lausebande-12-2021
72 › Titelthema unter den Forschenden sowohl solche, die das Gendern befürworten und solche, die es ablehnen. Intensiv damit beschäftigt sich Prof. Dr. Carolin Müller-Spitzer. Sie leitet das am Institut beheima- tete Forschungsprojekt Empirische Genderlingu- istik. Im Interview mit der „lausebande“ wünscht sich Spitzer mehr Gelassenheit in der Debatte: „Es geht nicht darum, alles in schnellem Tempo mit- zumachen. Vielmehr sollte man diejenigen, die neue Sprachformen ausprobieren möchten, ent- spannt experimentieren lassen und schauen, wo es uns hinführt. Die sprachliche Welt geht davon ganz bestimmt nicht unter, imGegenteil: vielleicht werden uns so neue Horizonte eröffnet.“ Die Deutsche Akademie für Sprache und Dich- tung ist eine Vereinigung von knapp 200 Men- schen, die sich für Sprache und Dichtung inte- ressieren. Zuletzt hat sich der Verein 2019 zum Thema positioniert: Demnach „bietet die deut- sche Sprache, so wie sie sich im Lauf der Jahr- hunderte entwickelt hat, ein schier unerschöpf- liches Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten. Alle Sprecher, Sprecher und Sprecherinnen, SprecherInnen, Sprecher!innen, Sprecher_innen, Sprecher*innen, Sprecher/innen, Sprecherïnnen, Sprechex und Sprechys sind aufgefordert, von diesem Reichtum guten Gebrauch zu machen. Dazu kann man Ratschläge geben; pauschale Vor- gaben oder gar Vorschriften sollte sich niemand anmaßen.“ Ausgenommen von dieser sprach- lichen Freiheit seien offizielle Kontexte wie der Deutschunterricht an der Schule oder Behörden. Hier müsse sowohl auf die im Grundgesetz garan- tierte Gleichberechtigung als auch auf Verständ- lichkeit geachtet werden. Auf ihrer Homepage nutzt die Akademie die grammatische männliche Formmit dem Verweis, dass damit ebenso Frauen gemeint seien. Die Duden-Redaktion hat seit 1996 keine offizi- elle Funktion mehr, gibt aber bis heute das meist genutzte Wörterbuch der deutschen Sprache he- raus. Für Aufsehen sorgte die Anfang des Jahres vorgenommene Neuerung, wonach bei männli- chen Nomen wie Arzt oder Bäcker nun auch die weibliche Form einen extra Eintrag erhält. Zusätz- lich wurden neue gewöhnungsbedürftige Kreati- onen wie Gästin oder Schuftin aufgenommen. In einem Presseinterview kurz nach der Veröffent- lichung sagte die Chefredakteurin des Dudens, Kathrin Kunkel-Razum: „Wir plädieren für einen Mix, also für das Ausschöpfen aller sprachlichen Möglichkeiten, die es gibt. Wenn aber ein Zeichen verwendet werden soll – und dafür gibt es gute Gründe –, dann sehen wir aktuell, dass der Stern am häufigsten verwendet wird, und dann würden wir auch dazu raten, diesen zu benutzen. Aber, wie gesagt, es gibt ganz viele Möglichkeiten, ge- schlechtergerecht zu formulieren.“ Im Sommer 2020 war bereits die aktuelle Auflage der ge- druckten Version erschienen – dort noch ohne weibliche Einträge, dafür aber mit einem dreisei- tigen Überblick über die Möglichkeiten, die das Deutsche für das Gendern bereithält. Die Gesellschaft für deutsche Sprache ist ein gemeinnütziger Verein, der nach eigenem Be- kunden das Bewusstsein und das Interesse für die deutsche Sprache fördern will. Zu den wich- tigsten Aufgaben gehören die Sprachberatung und die Vornamenberatung. Vielen dürfte die einmal jährlich vom Verein veröffentlichte Liste der beliebtesten Vornamen bekannt sein. Die Ge- sellschaft unterstützt die Bemühungen um eine sprachliche Gleichbehandlung, gleichwohl emp- fiehlt sie nicht alle derzeit gängigen Methoden, nämlich dann nicht, wenn sie die Lesbarkeit und Verständlichkeit von Texten einschränken und nach heute gültigen Regeln grammatikalisch und orthografisch nicht vertretbar sind. Dazu zählt beispielsweise das Gender-Sternchen. Der Verein Deutsche Sprache tritt für die Ret- tung der deutschen Sprache ein und vereint eher Der Duden gilt vielen als Referenz für die korrekte Rechtschreibung und Grammatik, er nimmt immer mehr gendergerechte Einträge auf.
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