Schulportrait 1: „Es ist möglich!“

Datum: Donnerstag, 19. September 2013 10:52

„Es ist möglich!“
i1Interview mit Sylvia Hoffman, Schulleiterin an der ZeeBra@ Grundschule Zeestow

Gibt es Ihres Erachtens für Eltern erkennbare Merkmale für eine gute Schule?
Ich lade Eltern einmal im Jahr ein, die Schule in Aktion zu erleben. Dann erkennt man Schule. Wie sieht es aus auf dem Hof und auch auf den Klos, sind Lehrer ansprechbar, wie transparent ist eine Schule und wie ernst werden Eltern und ihre Befürchtungen genommen. Das bedeutet, wie ernst nehmen wir die Experten fürs Kind, das sind nämlich die Eltern.

Sie gehören zu den 84 Pilotschulen für Inklusion in Brandenburg, welche Erfahrungen haben sie gesammelt?
Wir arbeiten ja seit 10 Jahren auch ohne dieses Wort Inklusion so, wie wir das jetzt tun. Wir haben uns schon zum Start der Schule gesagt, wir müssen die Kinder wie unsere eigenen betrachten, auch wenn sie schwer lernen und ein Handicap haben. Warum sollen diese Kinder nicht in unsere Schule gehen? Dafür reichen die anderthalb Jahre, die das Pilotprojekt bislang läuft, nicht aus. Wir haben gut 3 bis 4 Jahre gebraucht, bis Eltern bewusst Klassen mit gemeinsamen Unterricht angewählt haben. Zuerst wollten sie gar nicht in diese Klassen. Jetzt wollen selbst Eltern leistungsstarker Kinder in diese Klassen und sagen, das sind super Lehrer und super Konzepte. Aber das dauert. Wir sind jetzt soweit. Wir hatten vergangene Woche mit den Eltern eine Inklusionskonferenz. Dort herrscht eine hohe Zufriedenheit, weil wir alle voneinander wissen. Wir machen hier nichts Geheimnisvolles und die Eltern kennen den Weg ganz genau. Für jedes Kind wird ein individuelles Paket geschnürt. Für Eltern ist wichtig: Kinder mit Handicap werden gut betreut, das passiert auch an anderen Schulen. Meine große Chance sind aber die Begabten. Diese Kinder haben doch genauso ein Handicap, wenn sich keiner um sie kümmert. Genau da liegt die große Chance für unsere Schule, Inklusion mit all ihren Vorteilen zu sehen. Wir hatten bereits 2002 ein Schulprogramm, dass sich ganz auf die Kinder konzentrierte. Wir haben inzwischen so viele Bewerbungen um Schulplätze, die wir gar nicht nehmen dürfen. Es wird gemerkt, wie wahrhaftig wir das leben. Das geht nur mit Herz und dem Netzwerk aus Lehrern, Sozialarbeitern und Sonderpädagogen. Wenn da nicht alle mitmachen, habe ich meinen Job als Schulleiter schlecht gemacht. Dann kriegen wir das nicht hin.

Wenn Sie das schon seit 2002 betreiben, was hat sich für Sie als Pilotschule geändert?
Unsere inhaltlichen Veränderungen gehen auch so immer weiter. Früher kam mal ein Sonderpädagoge und hat die Kinder im Unterricht beguckt. Danach haben wir alle Kollegen in die Fortbildung geschickt, damit jeder wirklich Bescheid weiß über die Möglichkeiten von Handicaps. Die müssen jetzt keine Sorgen mehr haben, welche Kinder auf sie zukommen. Sie haben gemerkt, dass wir den Unterricht umstellen müssen und das schlägt dann immer mehr Kreise. Die Inklusion müssen wir als Chance nehmen, den Unterricht zu modernisieren. Heute ist das Unterrichten einer Klasse in 5 Gruppen überhaupt kein Problem mehr. Wenn das gut vorbereitet ist und langsam angefangen hat, funktioniert das. Dann ist es auch nicht schlimm, wenn mal etwas nicht klappt. Das muss aber ständig weiter entwickelt werden und dann merken alle Lehrer plötzlich, dass es leichter wird. Mit dem richtigen Inklusionskonzept wird es viel leichter für alle, für Lehrer und für die Kinder sowieso! Die Anstrengung der ersten Jahre hat sich gelohnt. Die Eltern sagen: Genauso haben wir uns das vorgestellt. Und die Kinder sagen sich: Mensch ich kann das ja. Da finden unglaubliche Synergie-Effekte statt. Jetzt sagen die Lehrer, wenn die Kinder sich nach individuellen Plänen entwickeln, dass ihnen richtig das Herz aufgeht, wenn sie die Entwicklung der Kinder beobachten. Wir suchen nämlich, was ein Kind kann und nicht, was es nicht kann. Mit diesem empathischen Lernbild sind phänomenale Entwicklungen möglich.

