Schulportrait 3: „Es geht immer um die individuelle Förderung“

Datum: Donnerstag, 19. September 2013 10:48

„Es geht immer um die individuelle Förderung"

DaVinciInterview mit Dr. Irene Petrovic-Wettstädt, Geschäftsführende Gesellschafterin der Da-Vinci-Campus Nauen gGmbH

Gibt es Ihres Erachtens für Eltern erkennbare Merkmale für eine gute Schule?
Ja. Eine individuelle Betreuung, eine freundliche Grundatmosphäre, ein schüler- bzw. kinderzugewandtes Arbeiten und ein Eingehen auf individuelle Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen. Das erkennt man an der Vielfalt der Angebote. Die Grundatmosphäre erkennt man schon an einfachen Dingen: Wird einander gegrüßt, schaut man sich an, erleben Eltern beim Betreten des Schulhofs ein Miteinander oder fühlen sie sich eher ausgegrenzt. Bei der individuellen Betreuung kann man nachfragen, mit welchen Methoden der Lehrer der Individualität des Kindes gerecht wird. Das können differenzierende Maßnahmen wie Wochenplanarbeit, unterschiedliche Aufgabeformate und Methoden sowie soziale Angebote sein.

Haben Sie damit schon beantwortet, was das Besondere am Privatschulcampus Nauen ist?
Eigentlich nicht. Gute Schule ist ja nicht nur auf unseren Campus bezogen. Die Merkmale gelten für alle guten Schulen in freier oder öffentlicher Trägerschaft. Das Besondere auf unserem Campus ist die Verbindung sechs unterschiedlicher Institutionen, die Kindern im Alter von wenigen Monaten bis zum Abitur einen durchgängigen Bildungsweg ermöglichen. Dabei arbeiten alle Institutionen über viele Schnittstellen eng zusammen. Wir unterlegen diese Zusammenarbeit mit inhaltlichen Bildungsgängen, die ohne Abbruch bis zum Abitur laufen. Bei Fremdsprachen beginnen wir z.B. mit Frühenglisch in der Kita und enden mit dem I.B. im Abitur. Insgesamt verfügen wir über vier unterschiedliche Profile dieser Art.

Warum ausgerechnet das beschauliche Nauen für ein so großes Projekt?
Das hat einen historischen Hintergrund. Nach der Wende habe ich nach alternativen Schulmodellen in den alten Bundesländern gesucht, die ein humanistisches Menschenbild vertreten und die eine Gliederung von Schule, wie sie damals bei uns nach westlichem Vorbild übernommen wurde, wieder aufheben. Da bin ich auf die reformpädagogischen Modelle der Landerziehungsheime gestoßen und habe daraufhin verschiedene Einrichtungen angeschrieben und so einen Partner gefunden, der zusammen mit mir das angestrebte Gymnasium aufbauen wollte. Das Problem lag in der Immobilie. In den 90er Jahren herrschten noch „Goldgräberzeiten“ mit immensen Grundstückspreisen z.B. in Potsdam oder Berlin. In Nauen gab es ein neu ausgewiesenes Investitionsgebiet, in dem wir uns ein Grundstück leisten konnten. Nauen liegt auch kurz hinter dem Berliner Ring im sogenannten Speckgürtel und hier sind nach der Wende viele Familien hergezogen.

Ist Ihr Campus mit der Möglichkeit aller Abschlüsse in einer durchgängigen Pädagogik an einem Ort ein Novum im Brandenburger Bildungssystem?
Ich glaube schon. Gemeinsame Vorhaben mit Grundschule und weiterführender Schule gibt es sicher auch andernorts, ebenso die Verbindung Kita und Grundschule. Dass aber alle Bildungsgänge verbunden sind – und sozialpädagogische Einrichtungen (Hort, Kita, Wohnheim) ihre Angebote darauf abstimmen  – das ist sicher einzigartig. Gerade ins Wohnheim kommen viele Kinder über das Kinder- und Jugendhilfegesetz zu uns, die von dieser Bildung partizipieren. Das sind Kinder, die beispielsweise seelisch oder sozial beeinträchtigt sind und aus Elternhäusern herausgelöst werden müssen. Manche dieser Kinder bleiben bis zum Abitur bei uns.

