele Nomen um die weibliche Bezeichnung ergänzte, wurde ebenfalls wieder das Argument der Sprach- diktatur von ober hervorgeholt. Gerade beim Duden ist es umgekehrt. Die Redaktion nimmt neue Wörter oder auch Grammatikregeln immer erst dann auf, wenn sie in der gesprochenen und geschriebenen Praxis immer häufiger vor- kommen. Ebenso verschwinden solche Wörter, die ohnehin kaum Jemand noch nutzt. Hier ein paar Beispiele: Erstmals neu aufgenommen wurden im Jahr 2020: Geisterspiel, Genderstern- chen, Klimakrise, Wiesn. Gestrichen wurden: Bä- ckerjunge, Lehrmädchen, Niethose, Lehrpfennig. Die Regel, dass auf das Wort „wegen“ immer der Genitiv folgt, hat der Duden mittlerweile aufge- weicht. Da die meisten Menschen sich nämlich nicht daran halten, und „wegen dir“ oder „wegen demWetter“ statt „deinetwegen“ oder „wegen des Wetters“ sagen, wird umgangssprachlich auch der Dativ toleriert. Die Auswahl, welche Wörter gestrichen oder neu aufgenommen werden, erfolgt nicht willkürlich oder nach persönlichen Vorlieben der Duden-Re- daktion. Stattdessen wird vor jeder Neuauflage eine riesige Datenmenge aus unzähligen Texten analysiert und dann geschaut, welche Wörter wann das erste Mal genutzt wurden und wie häufig sie verwendet werden. Ist gendergerechte Sprache feministische Sprachdiktatur von oben oder natürlicher Sprachwandel von unten?

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