lausebande-12-2021
Titelthema ‹ 65 1973: Der Duden führt das generische Mas- kulin ein, das gilt, wenn das männliche und weibliche Geschlecht gleichermaßen gemeint sind. Das Wort „Leser“ soll also offiziell männ- liche Leser und weibliche Leserinnen um- fassen. Frauenbewegungen war das ein Dorn im Auge – sie verwendeten fortan den Schräg- strich, um Frauen in der Sprache sichtbar zu machen: Leser/innen. 1981: Erstmalige Verwendung des Binnen-I. Der Autor Christoph Busch veröffentlicht ein Buch über freie Radios und verwendet darin als erste Person das Binnen-I: Statt Hörer/-innen bzw. Hörer/Innen schrieb er HörerInnen. Die freien Radios der Schweiz übernahmen diese Schreib- und Lesart zuerst, dann folgte die Schweizer Wochenzeitung WOZ und schließ- lich die deutsche Tageszeitung taz, deren Mar- kenzeichen es wurde. 1990er-Jahre : Früheste Nutzung des Stern- chens als Bestandteil eines Wortes. Der Stern* wird auf Computersystemen als Platzhalter für eine beliebige Zeichenkette verwendet – ähn- lich wie bei einer Fußnote. Englischsprachige LGBT-Communities begannen, Bezeichnungen wie transsexuell, Transmann oder Transfrau mit trans* zusammenzufassen. Nach und nach verbreitete sich das Gendersternchen, sodass heute die Form Leser*innen die wohl am häu- figsten verwendete, nicht-amtliche Form der genderneutralen Sprache ist. 1992: Das Hand- und Arbeitsbuch „sprach- gewaltige Frauen“ schlägt u.a. vor, Wörter mit „Er“ im Wortstamm abzuwandeln: Aus „Erfah- rung“ soll „Siefahrung“ werden, aus „Erach- tens“ „Sieachtens“ und so weiter. 2001: Sprachliche Gleichstellung wird „amt- lich“. Das Gleichstellungsgesetz wird in Deutschland auf den Weg gebracht. Zur Sprache heißt es da: „Rechts- und Verwal- tungsvorschriften des Bundes sollen die Gleichstellung von Frauen und Männern auch sprachlich zum Ausdruck bringen. Dies gilt auch für den dienstlichen Schriftverkehr.“ Doppelnennungen wie Beamtinnen und Beamte sowie neutralisierende Formen wie Angestellte halten Einzug in amtliche Doku- mente und Pressemitteilungen. 2003: Erste Erwähnung der Gender-Gap durch den Autor Steffen Kitty Herrmann. In seinem Artikel „Performing the gap“ rief er den Unter- strich_ zwischen männlichen und weiblichen Endungen von Nomen ins Leben: Leser_in. Mit diesem Platz sollen alle einbezogen werden, die sich nicht als vermeintliche Männer oder Frauen definieren. 2010er-Jahre: Als Alternative für das Gen- dersternchen oder die Gender-Gap wird der Doppelpunkt immer beliebter: Leser:in. Diese Schreibweise wird von Screen-Readern für Seh- eingeschränkte oder Blinde als kurze Pause ge- lesen und gilt damit als inklusiver. In der Folge verbreitete sich der Genderdoppelpunkt vor allem bei Behörden und Institutionen. 2021: Der Duden schafft das generische Mas- kulinum bei Personenbeschreibungen ab: Ab sofort meint „der Leser“ nur noch männliche Leser. Spricht man Frauen und Männer an, muss man Leserinnen und Leser bzw. Leser und Leserinnen schreiben – wie es schon vor 20 Jahren mit dem deutschen Gleichstellungs- gesetz angestoßen wurde. Gleichzeitig halten Neubildungen wie „Gästin“ oder „Bösewichtin“ Einzug in den Duden. Sprachgender im Laufe der Zeit
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