Ist das Thema „Inklusion – Schule für alle“ bei Ihnen schon Realität?
Das würde ich so nicht sagen. Wir befinden uns auf dem Weg dorthin. Aber Inklusion erfordert viel mehr. Das beginnt bei einem Menschenbild, das jeden Menschen mit seinen individuellen Bedingungen und Bedürfnissen wahrnimmt. Die Rahmenbedingungen müssen aber auch so sein, dass für alle Kinder eine solche Schule möglich ist. Da brauchten auch wir mehr Einzelfallhelfer oder Sonderpädagogen mit besonderen Schwerpunkten, z.B. für Sehgeschädigte oder Hörgeschädigte. Wir haben es in Nauen eher mit Kindern zu tun, die Förderschwerpunkte im Bereich Lernen, Sprache oder im  emotional-sozialen Bereich aufweisen.

Praktizieren Sie schon individuelle Förderung, die mit einem Blick auf Kanada oder Finnland immer wieder betont wird?
Na sicher, es geht immer um die individuelle Förderung und welche Instrumente man dafür nutzt. Wie jede Schule verfügen wir über durchschnittliche Schüler, es gibt Schüler, die herausragen und solche, die schwächer sind. Für die Leistungsstarken muss ich Enrichment-Maßnahmen vorhalten, die sie in ihren Stärken zusätzlich herausfordern. Das reicht von zusätzlichen Angeboten im wissenschaftlichen Bereich über Schülerstudenten an der Universität und Zusatzangebote im naturwissenschaftlichen Bereich wie der Forschung mit Robotik-Technik bis zu Drehtürmodellen, in denen Schüler der Klasse 7 schon den Matheunterricht der Klasse 9 besuchen können. Da gibt es viele weitere Beispiele. Das können individuelle oder systematische Maßnahmen sein, die immer auf den einzelnen Schüler abgestimmt sein müssen. Auf dem anderen Ende der Skala, bei den Kindern mit Teilleistungsstörungen, sozialen Schwächen oder autistischen Störungen, muss ich ein sonderpädagogisches Förderprogramm aufstellen, das von therapeutischen und Unterstützungsleistungen über Nachteilsausgleiche bis zu vielen weiteren Maßnahmen reicht. Dazu muss das Schulkonzept grundsätzlich so vielfältig angelegt sein, dass man die Neigungen der Kinder auch aufnehmen und ihnen die Chance geben kann, diese Neigungen auszuprobieren. Im nächsten Schritt müssen die Möglichkeiten vorgehalten werden, aus den Neigungen Interessen zu entwickeln, die sie bis zum Abitur verfolgen können. Ganztagsschulen und „Campusse“ sind da ein tolles Mittel. Je länger die Kinder da sind, desto besser kann man die Rahmenbedingungen auf diese Pädagogik abstimmen.

Es wird derzeit viel über Probleme im Bildungssystem diskutiert, inwieweit betrifft das auch Ihre Schulen?
Schulen in freier Trägerschaft werden immer wieder von Kürzungen und Erschwernissen bedroht. Bedauerlich finde ich die oft hinter einer solchen Politik stehende Sorge, dass nicht mehr genug Kinder im staatlichen System ankommen und  Schulen schließen müssen. Wenn ich Bildungsministerin oder Bildungspolitikerin wäre, würde ich doch eher die staatlichen Schulen so stärken, dass Eltern nach konzeptionellen Angeboten aus staatlichen und freien Schulen auswählen können. Leider versuchen es viele Länder andersherum. Sie erschweren die Bedingungen für freie Schulen und machen bei diesen höhere Schulgelder notwendig und erschweren deren Rahmenbedingungen. Es wird für freie Träger auch zunehmend zum Problem, dass Lehrkräfte auf dem Markt immer knapper werden, zumal freie Träger aufgrund geringerer staatlicher Zuschüsse weniger bezahlen können. Vor dem Hintergrund, dass wir für die Zukunft der Kinder in der Bildung alles tun sollten, finde ich diese Entwicklung sehr bedauerlich.

