Schulportrait 2: „Das muss dem einzelnen Schüler nützen“

Datum: Donnerstag, 19. September 2013 10:49

„Das muss dem einzelnen Schüler nützen“
ALGSInterview mit Heide Sillack, Schulleiterin an der Astrid-Lindgren-Grundschule Cottbus 

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Gibt es Ihres Erachtens für Eltern erkennbare Merkmale für eine gute Schule?
Aus meiner Sicht sollten Eltern immer den Tag der offenen Tür nutzen. Im Vorfeld sollten sie sich die Fragen und Themen überlegen, die sie für ihr Kind als wichtig empfinden. Wenn sie beispielsweise individuelle Förderung wollen, dann muss man als Eltern hinterfragen, wie das an der jeweiligen Schule funktioniert. Dieser Tag bietet Möglichkeiten, sich direkt vor Ort authentisch zu informieren. Im persönlichen Gespräch können Eltern schnell merken, ob die Antworten bewusst wiedergegeben werden oder ob nur ein plakatives Image bedient werden soll. Was Schulporträts und Werbemittel angeht – Papier und Veröffentlichungen im Internet sagen weniger aus als die Realität.

Wie gut können staatliche Schulen individuelle Förderung umsetzen?
Individuell für ein Kind mit dem Lehrer am ganz konkreten Problem zu arbeiten – das kann Schule kaum leisten. Dafür haben wir einfach zu wenige Stunden zur Verfügung. Dem Kind ist bei einem Problem nicht mit einem zweiten Übungsblatt geholfen. Der Lehrer muss die Ursachen ermitteln und das Thema erneut auf eine andere Art und Weise vermitteln. Das geht in einem individuellen Förderunterricht und der ist vorgesehen. Leider fällt das in sich zusammen, sobald Unterricht vertreten werden muss und damit diese Zeit für individuelle Förderung verloren geht. Wenn eine Schule das dennoch mit Wochenplänen und verschiedenen Methoden und Organisationsformen konsequent umsetzt, ist das schon eine Riesenleistung. Hier können Eltern nachfragen und sich orientieren.

Welche Schulen in unserer Region arbeiten schon so und wie sieht das an Ihrer Schule aus?
Alle werden sagen, dass sie individuelle Förderung umsetzen. Letztendlich kommt es aber auf die Qualität und damit auf die Lehrkraft an. Viele Grundschulen würden vorgeben, mit Wochenplänen, Stationenlernen und weiteren Methoden wie Freiarbeit zu arbeiten. Wenn man genau hinschaut, müssten dann auch viele unterschiedliche Materialien vorhanden sein. Wenn ich Kinder nur aus fünf Arbeitsblättern auswählen lasse, hat das nichts mit Freiarbeit zu tun. Man kann auch fragen, wie oft der Frontalunterricht aufgebrochen wird und zu welchem Zweck. Für mich ist es gute Grundschule, wenn Kinder die Chance bekommen, sich selbständig Wissen zu erschließen. Wenn der Frontalunterricht zum Üben aufgebrochen wird, ist es keine große Kunst. Wenn ich aber eine Struktur vorgeben kann, in der Kinder selbständig denken und lernen, halte ich das für ein hohes Gut. An unserer Schule sind viele Kollegen genauso strukturiert. Wir arbeiten viel in Gruppen. Das bringt die Kinder ins Gespräch oder sie müssen sich Themen anhand ihres Vorwissens selbst erschließen. Hier muss der Pädagoge qualifiziert sein und Orientierung geben.

Welchen Einfluss haben Sie als Schulleitung auf die Arbeit des Lehrerkollegiums?
Einen sehr großen Einfluss! Ich kann Strukturen für regelmäßige Fortbildung schaffen. Viele Schulen arbeiten mit Steuergruppen aus einigen Lehrern. Wenn bei uns ein neuer Blickwinkel für die Arbeit erschlossen wird, machen wir das immer mit allen Kollegen. Wir organisieren die Fortbildung und entwickeln gemeinsam Standards dafür, wie das neu erlernte auch beim Kind ankommt. Lehrer müssen sich nicht zum Selbstzweck fortbilden, um mehr zu wissen – das muss immer dem einzelnen Schüler nützen.

