lausebande-12-2021
Titelthema ‹ 67 Die Sprache führt nicht zu mehr Gleichberechtigung Warum sollten wir überhaupt beim Sprechen und Schreiben gendern oder auch nicht? Ein Argu- ment, das sowohl von der pro- als auch der con- tra-Seite gern zitiert wird, ist die Gleichstellung der Frau. Die eine Seite sagt: Viel wichtiger als gendergerechte Sprache sei die reale Gleichstel- lung von Frauen, also bessere Bezahlung, gleiche Jobchancen, vielleicht sogar eine Frauenquote. Was bringe es Frauen beim Sprechen explizit mit zu nennen, wenn sich doch in der Realität oh- nehin nichts an der Benachteiligung von Frauen ändere? Wie weit der Weg zur Gleichstellung von Mann und Frau in der Realität noch ist, haben wir in der Februarausgabe 2021 der „lausebande“ auf- gezeigt und empfehlen dieses Spezial an dieser Stelle gern zum Nachlesen (siehe lausebande.de ). Die Gegenseite wiederum argumentiert: Gen- dergerechte Sprache ist ein Mosaikstein in der Debatte um Gleichstellung. Erst wenn wir Frauen explizit mit nennen und nicht nur mit meinen, werden sie in Artikeln, Reden, Fernsehsendungen sicht- und hörbar. Und genau diese veränderte Wahrnehmung kann langfristig auch die Wirk- lichkeit verändern. Dass das tatsächlich so ist, darauf deuten Studien hin. So wurden in einer Untersuchung der FU Berlin knapp 600 Grund- schulkindern Berufe vorgelesen. Anschließend sollten die Kinder einen Fragebogen beantworten, z.B. wie viel sie in dem Beruf verdienen können, ob er schwer zu erlernen oder auszuführen ist und ob sie selbst ihn sich zutrauen. Wurde sowohl die männliche als auch die weibliche Berufsbezeich- nung genannt, dann interessierten sich mehr Mädchen für jene Berufe, die typischerweise eher von Jungs gewählt werden und trauten sich diese eher zu. Wurde nur die männliche Variante vorge- lesen, fehlte dieser Effekt. Spannend ist ein weiterer Befund der Wissen- schaft. Demnach hat Sprachstruktur sehr wohl Einfluss auf die reale Gleichstellung der Ge- schlechter. Mehrere Studien haben jene Länder miteinander verglichen, in denen die Grammatik zwischen den Geschlechtern unterscheidet, mit jenen, wo das nicht passiert. In diesen Ländern sind die Frauen geringer am Erwerbsleben be- teiligt, ebenso politisch weniger stark vertreten und selbst in der Schule werden Mädchen von Jungs abgehängt. Zudem sind Menschen, die eine Sprache mit grammatischem Geschlecht sprechen, tendenziell eher traditionellen Ge- schlechterzuschreibungen verhaftet. Sie stimmen beispielsweise eher Aussagen zu wie „Insgesamt sind Männer bessere Führungskräfte in der Wirt- schaft als Frauen“. Um auszuschließen, dass diese Unterschiede tatsächlich in der Sprache begründet liegen, wurden auch solche Länder untersucht, in denen mehrere Sprachen mit un- terschiedlichen Strukturen gesprochen werden (z.B. Indien, Kenia, Nigeria). Auch dort wurden diese Unterschiede zwischen den Bevölkerungs- gruppen festgestellt. Sprache hat also durchaus Einfluss auf unser Denken und Handeln. Wer legt fest, wie wir schreiben? Doch wer entscheidet eigentlich darüber, wie wir sprechen und schreiben? Während im privaten Bereich jeder und jede frei von Vorgaben sprechen und schreiben kann (denn wir leben eben nicht in einer Sprachdiktatur), gibt es für Institutionen wie Schulen und Verwaltungen offizielle Normen für die deutsche Rechtschreibung, auch etliche Verlage und Medien orientieren sich daran. Diese Vorgaben stehen im Amtlichen Regelwerk. Das ist – entgegen der weitverbreiteten Meinung – nicht der Duden. Der ist noch immer das meist verkaufte Rechtschreibwörterbuch und war bis 1996 offiziell verbindlich in orthografischen Zwei- felsfällen. Seit der Rechtschreibreform gibt der Rat für deutsche Rechtschreibung das Amtliche Regelwerk heraus. Es umfasst einen Regelteil und einWörterverzeichnis mit etwa 12.000 Einträgen. Es ist online kostenfrei abrufbar und im Buch- handel in der Auflage von 2006 erhältlich. Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist damit die wichtigste Instanz für die Regeln der deutschen Orthografie. Daher hat seine offizielle Empfeh- Genderstilblüten :-) Nicht immer glückt das Gendern. Hier eine kleine Auswahl an Wörtern, die wir so in offiziellen Beiträgen gefunden haben: Gästin Mitgliederinnen Transferscoutin Bäuer*in Schuftin
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