Es gibt an vielen Schulen ein Spannungsverhältnis zwischen Eltern und Lehrern, wie siehst das bei Ihnen aus?
In freien Schulen hat man eine ganz andere Notwendigkeit, auf Probleme und Kritik von Eltern einzugehen. Schließlich können sie sich bei Unzufriedenheit das Geld sparen und die Schule verlassen. Das geht schnell. Insofern müssen wir aktiver und intensiver auf Probleme reagieren. Das sollte alle freien Träger auszeichnen. Wir sind offen für Kritik und holen diese auch selbst ein. Das kann aber auch jede staatliche Schule tun. Wenn ich wissen will, wie Eltern über meine Schule denken, dann frage ich sie einfach.

Können Sie Erfolge Ihres besonderen Konzepts auch belegen?
Bei uns ist in den letzten 18 Jahren so gut wie kein Schüler durchs Abitur gefallen. Sie werden alle so individuell begleitet, dass sie den Abschluss schaffen. Es geht auch keiner aus der 10. Klasse ohne Abschluss – das sind mit einem Blick auf andere Schulen nachvollziehbare Belege für unseren Erfolg. Wir haben auch eine ganze Reihe von erfolgreichen Netzwerken und Projekten etabliert. Dazu zählt das Projekt „Jugend denkt Zukunft“, in dem wir mit einem Unternehmen aus Nauen zusammen arbeiten oder als Kooperationspartner der Technischen Universität Berlin agieren. Unsere Projektarbeit findet großen Anklang im Netzwerk „Club of Rome Schulen“, bei den „Blick über den Zaun Schulen“ oder als Schule gegen Rassismus. Das sind Dinge, die über Jahre wachsen und sich entwickeln – auch das halte ich für einen großen Erfolg.

Wie sieht Ihr Verhältnis zu öffentlichen Schulen und zum Ministerium aus, lernt man von Ihnen oder sind Sie eher geduldet?
Das Verhältnis zu den Kollegen öffentlicher Schulen ist auf der Arbeitsebene ausgesprochen gut. Wir sehen uns in vielen Gremien und das Miteinander ist sehr konstruktiv. Ich würde nie so weit gehen, dass das Ministerium öffentlich zugibt, von uns zu lernen. Eigentlich schade, weil die letzte Schulpreisschule unseres Landes das evangelische Gymnasium Neuruppin war. Als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Schulen in freier Trägerschaft des Landes Brandenburg pflege ich aber auch zum Ministerium auf der Arbeitsebene ein konstruktives und kollegiales Verhältnis.

Welchen Tipp haben Sie für Eltern, die sich über Bildung und gute Schule informieren möchten?
Eltern sollten das Schulportal auf dem Bildungsserver gründlich nutzen. Man erhält dort einen  Überblick über die Schulen der Region, sowohl über staatliche als auch freie Schulen. Dieses Netzwerk muss man gründlich abklappern und schon einmal auf die „Ochsentour“ gehen. Das kann man über die Homepage der jeweiligen Schulen beginnen und wo man sich wieder findet, dann die Tage der offenen Tür besuchen oder einen Probeunterricht nutzen. Das empfehlen wir immer wieder: Das Kind einfach zwei, drei Tage auf Probe an eine Schule zu schicken, bevor man die Entscheidung trifft. Das Kind merkt am ehesten, ob es sich in der Umgebung wohl fühlt. Nur wenn man sich wohl fühlt und gern an diesem Ort ist, kann man auch gut lernen.