In den Schulporträts unserer Grundschulen tauchen kaum Schulsozialarbeiter und Sonderpädagogen auf, sind die Mangelware oder nicht nötig?
Die werden immer mehr gebraucht! Sonderpädagogen sind Mangelware, da immer mehr Kinder sonderpädagogischen Förderbedarf bescheinigt bekommen. Ich bin seit 22 Jahren hier und habe jetzt das erste Mal eine feste Sonderpädagogin an der Schule. Davor kamen sie immer nur stundenweise zu uns. Aber eine Stelle reicht nicht aus. Selbst die fest zugeordnete Kollegin muss immer wieder ihren Förderplan hinschmeißen und Unterricht vertreten. Das geht allen Schulen so.

Was sind die Besonderheiten an der Lindgren-Grundschule?
Wir haben eine enge Zusammenarbeit mit den Kindergärten, machen dort Vorschule und die Kinder kommen zu uns. Das hat sich in den letzten Jahren bewährt. Mit dem Hort nehmen wir regelmäßig an Veranstaltungen teil und laden die Horterzieher ein, wenn wir eine gute Fortbildung haben und umgekehrt. Im Hort sind fast alle Erzieher inhaltlich gut ausgebildet und haben eine Montessori-Ausbildung gemacht, dadurch können sie auch die Hausaufgaben gut betreuen, mit den Materialien umgehen und professionell mit den Kindern weiter lernen, wenn diese es unbedingt wollen.

Können Sie sich Ihr Lehrerteam aussuchen?
Darauf habe ich als Schulleiterin leider keinen Einfluss. Es ist zwar gewollt, dass Schulen ein bestimmtes Profil entwickeln, dennoch werden auch Lehrer zugewiesen, die selbst bei gutem Willen das jeweilige Profil gar nicht mittragen können, weil es ihrer inneren Haltung nicht entspricht. Das erschwert die Arbeit im Team und in der Schule.

Wie sieht Ihr Kontakt zu anderen Schulleitern aus, gibt es da einen regen Austausch?
Ja, wir arbeiten seit ein paar Jahren in einem gut strukturierten Netzwerk. Wer voneinander lernen will, kann das sehr gut.

Können Sie Erfolge Ihres Konzepts belegen?
Während der Schulvisitationen im vergangenen Jahr hatten wir das zweitbeste Ergebnis gleich nach der Potsdamer Montessori-Schule. Da zeigt sich, dass eine Kenntnis verschiedener Möglichkeiten der Montessori-Pädagogik eine gute Voraussetzung für die individuelle Förderung ist, wenn man sie um weitere Formen bereichert. Bei der Visitation wird unter anderem der Unterricht bewertet, hier haben wir das erste Mal die höchstmögliche Bewertung erreicht. Das macht uns stolz. Es wird auch kontrolliert, wie die Schulleitung ihre Arbeit macht und die Vorgaben der Schulpolitik umsetzt.

Gerade Eltern diskutieren viel über Probleme im Bildungssystem und sind oft unzufrieden, inwieweit betrifft das auch Ihre Schule?
Bei uns läuft es wirklich sehr gut. Aber die Lehrer müssten mehr Zeit für alles angerechnet bekommen, was rund um den eigentlichen Unterricht notwendig ist. Der erste Schritt wurde ja getan, in dem ab 2014 die Unterrichtszeit pro Woche von 28 auf 27 Stunden abgesenkt wurde. Um mit den Kindern wirklich individuell arbeiten zu können, brauchen Lehrer die Fähigkeit und vor allem auch die Zeit zur Diagnose, sie müssen die Möglichkeiten ausloten, mit denen sich der jeweilige Schüler optimal entwickeln kann. Das geht nur im Team, da kann Bildung viel erreichen. Hierfür gibt es aber keine Zeit im System und das müsste sich ändern. Kollegen bräuchten in ihrer Arbeitszeit fest angerechnet Kapazitäten für Teamzeit – das würde ein Teamwork erleichtern, das gerade für die skandinavischen Schulen bezeichnend ist. Wir müssen das aber nebenher machen, die wöchentlichen Treffen unserer Kollegen sind wirklich guter Wille und geopferte Freizeit der Lehrer. Es fehlt auch die Beständigkeit. Im Brandenburger Bildungssystem gibt es immer wieder gute Ideen, leider werden diese oft nicht zu Ende gedacht. Es wird zu wenig kontrolliert, was am Ende herauskommt. Wir haben z.B. sehr gute Diagnosehefte, in denen die individuelle Lernausgangslage von Schülern in jeder Jahrgangsstufe ermittelt werden kann. Mit der Auswertung dieser Hefte haben Lehrer den kompletten Überblick über den Leistungsstand des Kindes. Hier fehlt den Lehrern aber auch wieder die Zeit, sich im Team auf die Methoden und Lösungen zu verständigen, die nach der Diagnose ansetzen müssen. Das ist ein Fehler im System.