lausebande-09-2026

Was passiert, wenn im Kreißsaal kein Gebärbett mehr im Mittelpunkt steht, sondern Matratzen, Schaumstoffwürfel und Sitzsack? Enden Geburten dann seltener mit einem Kaiserschnitt? 2022 wurde genau das in der Be-Up-Studie mit knapp 3.800 Frauen untersucht. Zu den Autorinnen gehört die Wissenschaftlerin und langjährige Hebamme Elke Mattern von der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg. Im Interview erklärt sie, warum die Studie ein überraschendes Ergebnis brachte, wieso Bewegung und Selbstbestimmung bei der Geburt so wichtig sind und wie die werdenden Eltern selbst dazu beitragen können. Frau Mattern, die Be-Up-Studie sollte untersuchen, ob eine andere Gestaltung des Kreißsaals die Zahl der Kaiserschnitte senken kann. Wie kam es zu dieser Idee? Wir wissen schon lange, dass eine aufrechte Körperhaltung und Bewegung den Geburtsverlauf unterstützen können. Deshalb wollten wir wissen: Wenn wir die räumlichen Bedingungen so verändern, dass Frauen sich während der Eröffnungsphase möglichst viel bewegen und aufrecht bleiben können – wirkt sich das auch auf die Kaiserschnittrate aus? Dafür wurde in 22 Kliniken jeweils ein Kreißsaal als sogenannter Be-Up-Raum gestaltet. Dort gab es unter anderem Schaumstoffelemente und Matten, die zu verschiedenen aufrechten Positionen und Bewegungen aufforderten. Das Ergebnis war allerdings anders als erwartet. Ja, und genau das war das Überraschende. Wir hatten erwartet, dass es im Be-Up-Raum deutlich mehr vaginale Geburten geben würde. Bei insgesamt 3.719 teilnehmenden Frauen zeigte sich aber kein Unterschied zwischen dem Be-Up-Raum und dem normalen Kreißsaal. Die Rate der vaginalen Geburten lag in beiden Gruppen bei 88 beziehungsweise 89 Prozent. Unser ursprünglicher Ausgangswert lag deutlich niedriger. Wie erklären Sie sich dieses Ergebnis? Letztlich können wir nur spekulieren. Eine Erklärung könnte sein, dass durch die Studie insgesamt mehr Hebammen, Ärzte und Ärztinnen für aufrechte Gebärhaltungen sensibilisiert wurden. Vielleicht haben sie auch im normalen Kreißsaal mehr darauf geachtet, dass Frauen sich bewegen und verschiedene Positionen einnehmen können. Die Studie hat also möglicherweise nicht nur den einen Raum verändert, sondern auch etwas im Denken und Handeln der beteiligten Teams. Gab es weitere positive Effekte? Ja, sehr interessante: Die Kommunikation zwischen Hebammen und Ärztinnen und Ärzten hat sich verbessert, und auch die Arbeitszufriedenheit ist gestiegen. Das wurde später noch einmal wissenschaftlich untersucht. Offenbar haben sich die Berufsgruppen durch die gemeinsame Arbeit besser verstanden und mehr miteinander kommuniziert. Das ist ein Ergebnis, das über die eigentliche Fragestellung der Studie hinausgeht. Und wie haben die Gebärenden selbst die Geburt erlebt? Hier gab es einen sehr deutlichen Zusammenhang: Je mehr sich die Frauen während der Geburt in aufrechten Positionen befanden, z.B.im Sitzen, Stehen oder Vierfüßlerstand, desto stärker empfanden sie ihre Geburt als selbstbestimmt. Sie hatten eher das Gefühl, Einfluss auf den Geburtsverlauf nehmen zu können, aktiv beteiligt zu sein und Kontrolle zu behalten. Warum ist dieses Gefühl der Kontrolle so wichtig? Für die Zufriedenheit mit einer Geburt ist offenbar nicht entscheidend, ob am Ende alles so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Auch ein Kaiserschnitt in einer Notfallsituation kann von einer Frau als gute Geburt erlebt werden. Schwierig wird es eher, wenn sie das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren: wenn sie nicht versteht, was gerade passiert, warum eine Entscheidung getroffen wird oder welche Möglichkeiten es noch gibt. Deshalb ist es so wichtig, Frauen während der Geburt einzubeziehen und ihnen die Vorgänge zu erklären. Wie kann das konkret passieren? Entscheidungen sollten gemeinsam getroffen werden. Wenn beispielsweise eine IntervenWir unterstützen Frauen dabei, ihr Kind zu gebären Elke Mattern über mehr Selbstbestimmung im Kreißsaal 94 › Titelthema

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