Das hört sich nach idealer Grundschule an – warum gibt es in unserem Land so große Unterschiede in der Qualität von Schule?
Das ist Aufgabe des Schulleiters und ich sehe Schule als Dienstleister. Wenn Kollegen das nicht so sehen, bin ich die falsche Schule. Wir sind doch im öffentlichen Dienst und legen so großen Wert darauf. Warum sollen wir uns nicht Dienstleister nennen? Dann ist mein Job eine Managementaufgabe und ich muss die Balance zwischen den Experten halten, das sind die Eltern für das Kind, und der Professionalität der Lehrer und des Helfersystems. Ich vermittle Verlässlichkeit, Solidarität und sehe zu, dass sich die Lehrer im Team beständig fortbilden. Dazu braucht es einen langen Atem, da muss man auch Rückschläge in Kauf nehmen. Es muss aber verlässlich sein. Es ist nicht wahr, dass ein Kind ein Förderkind ist. Was soll das denn bedeuten? Die können doch hier alle mitmachen. Es ist ja schlimm genug, wenn zur Klasse 7 alle geteilt werden. Deshalb ist mir der gemeinsame Unterricht wichtig. Ich habe mich nie davon abbringen lassen und meine Leute können sich darauf verlassen, dass ich die Hilfen von Jugendamt und Sozialamt und die notwendige Weiterbildung organisiere. Wenn ein Kollege etwas für den Unterricht braucht, egal ob Software oder andere Stühle, dann ist es mein Job, mich darum zu kümmern. Bei mir hat auch noch nie ein Zweitlehrer, der speziell für die Förderung von Kindern da ist, Vertretungsunterricht gemacht. Auch nicht, wenn Kollegen krank sind. Sie sollen sich ja um die Kinder kümmern, die das brauchen. Daran merken die Kollegen, dass ich das wahrhaftig meine.

Viele Schulen sagten uns, dass gerade bei Erkrankung von Kollegen das System der individuellen Förderung zusammenbricht, weil Sonderpädagogen zur Vertretung eingesetzt werden müssen. Wie lösen Sie das?
Der Kollege, der wirklich Kinder mit Handicaps betreut, den nehme ich nie aus dem System. Es gibt aus dieser Chance, das alle Kinder bei uns standardisierte Entwicklungspläne haben, ganz andere Möglichkeiten. Wenn ein Schüler in einem Fach Probleme und in einem anderen Stärken hat, haben wir einen Plan für ihn. Wenn der nicht passt, wird zum nächsten Plan auf- oder abgestuft. Er wird anders unterrichtet und das wird mit den Eltern abgesprochen. So haben die Kinder Pläne, die bis zu einem Jahr voraus oder zurückreichen können. Wenn ein Lehrer bei mir ausfällt, wird die Klasse nicht „nur“ aufgeteilt. Jedes Kind geht mit seinem Entwicklungspaket in die Klassenstufe, die ihm gut tut. Wenn z.B. der Lehrer der 4. Klasse erkrankt, greift bei uns das Solidarprinzip. Dann gehen z.B. 3 Kinder in die Klasse 2, ein paar in die Klasse 3, einige in die Parallelklasse, stärkere in die Klasse 5 und ein Oberschlauer in die Klasse 6. Dort passen sie auch ins Getriebe, weil sie sich mit ihren Entwicklungsplänen nahtlos einpassen und das Lehrerteam darauf vorbereitet ist. Dieser Tag ist dann ganz spannend und niemand geht im Vertretungsunterricht verloren. In den 1. und 6. Klassen gibt es bei uns grundsätzlich keinen Unterrichtsausfall in den Hauptfächern. Das ist mein Job im Management, diese Chancen zu erkennen. Deshalb gibt es bei Erkrankung immer eine Lösung.

Sie haben das seit 10 Jahren mit vielen Methoden und Materialien verfeinert, kommen da nicht viele andere Schulen und wollen von Ihnen lernen?
Es gibt Schulen, denen ich gern helfe. Da tauschen wir uns unter den Lehrern auch aus. Da unsere Pläne so fantastisch funktionieren, kann ich es mir auch erlauben, Kollegen vormittags für einen solchen Austausch und Weiterbildung freizustellen. Da fällt kein Stück Unterricht aus. Ich helfe zwei, drei Schulen bei der Inklusion und Weiterbildung. Was mich am meisten nervt ist aber, wenn Konzepte einfach übernommen und nicht hinterfragt und unterfüttert sind. Wenn es dann nicht funktioniert, wird es als blödes Konzept abgestempelt. Schlecht gemachte Inklusion ist schlimmer als gar keine.

Bei Ihnen gibt es eine Vielfalt an Programmen und Maßnahmen, wie behalten Sie und Ihr Team den Überblick?
Den haben ich und meine Fachkonferenzleiter, das können Sie glauben! Wir haben wöchentliche Besprechungen und evaluieren beständig, was rausfliegt und was beibehalten wird. Für jedes Programm und jede Maßnahme gibt es eine Pilotphase. Deshalb ist nicht alles perfekt, das geht gar nicht. Aber Sie finden an unserer Schule keinen einzigen Kollegen, der sagen würde, Inklusion geht nicht, können wir nicht, wollen wir nicht. Als Chef muss man auch fachlich sehr gut sein. Ich hatte letzte Woche eine Gruppenhospitation in meinem Mathematikunterricht. Da waren alle Mathelehrer in meiner Doppelstunde hospitieren und haben sich angeschaut, wie man mit 20 Kindern in acht Gruppen unterrichten kann. So lernen wir voneinander.

Sie bekommen Ihre Lehrer nicht auf Wunsch, sondern zugewiesen. Wie motivieren und formen Sie dieses leistungsfähige Team?
Das hat auch mit Ressourcensuche zu tun. Personalentwicklung gehört zum Management Grund-ABC. Ich bilde mich selbst sehr viel weiter, denn ich muss immer up to date sein. Kommunikation, Teambildung, schwere Gespräche mit Eltern, Überzeugungen, auch fachliche Dinge – all das muss man können. Jeder hat eine Ressource und jeder kann etwas besonders gut. Ich sage auch mal, jeder im Team soll selbst sehen, was er schafft und kann. Aber ich sage auch, dass für Kollegen, die sich für Inklusion nicht öffnen können, hier kein Platz ist. Solange es diese Schule gibt, gehen wir diesen Weg. Und wir gehen ihn auch dann noch weiter, wenn sich das Land anders entscheiden sollte. Dann muss ein Kollege, der das nicht mittragen kann, eben versetzt werden. Das sage ich dann auch. Der Vorteil des öffentlichen Dienstes ist auch, dass es keine Arbeitslosen gibt. Auch das ist Personalentwicklung, denn dem Kollegen geht es damit bei uns ja auch nicht gut. Mittlerweile kommen Kollegen und Referendare aber ganz gezielt zu uns. Ich habe schon seit mehreren Jahren keine Personalprobleme mehr.

Das Sie in der aktuellen Diskussion um Inklusion in Brandenburg als Leuchtturm für inklusive Grundschule gelten, verschafft Ihnen das mehr Vor- oder mehr Nachteile?
Das ist mir egal. Es ist aber sicher eine Anerkennung. Ich muss ja auch um Ressourcen kämpfen. Schule kostet Geld, auch in der Gemeinde. Jetzt sind alle auf uns stolz, sonst habe ich immer nur Geld gekostet. Es bringt aber keine Vorteile für Inhalte und beeinflusst meine Arbeit nicht. Aber die Kollegen freuen sich schon über die positiven Zeitungsartikel. Interessant ist immer, wenn unsere Lehrer zu Weiterbildungen fahren, auf denen andere Lehrer sagen, dass Inklusion unmöglich funktionieren kann. Dann sagen Sie: natürlich kann das funktionieren. Wir sind der Zeit hier sicher noch um einiges voraus.

Gerade Eltern diskutieren viel über Probleme im Bildungssystem und sind oft unzufrieden, inwieweit betrifft das auch Ihre Schule?
In der Schulvisitation haben wir bei der Zufriedenheit die Bewertung von 3,95 auf einer Skala bis 4 erreicht. Wir brauchen sicher Personal, junge Leute, mehr Stunden und was so gefordert wird. Mich ärgert es aber, wenn Schulleiter mehr Geld und Personal zur Bedingung machen, um Inklusion richtig umzusetzen. Da wird nichts besser. Wenn das Management keine Visionen hat, dann wird das auch nicht gelingen. Wenn wir so wie jetzt arbeiten, sind Schüler keine „Looser“ mehr. Wir müssen niemanden mehr verlieren, alle können einen Abschluss schaffen. Wir haben schon ein paar Kinder „gerettet“. Wenn wir sie nicht betreut und mit ihnen gearbeitet hätten, wären sie abgedriftet. Lehrer sind auch stolz, wenn man gut mit ihnen arbeitet. An vielen Schulen gelten Schüler als frech oder eigenartig, wenn sie eine unkonventionelle Art haben. Dabei müssen wir das fördern und nicht ablehnen. Unsere Zuversicht ist wichtig. Mit dieser Vision muss man es nicht auf das Bildungssystem schieben.

Alle Schulen wollen individuelle Förderung machen, Sie wissen wie es funktioniert. Warum gibt es von Ihnen kein Handbuch?
Darüber habe ich schon nachgedacht. Das ist hier mein Job und ich helfe wo ich kann. Vielleicht müsste ich das mal zusammen tragen, aber Papier ist etwas Furchtbares. Ich habe mir angewöhnt, das immer kurz und praktisch zu gestalten. Ich weiß gar nicht, ob das für andere nützlich wäre, was ich da zusammentragen könnte. Man braucht auch einen langen Atem für die Umsetzung und das Engagement vor Ort. Kennen Sie den Spruch: Wie der Herr so das Gescherr? Ich kann alle Eltern nur sensibilisieren: Verlangen Sie das auch an ihren Schulen, von Ihren Schulleitern und Lehrerteams. Es ist möglich!